Bayern rüstet zum Kampf gegen die Stromtrasse

Bayern rüstet zum Kampf gegen die Stromtrasse

Der Streit um Stromtrassen treibt in Bayern die Menschen auf die Straße. Sie fürchten gesundheitliche Folgen und eine Verunstaltung der Natur. Vor allem in Nordbayern ist der Widerstand gegen die Stromautobahn groß.

Hans-Jürgen Wehner blickt zornig über sein Grundstück in der Oberpfalz - kilometerweit unzerstörte Natur mit Feldern und Wäldern. Der 56-Jährige aus Berg (Landkreis Neumarkt) ist wütend auf die Bundes- und Landesregierung wegen der Pläne, eine Stromtrasse von Sachsen-Anhalt nach Augsburg zu führen: "Der geplante Korridor für die 75 Meter hohen Strommasten verläuft direkt an unserem Grundstück entlang. Aus Naturschutz- und vor allem gesundheitlichen Gründen ist das unerträglich."

Vor einem Jahr hat der gelernte Fernmeldehandwerker das veraltete Elternhaus abgerissen, um ein energiesparsames Haus zu bauen. Eine Solaranlage auf dem Dach, ein Holzheizherd in der Küche sorgen für Strom und Wärme. "Wir sind energieautark, brauchen nur noch etwa acht Raummeter Holz pro Jahr", sagt Ehefrau Renate stolz. Dieses Idyll sieht das Ehepaar Wehner nun durch die geplante Stromtrasse in Gefahr. "Hätten wir das gewusst, hätten wir niemals hier gebaut. Dann wären wir weggezogen", schimpft die 56-Jährige. Sie fürchtet auch konkret um ihre Gesundheit. "Seit einiger Zeit habe ich einen Herzschrittmacher. Daher verzichten wir in der Küche sogar auf eine Mikrowelle. Und jetzt sollen die riesigen Stromleitungen direkt vor unserem Grundstück herführen. Das ist doch Wahnsinn."

Die Pläne für die 450 Kilometer lange Gleichstrompassage Süd-Ost des Betreibers Amprion haben die Betroffenen elektrisiert. Dutzende Bürgerinitiativen (BI) in Franken und der Oberpfalz schossen wie Pilze aus dem Boden. Informationsveranstaltungen des Betreibers sowie Auftritte des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und seiner Energieministerin Ilse Aigner (beide CSU) werden mit minutenlangen Pfeifkonzerten torpediert. Vor allem im Landkreis Neumarkt ist der Unmut groß. Der Landkreis habe seine Hausaufgaben gemacht und liefere bereits 60 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien, sagt der Bürgermeister von Berching, Ludwig Eisenreich (CSU). Nun seien auch andere Bezirke wie Nieder- und Oberbayern sowie Schwaben gefordert. "Es kann nicht sein, dass nur Nordbayern die Belastung tragen soll."

Ähnliche Probleme wie in Nordbayern müssen die Saarländer vorerst nicht fürchten. Laut Angaben des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr sind in den kommenden Jahren keine neuen Trassen auf Höchstspannungsebene - wie die Süd-Ost-Passage - geplant. Bereits in den vergangenen Jahren hätten sich die Bauarbeiten auf Verstärkungsmaßnahmen beschränkt, um die Netze leistungsfähiger zu machen.

Die Oberpfälzer wiederum haben bereits 1986 gezeigt, dass sie mit langem Atem Widerstand leisten können: Monatelang demonstrierten mehr als 100 000 Menschen gegen die geplante atomare Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf - mit Erfolg. Seitdem steht die Gemeinde für den erbitterten Widerstand der Bevölkerung. "Wenn es sein muss, gibt es ein zweites Wackersdorf", betont Wehner.

Nach der von Seehofer geforderten Planungspause für neue Leitungen nach Bayern hatte Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) eine Überprüfung der Netzausbaupläne bis zum Sommer angekündigt. Der bayerischen Staatsregierung sind rechtlich jedoch die Hände gebunden, da die Länder die Planungshoheit für länderübergreifende Leitungen an den Bund abgegeben haben.

Die Betroffenen in Nordbayern trauen den Ankündigungen nicht. Sie fordern, wenn überhaupt, eine unterirdische Trasse. "Es kann doch nicht sein, dass ein innovatives Land wie Deutschland nur zu einer veralteten überirdischen Leitungstechnik in der Lage ist", sagt Wehner. Er befürchtet auch Beeinträchtigungen für die kommenden Generationen. "Viele junge Familien sind zu uns aufs Land gezogen, um mit ihren Kindern die Natur zu genießen. Das wäre auf jeden Fall vorbei."

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Auf einen BlickStromleitungen als Erdkabel unterirdisch zu verlegen, ist eine Möglichkeit, die technisch noch nicht ausgereift ist, erklärt Steffi Thiele von der Bundesnetzagentur. Dies gelte besonders für die neuen Gleichstromleitungen, die im Gegensatz zu den üblichen Wechselstromleitungen einen geringeren Energieverlust aufweisen. "Die Gleichstromtechnologie in Verbindung mit Erdkabeln hat zurzeit noch Pilotcharakter", so Thiele. "Unterirdische Kabel bedeuten einen zusätzlichen Kostenfaktor. Es werden immer wieder Schätzungen im Vergleich zu Freiluftleitungen geäußert, die von fünf-, zehn- oder auch 15-Mal so hohen Kosten ausgehen", schildert Thiele. Außerdem machten solche Leitungen große Eingriffe in die Umwelt nötig, da um sie herum großflächig das Erdreich ausgehoben werden muss. "Hinzu kommt, dass sich der Erdboden durch die Kabel erwärmt." eib

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