Betrugsfall beim "Spiegel": Claas Relotius hat über Jahre Teile von Geschichten frei erfunden.

Betrugsfall beim „Spiegel“ : Von wegen „Sagen, was ist“

Der publizistische Leitspruch des „Spiegel“ ist am vergangenen Mittwoch ins Wanken gekommen: Der Reporter Claas Relotius soll über Jahre Geschichten frei erfunden haben. Das Nachrichtenmagazin spricht vom absoluten Tiefpunkt seiner 70-jährigen Geschichte.

Er ist gerade einmal 13 Jahre alt, als er in seiner syrischen Heimatstadt Daraa auf einer Mauer ein Graffito hinterlässt.  Über Whatsapp erzählt Mouawiya Syasneh seine Geschichte, berichtet detailliert, wie er die Worte „Du bist als Nächster dran, Doktor“ in jugendlichem Leichtsinn auf die Wand sprüht. Mit „Doktor“ meint er den syrischen Machthaber Baschar Al-Assad. Der junge Mann ist felsenfest davon überzeugt, dass er mit dieser Schmiererei aus seiner Kindheit nichts Geringeres als eine Mitschuld am syrischen Bürgerkrieg trägt.

Das alles soll er dem Reporter Claas Relotius erzählt haben. Und der macht „Ein Kinderspiel“ daraus, erschienen in der „Spiegel“-Ausgabe vom 23. Juni 2018. Die Geschichte ist so berührend erzählt, dass die Jury des Deutschen Reporterpreises sie zur besten Reportage des Jahres kürt. Was die Verantwortlichen nicht ahnen können: Sie ist zum Teil frei erfunden. Gespräche, Orte, Szenen: einfach ausgedacht oder beliebig ergänzt. Und es wäre schon skandalös genug, wenn es sich dabei um einen Einzelfall in der Geschichte der Reporterpreise handeln würde. Doch das, was nach bisherigen Erkenntnissen im Hause eines der renommiertesten Medienhäuser in Deutschland über Jahre übersehen wurde, kann man nur so zusammenfassen, wie der „Spiegel“ am Freitag über sich selbst getitelt hat: „Ein Albtraum“.

Über Jahre veröffentlichte Relotius auch in anderen Magazinen, Zeitungen und Nachrichtenagenturen packende Reportagen, mit vielen Einzelheiten, süffig und elegant geschrieben. Er berichtet über Bürgerwehren an der US-Grenze zu Mexiko, über Trump-Wähler in der amerikanischen Provinz. Seine Texte sind begehrt, mit 33 hat er mehrere Preise gewonnen. Der junge Mann gilt als „Edelfeder“ und Vorbild für Spitzenjournalismus. Bis zum vergangenen Mittwoch.

Da präsentiert „Der Spiegel“ eine Enthüllung in eigener Sache. In „großem Umfang“ habe der Reporter, der seit 2007 bis zum vergangenen Montag für das Blatt in aller Welt unterwegs war, seine eigenen Geschichten gefälscht und Protagonisten erfunden. Aufgeflogen war alles nur, weil ein Kollege den Mut fasste, seinem inneren Gefühl nachzugehen. Es war Juan Moreno, der Co-Autor zur Reportage „Jaegers Grenze“ über eine Bürgerwehr in Arizona, die entlang der Grenze zu Mexiko auf eigene Faust patrouilliert. Es sollte Relotius’ letzte Reportage für den „Spiegel“ sein. Denn Moreno lässt nicht locker, reist auf eigene Kosten nach Arivaca in Arizona, an den Ort, an dem Relotius seinen Protagonisten getroffen haben will. Als er dort ankommt und dem Mann ein Foto von Claas Relotius zeigt, schüttelt dieser nur den Kopf. Er habe diesen Mann nie gesehen.

Nachdem er zunächst E-Mails manipuliert, um sein Handeln zu vertuschen, gesteht Relotius schließlich, als es praktisch nichts mehr zu leugnen gab. Er gab zu, Textpassagen, Zusammenhänge und Gespräche frei erfunden zu haben. Aus Fakten machte er Fiktion. Mittlerweile hat er den „Spiegel“ verlassen und sämtliche Preise zurückgegeben.

„Sagen, was ist“, hatte „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein (1923-2002) das Credo des Blattes auf den Punkt gebracht. Informationen im „Spiegel“ müssten stimmen, immer. Der Fall Relotius stürze das Magazin in die vielleicht schwerste publizistische Krise seit seiner Gründung 1947, schreibt die Chefredaktion um den neuen Leiter Steffen Klusmann. „Das trifft ins Mark“, sagt „Spiegel“-Geschäftsführer Thomas Hass. Eine Kommission aus internen und externen Experten kläre nun, wie die Fälschungen ins Blatt gelangen konnten. Gestern dann ein weiterer Schock: Der 33-Jährige soll von seinem privaten Mail-Konto Lesern Spendenaufrufe geschickt haben, um angeblich Waisenkindern in der Türkei zu helfen. Das Geld sollte demnach auf sein Privatkonto überwiesen werden. Der Redaktion sei davon nichts bekannt gewesen. Die Sache liege nun bei der Staatsanwaltschaft.

„Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann schrieb am Wochenende: „Wir als Macher des ‚Spiegel’ müssen einräumen, dass wir in einem erheblichen Ausmaß versagt haben.“ Relotius sei es gelungen, im Haus übliche Sicherungsmechanismen zu umgehen. „Signale und Hinweise, die uns hätten stutzig machen können“, seien nie an einer Stelle gebündelt worden.

So habe er die Übersetzer bei verschiedenen seiner Geschichten gebeten, lieber nichts ins Englische zu übersetzen für das internationale Angebot. Wieder an anderer Stelle habe er die Fotokollegen gebeten, ein bestimmtes Foto nicht auf die Website zu stellen, schreibt Klusmann: „Stets hatte er sehr plausible Argumente für sein Ansinnen.“ 

Unterdessen warf der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, dem Magazin einen anti-amerikanischen Kurs vor. „Es ist eindeutig, dass wir Opfer einer Kampagne institutioneller Voreingenommenheit wurden“, schrieb Grenell an die Chefredaktion in einem auf Freitag datierten Brief, den der „Spiegel“ öffentlich machte. Der stellvertretende Chefredakteur Dirk Kurbjuweit: „Wir entschuldigen uns bei allen amerikanischen Bürgern“, die durch die Reportagen von Relotius beleidigt und verunglimpft worden seien. Den Vorwurf der Voreingenommenheit wies er jedoch zurück.

Der Medienwissenschaftler Volker Lilienthal spricht von einem „Flurschaden“ – nicht nur für den „Spiegel“, auch für die gesamte Medienöffentlichkeit. „Wir kennen die ganze Schimpfrede von der Lügenpresse“. Der bisherige „Spiegel“-Journalist habe dieses Gerede „fahrlässig munitioniert“.

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