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BIG DATA oder die Vermessung des Menschen

BIG DATA oder die Vermessung des Menschen

Vor einem Jahr schrieb der im Sommer verstorbene FAZ-Journalist Frank Schirrmacher einen fulminanten Artikel. Der Titel, "Was die SPD verschläft", führt ein wenig in die Irre, denn es geht in dem Aufsatz um die zentrale Frage der heutigen Zeit, nämlich wie die Gesellschaft mit Big Data umgehen sollte.

Big Data ist die Revolution der Moderne, die vollkommene Umwälzung des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens bisheriger Prägung. Die Menschheit sitzt mitten drin im Auge des Zyklons - und spürt die Gefahr nicht, weil es dort trügerisch ruhig zugeht. Schirrmacher, der die Politik wachrütteln wollte, traute der SPD noch am ehesten zu, die bereits entstandenen und sich weiter entwickelnden Asymmetrien der Macht menschengerecht zu verändern. Doch bislang hat sich kein Politiker in Deutschland auch nur ansatzweise profiliert, dem Megathema eine Richtung zu geben. Auch nicht der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel , der im Juli 2013 die Total-Überwachung der Bürger als "Datenkapitalismus" gegeißelt hatte.

Als der Whistleblower Edward Snowden sein Wissen über die staatliche Überwachung der Bürger von dem US-Journalisten Glenn Greenwald publizieren ließ, war die Aufregung groß. Vor allem in Deutschland empörten sich Menschen und Medien über die angloamerikanischen Geheimdienste NSA und GCHQ, denen nichts heilig ist, auch nicht grundgesetzlich garantierte Rechte. Damals wussten die Leute noch nicht, dass alles noch viel schlimmer ist, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen vorgestellt haben. Denn "Big Brother " sitzt uns nicht nur im Nacken - er hat sich bereits im Körper des Menschen eingenistet.

Big Brother 2.0, das ist nicht nur der Geheimdienst, ist nicht bloß Google oder Facebook , Apple , Instagram oder Amazon . Big Brother 2.0 lauert mittlerweile in jeder Ritze, in jeder Wolke, in jedem Smartphone. Der große Bruder ist seit geraumer Zeit dabei, die Privatsphäre und das Selbstbestimmungsrecht der Menschen zu zerstören. Die Essenz der Grundrechte verdampft, seit die digitale Technik mit der Vermessung des Menschen begonnen hat. Durch die professionelle Analyse der riesigen Datenmengen, die unablässig anfallen, dringt das System vor bis in die DNA des Individuums. Bereits heute können mit digitaler Technik Abläufe und Wahrscheinlichkeiten erkannt werden. Also Verhaltensmuster. Damit wird der uralte Traum des Menschen wahr, vorausschauen, also hellsehen zu können. Längst hat die Wirtschaft auch schon den zweiten Schritt getan, nämlich die gewonnenen Erkenntnisse zu kommerzialisieren. Der dritte (und gefährlichste) Schritt ist die mittelbare und unmittelbare Beeinflussung von Systemen, Prozessen und Personen. Dieses Szenario ist keine Zukunftsmusik, sondern smarter Sound der Gegenwart.

Heute hinterlässt der Mensch eine Fülle digitaler Spuren, die jeder "Hund" (Agent) mühelos verfolgen kann. Nahezu jede Person ist umhüllt von einem Schleier aus Abermilliarden Bits und Bytes, die umfassende Auskünfte geben: Wie gut hat Bürger A geschlafen, wann steht er morgens auf, welche Musik hört er, wie sind seine Fitnesswerte, wohin fährt er mit dem Auto (und wie schnell), mit wem telefoniert oder kommuniziert er, für welche Güter, Parteien oder Regionen interessiert er sich, in welches Restaurant geht er wann mit wem essen und mit wem geht er ins Bett. All diese Informationen sind schon jetzt problemlos erfassbar - und die Geheimdienste tun das auch ungeniert. In den Hauptstädten der Welt ist es ein offenes Geheimnis, dass Geheimdienste alles tun, was nicht ausdrücklich verboten ist - und oft noch ein bisschen mehr.

Das ist das Problem. Unter dem Mantel des Totschlag-Arguments "Sicherheit", das von der Gesellschaft akzeptiert wird, sammeln Geheimdienste jede nur denkbare Information. Zwar ist in den meisten Ländern durchaus eine rechtliche Basis dafür vorhanden, doch - und das ist der Punkt: die Kontrolle steht nur auf dem Papier. In totalitären Staaten wie Russland und China sind rechtliche Schranken ohnehin gegenstandslos, in den USA gibt es Feigenblätter wie den geheim tagenden Gerichtshof FISC (Foreign Intelligence Surveillance Court), und in Deutschland versucht ein niedliches Gremium mit Namen PKGr (Parlamentarisches Kontrollgremium), seiner Kontrollaufgabe gerecht zu werden. Der ganze Ansatz ist naiv, genau so gut könnte eine Gruppe von IT-Experten zum örtlichen Stadtrat gehen, damit der ihre Algorithmen überprüft.

Die allumfassende Überwachung, die der junge Amerikaner Edward Snowden aufgedeckt hat, ist Teil eines Systems, das die Havard-Professorin Shoshana Zuboff "Überwachungskapitalismus" nennt. Auch Schirrmacher zog Vergleiche zum alten Manchester-Kapitalismus, als die neuen Dampfmaschinen eine industrielle Revolution ermöglichten - und mit ihr die Ausbeutung ganzer Generationen von Arbeitern und Angestellten. Aus dieser dramatischen Entwicklung des 19. Jahrhunderts heraus sind politische Systeme und Organisationen entstanden, die bis heute das Leben auf der Erde prägen: Gewerkschaften, sozialdemokratische und kommunistische Parteien, Sozialismus und eben der Kapitalismus . Die Protagonisten der heutigen Revolution heißen Steve Jobs , Bill Gates , Jeff Bezos und Mark Zuckerberg . Ihnen ist es gelungen, die Gesellschaft ohne politische Ideologie umzuwälzen, aber sie sind dabei systematisch auch zu Hilfssheriffs der Geheimdienste geworden.

Die entscheidende Frage ist nun: Wohin bugsiert uns die digitale Revolution, wohin driftet die Gesellschaft? Eine Gesellschaft, die gar nicht mehr versteht, welche Kräfte wo und wie wirken, die vollkommen überfordert ist von dem komplexen Gewirr an Hard- und Software, von der neuen Fachsprache, von den neuen Autoritäten, Systemen und Netzwerken. Eine Gesellschaft, die sich offenbar schon in ihr digitales Schicksal ergeben hat - und sogar konstruktiv mitarbeitet, indem sie ihre Daten freiwillig den fordernden Systemen überlässt. Es ist der realen Macht der IT-Konzerne und einer beklemmenden Mischung aus Faszination, Resignation und Kapitulation geschuldet, dass echter Widerstand gar nicht erst aufkommt und die neue Wirklichkeit akzeptiert wird - ohne dass man sie wirklich versteht. Genau wegen dieser Asymmetrie "war Snowden notwendig" (Zuboff).

Die Schlüsselbegriffe der latenten Gefahr heißen Algorithmus und Vernetzung. Die Erfassung der Daten eines Telefonats oder einer Autofahrt mag isoliert betrachtet unbedenklich sein. Wenn sie aber von Supercomputern analysiert und mit anderen Bewegungsprofilen verknüpft werden, können sie für Firmen, Behörden oder Versicherungen enorme Bedeutung erlangen. Gleiches gilt für gepostete Fotos, Surfprofile oder Einkäufe via Amazon und Ebay. Die Algorithmen kennen keine Moral, sie spucken nackte Informationen aus. Und sind gerade dabei, "smart", also "intelligent" zu werden. Wissenschaftler programmieren bereits "lernende Systeme", die sich selbst verbessern, ohne dass der Mensch noch eingreifen muss. Derartige Systeme aber, sagt die Autorin Yvonne Hofstetter, "sind ein Angriff auf die Autonomie des Menschen". Im Gespräch mit der "Zeit" (38/14, S. 51) lässt sie einen Alarmruf los: Man dürfe die immensen digitalen Möglichkeiten nicht den freien Kräften des Marktes überlassen. Sonst sei die Demokratie in Gefahr.

Computerspezialisten wie Jaron Lanier, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2014, haben begriffen, dass durch die unablässige Inflation der Daten nicht nur Bewegungsprofile und Verhaltensmuster erkannt und gespeichert werden können. Sondern dass aus dieser Entwicklung eine Manipulation des Individuums und damit der Gemeinschaft folgern kann. Für Internetgiganten (und Regierungen) wäre es dann ein Leichtes, die Meinung des Souveräns gezielt zu steuern. Diese so genannte "Kontrollstrategie" ist einfach umzusetzen, da Menschen in aller Welt den Vorgaben der Systeme weitgehend bedenkenlos folgen. Die Deutschen, die das brisante Thema besonders kritisch beäugen, machen da keine Ausnahme: Nach Angaben des Branchenverbandes Bitcom lagern auch sie ihre Daten gern in irgendeiner "Cloud" ab. Jeder fünfte Bundesbürger wäre sogar bereit, sich zur Kontrolle seiner Gesundheit einen Chip einpflanzen zu lassen.

Auch Zeitgenossen, die in Edward Snowden einen "Verräter" sehen, werden schwerlich leugnen können, dass er uns die Augen geöffnet hat. Die Augen geöffnet hat für die simple Erkenntnis, dass Geheimdienste unersättlich und IT-Firmen alles andere als selbstlos sind. Dass durch die immensen Möglichkeiten der IT-Technologie virtuelle Zombies geschaffen werden können, die kaum noch kontrollierbar sind. Schon jetzt überwacht eine Armada von "großen Brüdern" das Leben der Menschen in aller Welt, die - aus Angst oder Opportunismus - ihr Verhalten unmerklich und in zunehmendem Maße den Systemen anpassen. Geradezu apokalyptische Visionen werden wach, wenn eintreten sollte, was Jaron Lanier prophezeit: Dass solche Systeme bald global so vernetzt sein werden, dass ihre Architektur "locked in", also nicht mehr veränderbar ist.

Dann gute Nacht, schöne neue Welt.