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Auftakt für das neue Kulturwunder

Auftakt für das neue Kulturwunder

Hamburg feiert sein neues Wahrzeichen: Zwei Monate vor der Eröffnung der Elbphilharmonie ist am Freitag ihre öffentliche Plaza eingeweiht worden. Mit Verzögerungen und einer Kostenexplosion hat das Prestige-Projekt oft Schlagzeilen gemacht. Jetzt s ind alle begeistert.

Als man in Hamburg daran ging, die neue Hafencity zu entwickeln, stellte sich die Frage: Was tun mit dem denkmalgeschützten Kaispeicher? Ursprünglich wurden in dem alten Lager aus den 1960er Jahren Kakao-Bohnen deponiert. Die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron verblüfften mit einer kühnen Idee. Sie schlugen vor, auf den massiven, radikal schmucklosen Speicher ein Gebäude in Form eines Kulturtankers zu setzen, die Elbphilharmonie. Manche hielten die Basler Baumeister für irre. Diese wollten auf den Unterbau einen 80 Meter hohen Oberbau wuchten, der zudem so schwer ist wie zwei große Kreuzfahrtschiffe . Wie sollte das möglich sein?

Jetzt ist das Ensemble an der westlichen Spitze der Hafencity fast fertig, nach außen hin präsentiert es sich vollendet, umspielt vom Elbwasser, wie ein Juwel auf Samt. Unten Backstein, oben Glas. Die Fassade, vom Stahlbeton gehalten, besteht aus gekrümmten und aufgeschnittenen Glaspaneelen. Der Himmel spiegelt sich im Glaskörper, was besonders auffällig ist, weil der fensterlose Backsteinriegel darunter keine Fenster, nur einige Schlitze besitzt.

Der Eintritt in den Speicher erfolgt über eine ziemlich kleine Tür, dann tritt Verblüffung ein. Eine gekrümmte Rolltreppe - die einzige der Welt - befördert die Besucher fast hundert Meter lang durch einen mit Paillettenputz ausgekleideten, gewölbten Raum. Sie führt zu den Liften, mit denen Besucher hinaufkommen ins achte Geschoss, auf die 40 000 Quadratmeter große Plaza. Der Zugang ist kostenlos, der Panoramablick gratis. So, mit Elbe, Hafen und Stadt zu Füßen, hat man Hamburg noch nie sehen können.

Trotz aller Einweihungs-Euphorie: Innen hat der Kulturtanker noch eine längere Mängelliste. Mehrere hundert Positionen sind noch offen, doch das sind Kleinigkeiten.

Wieso wurde an dem Objekt, nachdem es zu mehr als der Hälfte fertig war, mehr als ein Jahr lang nicht mehr gebaut? "Weil es Streitigkeiten gab mit der Firma Hochtief, weil es um viel Geld ging", erklärt der Ingenieur, der die Besuchergruppe führt. Wegen Querelen an der Großbaustelle waren Termine nicht eingehalten worden, es musste neu verhandelt werden. Der Spanier Marcelino Fernandez Verdes, als Aufräumer geschickt, schaffte es, von den pikierten Hanseaten 198 Millionen Euro zusätzlich zu erhalten. Nur dadurch, und weil eine weitere Kostenexplosion vertraglich unmöglich war, ging es mit dem Mega-Projekt weiter.

Die Geschichte des Bauwerks war eine Odyssee, aber mit gutem Ausgang. Hier ist ein Kulturensemble von nationalem Rang entstanden. Vor dem Hintergrund der Dauerpleiten des neuen Berliner Flughafens und der Stuttgart-21-Bauorgie, die von schwäbischen Wutbürgern nach wie vor nicht akzeptiert wird, ist Hamburgs Elbphilharmonie ein so gelungener und bedeutungsvoller Bau auf einem Denkmalsockel, dass in der Hansestadt sogar überlegt wird, sie anstatt des Michels zum neuen Wahrzeichen zu ernennen. Selbst die schärfsten Kritiker des Baus sind verstummt und großteils begeistert von diesem spektakulären Bauwunder.

77 Millionen Euro sollte die Elbphilharmonie kosten, aber die Baukosten sind auf 789 Millionen Euro gestiegen - damit ist sie das zwölfteuerste Bauwerk der Welt. Doch das wird sich schnell amortisieren. Lars Haiser, Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts", hat einen entscheidenden Satz in einen Kommentar gesetzt: "Hamburg hat mit den Unzulänglichkeiten und den haarsträubenden Pannen bei der Planung der Elbphilharmonie einen Mythos geschaffen, den man sich mit Geld kaum kaufen kann." Jeder investierte Euro wird sich für die Stadt auszahlen, allein mit hunderttausenden Besuchern aus aller Welt.

Die 2150 Besucher fassende Konzerthalle ist die modernste in Deutschland, ab 11. Januar wird hier musiziert. Die Böden sind aus hellem Eichenholz, es wurde wegen seiner optimalen akustischen Qualitäten gewählt. Der Konzertsaal ist so aufgehängt, das er über dem öffentlich zugänglichen Foyer schwebt. Die Metallgeländer sind fragil, die Sitzplätze mit Rauhtweed bezogen und angeordnet nach dem Muster des Amphitheaters. Die Akustikanlage ist außerordentlich, sie stammt vom japanischen Chefakustiker Yasuhisa Toyota , der an die Wände hochverdichtete Gipsfaserplatten anbringen ließ. Das Publikum sitzt steil, kein Besucher ist mehr als 30 Meter vom Dirigenten oder den Solisten entfernt. Der Raumbeschallung, die den Körper ergreift, kann niemand entkommen. Es ist, als würde man von der Musik erfasst und umschmeichelt.

In der Westfront befinden sich 45 Wohnungen - die teuersten Hamburgs, alle längst verkauft. Die 115 Meter hohe Elbphilharmonie ist jetzt schon ein Mythos.

Zum Thema:

Mit einem Festakt ist die öffentliche Plaza der Elbphilharmonie in 37 Metern Höhe am Freitag eingeweiht worden. Auch das Hotel und die Gastronomie auf drei Etagen öffneten für die Besucher. "Dass Hamburg sich entschieden hat, die Elbphilharmonie zu errichten, ist eine richtige Entscheidung gewesen", sagte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD ). "Die Elbphilharmonie ist ein Haus für alle. Sie ist wie das Parlament der Musikstadt Hamburg. Ein Konzerthaus, das die Welt begeistern wird", sagte Scholz. Ursprünglich sollte das Gebäude bereits 2010 eröffnet werden. Die Kosten stiegen auf das Zehnfache an. dpa