Beim Mogeln erwischt?"So etwas geht einfach nicht"

Berlin. Verteidigungsminister Karl-Theodor Guttenberg hat nicht nur zehn Vornamen, sondern auch einen Doktortitel. Den erwarb der Adelige 2006 an der Universität des heimischen Bayreuth mit einer Arbeit über "Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU", einem Verfassungsvergleich beider Staatensysteme

 Im Fokus: Karl-Theodor zu Guttenberg erhält in diesem Tagen viel Aufmerksamkeit, auf die er sicher gern verzichten würde. Foto: dpa

Im Fokus: Karl-Theodor zu Guttenberg erhält in diesem Tagen viel Aufmerksamkeit, auf die er sicher gern verzichten würde. Foto: dpa

Berlin. Verteidigungsminister Karl-Theodor Guttenberg hat nicht nur zehn Vornamen, sondern auch einen Doktortitel. Den erwarb der Adelige 2006 an der Universität des heimischen Bayreuth mit einer Arbeit über "Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU", einem Verfassungsvergleich beider Staatensysteme. Er bekam dafür die Bestnote "summa cum laude" (mit Auszeichnung). Seit gestern ist klar, dass der CSU-Politiker in dem Werk ganze Passagen von anderen Autoren zitiert hat, ohne darauf hinzuweisen. Ist Guttenbergs Arbeit also mit der neuzeitlichen Methode "copy and paste" entstanden, sprich abgekupfert?Der Minister, bestreitet den Plagiatsvorwurf vehement. Über acht Absätze des Guttenberg-Werkes, die wörtlich oder nahezu wörtlich von anderen Autoren stammen, berichtete gestern die "Süddeutsche Zeitung". Der Bremer Jura-Professor Andreas Fischer-Lescano brachte die Sache ins Rollen. So finden sich, nur um das Wort "möglicherweise" ergänzt, 40 Zeilen eines Kommentars aus der "Neuen Zürcher Zeitung" vom 22. Juni 2003 in Guttenbergs Arbeit wieder, und zwar in der zusammenfassenden "Bewertung" des Autors. Guttenberg übernimmt seine Meinung über die EU-Verfassung auf diese Weise also fast komplett aus der Schweizer Zeitung, freilich ohne diese zu nennen. Ebenfalls als ungenannte Quelle nutzte der Minister einen Vortrag, der am 2. November 2003 am Liechtenstein-Institut gehalten wurde. Für Fischer-Lescano ist das klar ein "Plagiat".

Guttenberg nannte diesen Vorwurf gestern "abstrus" und deutete an, dass es sich allenfalls um versehentliche Fehler handele. "Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen", teilte er mit.

Von wegen vereinzelt. Unserer Zeitung liegen Informationen vor, wonach Guttenberg auch von einem 2002 erschienen Aufsatz des Tübinger Juristen Martin Nettesheim über die "konsoziative Föderation von EU und Mitgliedstaaten" abgekupfert hat. Ein Münsteraner Jurist fand die Dopplungen. Der Minister zitierte demnach aus dem Aufsatz sechs Passagen ganz oder weitestgehend wortgleich, ohne sie in Anführungszeichen zu setzen. Auf die Quelle wird in den Fußnoten nur ungenau oder gar nicht hingewiesen. Guttenberg habe mehrfach gegen das Gebot des "nachvollziehbaren Trennens eigener von fremden Gedanken" verstoßen, so das Urteil des Experten.

Einen weiteren Fall meldete gestern die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Ihr kam gleich Guttenbergs erster Absatz der Einleitung bekannt vor - er stammte aus einem Text der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig, den die Zeitung am 27. November 1997 veröffentlicht hatte. Die Quelle war nur allgemein in der Literaturliste erwähnt.

Die Universität Bayreuth prüft die Vorwürfe nun. "Wir nehmen das ernst", sagte eine Sprecherin. Eine Aberkennung des Doktortitels ist im Nachhinein durchaus möglich, wenn auch nicht zwingend. Es kommt auch darauf an, wie umfangreich und systematisch abgekupfert wurde. Immerhin hat Guttenberg bei der Abgabe der Arbeit schriftlich erklärt, "keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt zu haben".

Zwar führt Guttenberg die Beliebtheitsranglisten der Politiker trotz einiger Affären in der Bundeswehr noch immer an, doch kann sich das schnell ändern. Schon im Herbst ahnte der CSU-Mann: "Ein gewisser Absturz hätte bei mir längst kommen müssen. Weil er bislang nicht gekommen ist, kann er stündlich kommen." Jetzt scheint es soweit zu sein.Frau Prof. Harms, Minister Guttenberg sieht sich Plagiatsvorwürfen ausgesetzt. Sie haben sich die Stellen angesehen. Wie fällt Ihre Bewertung aus?

Harms: Die Passage, die zu 99,9 Prozent aus der "Neuen Zürcher Zeitung" stammt, ist genau das, was man ein Plagiat nennt, ein klassischer Fall. Hätte ich die Arbeit auf dem Schreibtisch gehabt, hätte ich mich an die Rechtsabteilung der Uni wenden müssen.

Was bedeutet Plagiat und welche Probleme ergeben sich daraus?

Harms: Ein Plagiat ist das wörtliche Übernehmen eines fremden Textes, ohne ihn als solchen zu kennzeichnen. In der Wissenschaft ist das kein Kavaliersdelikt, sondern eine schwere Verfehlung. Weil es dem System schadet. Es geht nicht darum, einem Politiker schaden zu wollen, sondern es ist eine Frage des Prinzips: So etwas geht einfach nicht. Wissenschaft ist dazu da, das Wissen einer Gesellschaft voranzubringen. Doch wenn wir abschreiben, werden wir nichts Neues gewinnen.

Wie verbreitet ist diese Unsitte aus Ihrer Sicht?

Harms: Es gibt zwei Meinungen. Die einen sagen, das Internet hat dazu geführt, dass hemmungslos kopiert wird. Andererseits ist durch die Möglichkeiten des Internets auch die Gefahr enorm groß geworden, entdeckt zu werden.

Können Sie Zahlen nennen?

Harms: Mir sind nur wenige Fälle bekannt, wo das Plagiieren bestraft worden ist. Man muss sagen, dass das Thema in den letzten Jahren doch eher als Kavaliersdelikt gesehen wurde. Was auch daran liegt, dass die Universitäten damit nicht sehr offensiv umgehen, weil es ja schnell peinlich werden kann.

Glauben Sie, dass Herr Guttenberg bewusst getäuscht hat?

Harms: Er wird sagen, dass er einen Fehler gemacht hat, dass ihm eine Quelle verloren gegangen ist, was beim Schreiben einer Doktorarbeit ja tatsächlich vorkommen kann. Am Ende dachte er vielleicht, es wäre sein eigener Text. Man kann sich also streiten, ob es ein unbewusstes Plagiieren war. Dann aber hat er gegen die wissenschaftliche Sorgfaltspflicht verstoßen.

Wird der Vorfall Guttenbergs Karriere schaden?

Harms: Wahrscheinlich nicht. Aber ein Nachgeschmack wird vor allem bei Kennern der Szene ganz gewiss bleiben. "Ich bin gerne bereit

zu prüfen, ob bei über 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht korrekt gesetzt sein sollten."

 Im Fokus: Karl-Theodor zu Guttenberg erhält in diesem Tagen viel Aufmerksamkeit, auf die er sicher gern verzichten würde. Foto: dpa

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Karl-Theodor zu Guttenberg

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