Birnen-Wechsel

Brüssel. 133 Jahre hat sie uns seit ihrer Erfindung 1879 heimgeleuchtet. An diesem Samstag tritt sie wohl endgültig ihren Rückzug an: Dann tritt die vierte Stufe des Herstellungs- und Vertriebsverbotes für Glühlampen in Kraft, eine der unpopulärsten Entscheidungen der EU

Brüssel. 133 Jahre hat sie uns seit ihrer Erfindung 1879 heimgeleuchtet. An diesem Samstag tritt sie wohl endgültig ihren Rückzug an: Dann tritt die vierte Stufe des Herstellungs- und Vertriebsverbotes für Glühlampen in Kraft, eine der unpopulärsten Entscheidungen der EU. Nachdem in den vergangenen Jahren bereits die 60-, 70- und 100-Watt-Kolben vom Markt verschwanden, erwischt es dieses Mal die 25- und 40-Watt-Birnen. Ab 1. September liegen nur noch Glüh- und Halogenglühlampen mit einem Lichtstrom von weniger als 60 Lumen in den Regalen, das entspricht etwa zehn Watt. Begründung: Die herkömmlichen Leuchtkörper setzen nur rund fünf Prozent der verbrauchten Energie in Licht um, der Rest wird als Wärme abgestrahlt. Das ergibt Energieklasse D - und ist für den Klimaschutz eindeutig zu wenig. Schließlich will die Gemeinschaft bis 2020 rund 39 Terawattstunden Energie einsparen. Das entspricht immerhin der Leistung von vier großen Kernkraftwerken im Dauerbetrieb. Eine Rechnung, die nicht aufgehen wird, das hat die EU-Kommission in ihren bisherigen Zwischenberichten bereits herausgefunden.Bei den Menschen hat die Entscheidung von 2008 für massive Verärgerung gesorgt. Die einst als Heilsbringer gelobte Energiesparlampe ist unbeliebt - nicht nur weil sie erst nach zwei Minuten ein unangenehmes bläuliches Licht abstrahlt. Sie summt dabei noch leise und stinkt. Außerdem enthält sie Quecksilber und muss deshalb als Sondermüll entsorgt werden. 2,9 Tonnen Gift, so hat man in Brüssel errechnet, gelangen so pro Jahr in die Umwelt.

Zwar gibt es inzwischen verbesserte Alternativen der Hersteller. Gute Lampen schalten sich sofort ein, ergeben ein warmweißes Licht und auch die Geruchsbelästigung wurde vermindert. Doch als wirkliche Alternative taugen sie nicht. Anders die LEDs. Solche Hochleistungs-Leuchtkörper wandeln immerhin 70 Prozent ihrer Energie in Helligkeit um und halten darüberhinaus bis zu 50 000 Stunden. Kalt ist das Licht trotzdem, aber nicht mehr lange.

Die Zukunft, so heißt es beispielsweise bei den Forschern der Technischen Universität Dresden, gehört den OLEDs, organische Leuchtdioden, die in jeder beliebigen Farbe leuchten können. Die neuesten Modelle bestehen aus organischen Bauteilen, die ohne Giftstoffe auskommen. Eine ganze Zimmerdecke als Flächenstrahler, Fenster, die tagsüber transparent bleiben, nachts aber zur Lampe werden, sind keine Utopie mehr. Zehn bis 15 Jahre, schätzen die Wissenschaftler, werden solche Entwicklungen noch brauchen. Das Einsparpotenzial gilt als enorm, vor allem im öffentlichen Bereich. Denn nicht nur in Häusern und Wohnungen müssen die Glühlampen verschwinden, sondern auch an den Straßen, Bahnhöfen, Tankstellen und Autobahnen. 760 Millionen Euro kostet es pro Jahr, alle Straßen, Brücken und Plätze in Deutschland zu erleuchten. Die EU hat bereits klargemacht: Vom Birnen-Wechsel bleibt der öffentliche Raum nicht verschont.

Meinung

Echte Alternative gibt es noch nicht

Von SZ-KorrespondentDetlef Drewes

Auf der nach oben offenen Liste unpopulärer EU-Entscheidungen nimmt das Glühlampen-Verbot nach wie vor einen Spitzenplatz ein. Kein Wunder, was 133 Jahre lang gut funktionierte, sollte von einem Tag auf den anderen ohne brauchbare Alternative ersetzt werden. Denn die giftigen Energiesparleuchten mochte niemand wirklich gerne annehmen. Dass der Beschluss unter dem Gesichtspunkt der Energieeinsparung durchaus Sinn macht, steht zwar außer Frage. Aber Brüssel hätte den Herstellern früher und unmissverständlicher klarmachen können und müssen, was von ihnen erwartet wird. Tatsächlich aber blieb lange unklar, wie schnell die Umrüstung durchgezogen werden sollte. Genau genommen gab es bis zum Stichtag keine wirklich brauchbare Alternative.

Inzwischen haben die Produzenten dazugelernt. Der neue Birnenersatz ist besser als sein Ruf, aber eben keine wirklich wohnliche Lösung. Die lässt weiter auf sich warten. Ein Klimaschutz-Beitrag, der zeigt, wie man es nicht machen sollte, weil ausgerechnet die, auf deren Mitwirkung man setzte, verprellt wurden: die Verbraucher. Es gehört nämlich zu den unbegreiflichen Geheimnissen der europäischen Gesetzgebung, dass man den Wechsel in der Lampenfassung verordnete, obwohl die Ersatzprodukte genau genommen hochgiftig daher kommen.

Hintergrund

Noch sind im Handel vielfach Restbestände an Glühbirnen vorhanden. Vorräte an Glühlampen verschiedener Stärken gibt es noch in allen Praktiker-Märkten, sagte Pressesprecher Harald Günter auf Anfrage der Saarbrücker Zeitung. "Die könnten allerdings jetzt schnell abverkauft sein", so Günter.

Anders sieht es bereits bei Hornbach aus: "Wir haben keine Glühbirnen mehr, die Regale sind schon alle mit den neuen Leuchtmitteln ausgestattet", teilte Sprecherin Ursula Dauth unserer Zeitung mit. mast/red

Hintergrund

Am 1. September verschwinden auch die 25- und 40-Watt-Glühbirnen aus den Regalen. Vorhandene Glühlampen können freilich weiter genutzt werden. Es lohnt sich allerdings nachzurechnen, ob eine schrittweise Umrüstung sich nicht doch rechnet. LautStiftung Warentest kann eine dreiköpfige Familie bis zu 150 Euro im Jahr sparen, wenn sie ihre Wohnung auf neue Leuchtkörper umrüstet.

Problematisch ist aber, dass Energiesparlampen Quecksilber enthalten und nur in einigen wenigen Geschäften zurückgenommen werden. Bisher sind die Händler dazu nicht verpflichtet. Das soll sich erst 2014 ändern. Dann müssen Verkaufsstellen mit einer Fläche von mehr als 400 Quadratmetern - also Baumärkte oder Elektronik-Händler - alte Energiesparlampen entsorgen.

Alternativen sind Halogen- und LED-Lampen. Halogenlampen überzeugen durch ihre sehr natürliche Farbwiedergabe, verbrauchen aber weit mehr Energie. LED-Leuchten gehen aus allen Tests als Sieger hervor, sind derzeit allerdings mit Preisen bis zu 40 Euro sehr teuer. dr

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort
Unser Ort hat viele Gesichter Hier schließen wir die Aktion der Saarbrücker Zeitung in der Gemeinde Schmelz ab. Glückwunsch dem deutlichen Gewinner Dorf im Bohnental! Als nächstes folgt die Gemeinde Überherrn an diesem Wochenende mit ihren sechs Ortsteile
Unser Ort hat viele Gesichter Hier schließen wir die Aktion der Saarbrücker Zeitung in der Gemeinde Schmelz ab. Glückwunsch dem deutlichen Gewinner Dorf im Bohnental! Als nächstes folgt die Gemeinde Überherrn an diesem Wochenende mit ihren sechs Ortsteile
Streitfall Eiweißbrot hat sich zu einem Renner entwickelt. Weil es kaum Kohlenhydrate in Form von Stärke enthält, gilt es den einen als idealer Schlankmacher, anderen jedoch wegen seines höheren Fettgehalts als Dickmacher. Die Ernährungswissenschaft kann
Streitfall Eiweißbrot hat sich zu einem Renner entwickelt. Weil es kaum Kohlenhydrate in Form von Stärke enthält, gilt es den einen als idealer Schlankmacher, anderen jedoch wegen seines höheren Fettgehalts als Dickmacher. Die Ernährungswissenschaft kann
8,50 Euro Stundenlohnsollen Unternehmen im Saarland künftig an ihre Arbeitnehmer zahlen, um in den Genuss öffentlicher Aufträge zu kommen. Im Landtag wurde gestern der Entwurf eines saarländischen Tariftreuegesetzes mit großer Mehrheit angenommen.
8,50 Euro Stundenlohnsollen Unternehmen im Saarland künftig an ihre Arbeitnehmer zahlen, um in den Genuss öffentlicher Aufträge zu kommen. Im Landtag wurde gestern der Entwurf eines saarländischen Tariftreuegesetzes mit großer Mehrheit angenommen.