Berlin hadert mit dem Glauben

Berlin. In Glaubensfragen ist Berlin keine feste Burg. Nur eine kleine Minderheit von rund 14 Prozent stimmte gestern für die von den Kirchen unterstützte Initiative, Religion von der ersten Klasse an als vollwertiges Unterrichtsfach einzuführen. Die meisten Wahlberechtigten schlugen einen weiten Bogen um die Wahlurnen oder stimmten dagegen

 Der evangelische Landesbischof Wolfgang Huber (li) und Erzbischof Georg Sterzinsky warben für das Fach Religion. Foto: dpa

Der evangelische Landesbischof Wolfgang Huber (li) und Erzbischof Georg Sterzinsky warben für das Fach Religion. Foto: dpa

Berlin. In Glaubensfragen ist Berlin keine feste Burg. Nur eine kleine Minderheit von rund 14 Prozent stimmte gestern für die von den Kirchen unterstützte Initiative, Religion von der ersten Klasse an als vollwertiges Unterrichtsfach einzuführen. Die meisten Wahlberechtigten schlugen einen weiten Bogen um die Wahlurnen oder stimmten dagegen. Sie bestätigten damit den Ruf Berlins als "Welthauptstadt des modernen Atheismus". An den öffentlichen Schulen wird sich nichts ändern: Das staatliche Wertefach Ethik ist weiterhin von der siebten bis zur zehnten Klasse Pflicht, Religion nur ein freiwilliges Zusatzangebot.

Für einen Erfolg der Religionsanhänger hätten mindestens 611 422 Menschen mit "Ja" für den Gesetzentwurf stimmen müssen, also 25 Prozent der 2,45 Millionen Wahlberechtigten. Gleichzeitig musste es mehr Ja- als Nein-Stimmen geben.

Es war von Anfang an schwer für die Kirchenleute. In Berlin fühlen sich laut Umfragen 65 Prozent der 3,4 Millionen Einwohner an gar keine Konfession gebunden. Nur jeder Dritte Wahlberechtigte ist Mitglied einer Kirche. Vor allem in den Ost-Bezirken wirkt das "humanistische" DDR-Erbe nach. Doch auch im Westen der Stadt haben sich die Bindungen zur Kirche gelockert. Nur im bürgerlichen West-Bezirk Steglitz-Zehlendorf erreichte "Pro Reli" die notwendige Mehrheit. Die Überraschung des Abends war, dass "Pro Reli" auf ganzer Linie scheiterte. Eine Mehrheit der Teilnehmer (51,3 Prozent) sprach sich sogar gegen ein reguläres Schulfach Religion aus. Dem Wahlgang war ein Monate langer, teils erbitterter Kulturkampf vorangegangen. Mit einer professionellen Kampagne hatte die von den beiden großen Kirchen unterstützte Initiative "Pro Reli" für die Wahlfreiheit zwischen Ethik und Religion geworben. Prominente wie Moderator Günther Jauch und Hertha-Verteidiger Arne Friedrich unterstützen die Gleichstellung des konfessionellen Unterrichts mit Ethik. Mit dem Wahrzeichen Brandenburger Tor im Hintergrund erklärte das Bündnis den Abstimmungs-Sonntag gar zum "Tag der Freiheit".

Bis zuletzt hatten die Kirchen die Laien umworben. In persönlichen Briefen trommelten der evangelische Landesbischof Wolfgang Huber sowie Erzbischof und Kardinal Georg Sterzinsky für ein "Ja". Nach einer Klage von "Pro Reli" verbot das Oberlandesgericht dem Berliner Senat, in Anzeigen mit Steuergeldern für das Fach Ethik zu werben - allerdings vergeblich, denn bei der Urteilsverkündung am späten Donnerstagabend waren die Freitagszeitungen längst gedruckt. Gegen die Religionsbefürworter hatte das eher lose Bündnis "Pro Ethik" mobil gemacht. Zu ihm gehörten neben den Regierungsparteien SPD und Linke auch Grüne und Christen, die mit dem Kurs ihrer Kirchen nicht einverstanden waren. In der Multikulti-Stadt Berlin, so ihre Position, soll der Ethik-Unterricht eine verbindliche Grundlage für die Wertevermittlung sein.

Nach dem "Ehrenmord" an einer jungen Türkin hatte der Senat das Fach eingeführt. Immer mehr Kinder und Jugendliche vor allem aus Einwandererfamilien besuchen gar keinen Religionsunterricht. In den beiden wöchentlichen Ethikstunden diskutieren die Schüler über Fragen wie Identität, Toleranz, Recht, Gewissen - und auch über den Glauben. Enttäuscht äußerte sich der evangelische Landesbischof Huber. "Wir werden die Diskussion aber weiterführen und uns darauf einstellen müssen, dass die Nachfrage nach Plätzen an den evangelischen Schulen steigen wird", sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche (EKD).