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Bescheiden in der Stunde des Triumphs

Bescheiden in der Stunde des Triumphs

In seinen Anfangsjahren als Wissenschaftler galt Stefan Hell als Exot. Seine Ideen fanden nur wenig Aufmerksamkeit in der Fachwelt. Jetzt ist er Nobelpreisträger – und dankt vor allem Kollegen und Forschungsinstitut.

Freude, Stolz und Erwartung in den Gesichtern, alle Augen sind auf ein Büro im obersten Stockwerk von Turm 2 des Göttinger Max-Planck-Campus gerichtet. Hinter der verschlossenen Tür muss Stefan Hell sein. Dass der Physiker gemeinsam mit zwei US-Forschern den Nobelpreis für Chemie bekommt, hat sich am Mittwochmittag unter den Forschern schnell herumgesprochen. Es ist 12.28 Uhr, als sich schließlich die Tür öffnet und Hell zögernd auf den Flur tritt. Ohrenbetäubender Jubel brandet auf, langes Klatschen, Juchzen. Der 51-Jährige wirkt fast ein wenig verlegen. "Es war für mich überraschend", sagt Hell. "Ich habe zuerst an einen Scherz gedacht." Doch es sei tatsächlich das Nobelpreiskomitee gewesen. Hell wirkt in dieser Stunde des wissenschaftlichen Triumphes bescheiden. Der Preis gebühre nicht ihm allein, sagt er und würdigt alle, die in vielen Jahren an seiner Mikroskopietechnik mitgetüftelt haben. "Es ist eine tolle Auszeichnung für uns alle." Zugleich sei es eine Auszeichnung für das Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie , das die Forschungsarbeit ermöglichte.

Hell verbrachte seine Kindheit in Rumänien. 1978 wanderte seine Familie nach Ludwigshafen aus. Zu Beginn seiner Arbeit als Wissenschaftler war sein Forschungsgebiet nicht in Mode, seine Ideen fanden in der Fachwelt kaum Aufmerksamkeit. "Die Optik, mit der ich mich beschäftige, war im Grunde Physik des 19. Jahrhunderts, da war eigentlich schon alles abgegrast - dachte man zumindest", sagte Hell 2009. Nach Studium und Promotion in Heidelberg hangelte er sich zunächst mit Stipendien in Finnland und in Oxford durch. Mit 10 000 D-Mark, die ihm seine Großeltern nach der Dissertation als Startkapital geschenkt hatten, meldete Hell seine Entdeckung als Patent an. "Der Blick direkt in den Organismus öffnet eine neue Tür in der Neurologie und kann Erkenntnisse über Krankheiten wie Alzheimer, Autismus oder Parkinson liefern", sagt der Forscher, der verheiratet ist und drei kleine Kinder hat.