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Saarlouis
Betriebsversammlung in explosiver Stimmung

 Ford kämpft hartnäckig gegen Verluste und will sein Image aufpolieren.
Ford kämpft hartnäckig gegen Verluste und will sein Image aufpolieren. FOTO: dpa / Rolf Vennenbernd
Saarlouis. Viele Mitarbeiter trauen dem Management nicht mehr über den Weg. Ford-Deutschland-Chef Herrmann setzt auch langfristig auf den Focus. Von Thomas Sponticcia
Thomas Sponticcia

Jürgen Werner hat schon den legendären „Hundeknochen“ mit zum Laufen gebracht. Jenen Escort, der als erstes überhaupt aus dem Werk am Saarlouiser Röderberg kam und weltweit Aufmerksamkeit erregte. Für den heute 66-Jährigen, der alle Neuanläufe von Modellen in Saarlouis mitgemacht hat, ist es selbstverständlich, zur hoch brisanten Betriebsversammlung zu kommen. Die gesamte Belegschaft erwartet von Ford-Deutschland-Chef Gunnar Herrmann, der mit einem gellenden Pfeifkonzert begrüßt wird, Aufschluss über die künftige Strategie. Konkret: Wie geht es weiter in Saarlouis? Auch Werner kennt die Machtspiele und den Poker um Standortbedingungen seit Jahrzehnten, behauptet, sie gehörten bei Ford immer wieder zur Tagesordnung.


Selbstverständlich werde es in Saarlouis weitergehen, sagt Werner. „Ich habe schon alle möglichen Höhen und Tiefen miterlebt. Früher wie heute wurden und werden Werke und Standortkosten gegeneinander ausgespielt.“ Für Ford Saarlouis spreche die hohe Qualifikation der Mitarbeiter, ihre große Flexibilität, die Effektivität im Werk und die Qualität der Autos. Das wisse auch die Ford-Zentrale in Detroit genau, die derzeit wieder einmal die Muskeln spielen lasse.

Michael Weismann (52) aus Wallerfangen ist da schon wesentlich skeptischer. „Der Zug ist abgefahren. Wenn die im Management so weitermachen, dann werden hier keine Autos mehr gebaut“, meint er. Weismann erkennt Parallelen zum Bergbau. Dort hat er 16 Jahre verbracht, bevor er zu Ford kam. Und auch dort sei immer mehr gespart worden, bis am Ende alles kaputt war.



Die Stimmung in der Betriebsversammlung ist explosiv, hört man. Schon draußen vor den Werkstüren wird sehr viel Unmut geäußert. Der kleine Mann müsse wieder mal für Versäumnisse von „denen da oben“ bezahlen. Nicht einmal den Namen von Gunnar Herrmann kennen viele. „Der da aus Köln“ spreche, heißt es wiederholt. Auch dessen Sprache ist nicht jedermanns Sache. „Viel Bla Bla“ sei dabei. Die Mitarbeiter wollen vor allem ein Wort hören: Zukunft.

 Gunnar Herrmann musste gestern viel Kritik einstecken.
Gunnar Herrmann musste gestern viel Kritik einstecken. FOTO: Ford

Eine 55-jährige alleinerziehende Frau, die namentlich nicht genannt werden will, sagt ganz offen, dass sie sauer ist auf das Management. Das nehme zu wenig zur Kenntnis, was überhaupt geleistet wird. Sie selbst arbeite in Wechselschicht am Band, gebe seit 2001 ihr bestes. „Glauben Sie mir: Die harte körperliche Arbeit wird für Menschen immer schwerer, je älter sie werden.“ Sie sei auf das Geld angewiesen.

Ein junger Auszubildender, der gerade erst im ersten Lehrjahr zum Werkzeugmechaniker ist, gibt klar zu verstehen, dass er eigentlich all seine Hoffnungen auf eine Übernahme bei Ford und eine langfristige Existenz im Unternehmen gesetzt hat. Jetzt sei er schon froh, wenn er überhaupt noch seine Ausbildung beenden kann. Andere Mitarbeiter monieren am Werkstor, die Suche nach neuen Modellen und Technologien sei verschlafen worden. Und die Prämien durch wegfallende Schichten seien jetzt futsch. Viele seien darauf angewiesen, hätten Angst, ihr Haus nicht mehr abbezahlen zu können.

Herrmann versucht zu beschwichtigen. Man werde allen, die Ford verlassen müssen, dabei helfen, neue Arbeitgeber zu finden. Es werde in allen Fällen auf sozialverträgliche Lösungen gesetzt. Viele sehen in Herrmann den Buhmann, der die brandgefährliche Situation in Saarlouis mit herbeigeführt habe. Doch an diesem Punkt wird selbst dieser sauer. Er habe es langsam satt, sich immer wieder anzuhören, was Ford in der Vergangenheit angeblich alles falsch gemacht hat. Sein persönlicher Einsatz gelte dem Ziel, die deutschen Standorte fit zu machen für die Zukunft, auch Saarlouis. Mit einem Zwei-Schicht-Betrieb sei man mit der Produktion des Focus künftig voll ausgelastet. Betriebsratschef Markus Thal betont, die Belegschaft werde nicht jeden Kurs mittragen.

Ohne eine verbindliche Zusage, dass der Focus langfristig gebaut wird und das Werk bestehen bleibt, werde es keinen Kompromiss geben, sagte Thal unter tosendem Applaus. Die Verhandlungen gehen weiter. Wie lange das Werk wirklich bestehen bleibt, weiß heute niemand.