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Aufregende Fahrstunden im 50-Tonner namens "Leo"

Aufregende Fahrstunden im 50-Tonner namens "Leo"

Baumholder. "Nur nicht den Motor abwürgen." Das ist meine größte Sorge. Noch nie habe ich auf dem Fahrersitz eines Panzers gesessen. Und jetzt soll ich das 1500 PS starke Kettenfahrzeug selbst steuern. Ich werde den Leopard 2 fahren. Und der ist 53600 Kilogramm schwer - das ist etwa das 900-fache meines Körpergewichts

Baumholder. "Nur nicht den Motor abwürgen." Das ist meine größte Sorge. Noch nie habe ich auf dem Fahrersitz eines Panzers gesessen. Und jetzt soll ich das 1500 PS starke Kettenfahrzeug selbst steuern. Ich werde den Leopard 2 fahren. Und der ist 53600 Kilogramm schwer - das ist etwa das 900-fache meines Körpergewichts. Neben den Panzern Leopard eins und zwei stehen im Lager Wilhelmswald, wo die Fahrschule, die mit vollem Namen Kraftfahrausbildungskompanie Fahrsimulator Kette heißt, untergebracht ist, auch die Panzerhaubitze 2000 und der Mehrfachraketenwerfer MARS den Fahrschülern zur Verfügung. Für die beiden Letztgenannten ist die Fahr-Ausbildung deutschlandweit nur in Baumholder möglich.

Normalerweise dauert die Fahrausbildung 19 Tage. In Vollzeit. Ich habe zwei bis drei Stunden Zeit mitgebracht. Also lassen wir die Theorie ganz aus und gehen gleich zu einem der vier Simulatoren. Der große grüne Kasten stellt die Original-Panzerkabine dar. Diese steht auf Hydraulikstelzen. Alles was der Fahrschüler falsch - oder auch richtig macht - sehen die Fahrlehrer auf dem Bildschirm. In meinem Fall sind das Oberleutnant Patrik Balzert und Hauptfeldwebel Andreas Barzen. Sie sind genau wie ihr Chef, Hauptmann Bernd Schmiedel dabei, als ich mich von hinten über den Sitz in meine richtige Sitzposition schwinge. Es wäre zu umfangreich, jetzt alle Knöpfe erklärt zu bekommen. Ich lerne nur das, was ich wirklich brauche. Das heißt: Gas und Bremse wie im Auto auch. Die Führerscheinklasse B ist übrigens Voraussetzung für die Panzer-Fahrschule. Die Kupplung muss ich nicht beachten, "Leo" fährt mit Automatik. Dann gibt es noch den Anlasser und die Feststellbremse.

Und schon kann's losgehen. Ich ziehe meine Kopfhörer mit Mikro auf. Dadurch bin ich mit den Fahrlehrern verbunden. Die Tür ist zu, und schon beginnt meine Fahrt mit dem 9,50 Meter langen und 3,70 Meter breiten Gefährt durch virtuelle Welten.

"Nur nicht den Motor abwürgen", sage ich mir wieder. Aber das ist mit Automatik zum Glück kaum möglich. "Feststellbremse lösen, Gang einlegen und Gas geben", höre ich den Ausbildungsleiter Balzert aus Püttlingen sagen. Nur zaghaft gebe ich Gas. Ich bin vorsichtig. Die Pedale sind wesentlich schwerfälliger als beim Auto. Davon werde ich Tage später noch Muskelkater in den Waden haben. Balzert ermutigt mich, doch etwas schneller zu fahren. Mittlerweile zeigt der Tacho, das sich etwas unglücklich unterhalb meines Blickfeldes auf der linken Seite befindet, 30 Kilometer pro Stunde an. Mir kommt es vor, als würde ich rasen. Dabei ist es eine einfache Strecke, die mir mein Fahrlehrer vorgibt. Nicht im Gelände, sondern auf der Landstraße. Als ich mit meinem 50-Tonner in die virtuelle Stadt komme, wird es schon schwieriger. Enger. "Ruhig ein bisschen mehr rechts fahren", spornt mich Balzert an. Nur ungern komme ich seiner Forderung nach. Zu groß ist die Angst, die Leitpfosten umzufahren. Das sind eben doch ganz andere Dimensionen als bei einem Pkw. Später sehe ich auf dem Bildschirm, dass ich etwa 1,50 Meter vom Straßenrand entfernt war.

Jetzt ist Bremsen angesagt. Die Ampel schaltet auf Rot. Ich drücke das Pedal durch, komme aber nur langsam zum Stehen. Nur noch aus dem Augenwinkel heraus kann ich die Ampel sehen. In meinem Fall ist das nicht weiter schlimm. Das Rohr des Panzers ist nach hinten gedreht. Wäre es vorne gewesen, hätte es etwa 1,80 Meter auf der Kreuzung gestanden. Das wäre ein Problem.

Acht Stunden verbringen Fahrschüler normalerweise im Simulator. Ich habe nach einer Viertelstunde genug. Mir ist bisher noch in jedem Simulator übel geworden - auch in diesem. Es muss genügen. Übelkeit kommt nicht oft vor, erzählen mir die Fahrlehrer. Sie müssen es wissen.

21 Lehrgänge à neun Personen gibt es im Jahr in Baumholder. Etwa fünf Prozent davon seien Frauen. "Sie schlagen sich achtbar", sagt Barzen. Beim Fahren haben sie kaum Probleme, eher, wenn es um das Warten des Panzers geht. Da müssen sie schon mal eine tonnenschwere Kette auf- und abziehen. Die Durchfallquote bei allen Teilnehmern liegt übrigens bei vier bis fünf Prozent.

Schweißgebadet und kreidebleich verlasse ich den Simulator. Mittlerweile ist meine Lust aufs Panzerfahren auf ein Minimum geschrumpft. Aber da muss ich jetzt durch.

Mit dem Bus fahren wir um den aus Sicherheitsgründen abgesperrten US-Bereich auf die Fahrschulstrecke auf dem Übungsplatz. Dort erwarten uns schon "Leo" und Hauptfeldwebel Dietmar Junker aus Wiesbach. Ich klettere auf den Panzer, steige von oben in die Luke. Hier sieht es genauso aus wie im Simulator - nur schmutziger. "Nur nicht den Motor abwürgen" - trotz meiner Mini-Erfahrung ist das noch immer meine Angst. Aber auch ansonsten ist mir unwohl - nach den Minuten im Simulator. Ich bin kurz davor, die Sache abzublasen. Aber Junker spricht mir Mut zu: "Ich bin ja dabei, kann eingreifen." Und tatsächlich, er greift ein. Nein, ich habe den Motor nicht abgewürgt. Stattdessen fahre ich langsam durchs Gelände. Wieder gebe ich zaghaft Gas. Da merke ich, wie plötzlich mein Gaspedal wie von Geisterhand nach unten gedrückt wird. Da fahre ich dem Hauptfeldwebel wohl etwas zu langsam. Und dieser Panzer ist ausgerüstet wie ein Fahrschul-Auto auch.

Der Fahrlehrer - es gibt zwölf im Wilhelmswald - kann den Panzer genauso steuern wie ich. "Nach rechts einschlagen, mehr, mehr (...) und Gas" höre ich Junker sagen. Und schon sehe ich einen Hügel. Mit 60 Prozent Steigung. Der ist sehr steil. "Nein, da fahre ich nicht hoch", sage ich ins Mikro. "Oh doch", höre ich. Ich bekomme weiche Knie. Und gebe Gas. Oben sehe ich nur noch Himmel. Ich weiß nicht, ob ich in einen Abgrund fahre oder nicht. "Runter vom Gas und kippen lassen", sagt mein Fahrlehrer. Und dieses Gefühl werde ich nie vergessen. Ein Glücksgefühl.

Erleichterung pur. Von dem Moment an macht mir Panzerfahren richtig Spaß. Es kommen noch viele Hügel. Gas geben, auf der Kuppe runter vom Gas, rollen lassen. Immer das gleiche Spiel. Und dann bremsen, stehen, Feststellbremse ziehen, Motor aus.

Ich bin stolz auf mich, weiß aber auch um die Hilfe des Fahrlehrers. "Wie viel habe ich jetzt selbst gemacht", will ich von ihm wissen. "50 Prozent", sagt der blonde Saarländer und lächelt charmant. Gut hat er mich durch den Parcours geleitet. Und ich habe den Motor tatsächlich nicht abgewürgt. "VW hat jahrelang am Dreiliterauto gearbeitet,

hier haben wir es. Ein Panzer verbraucht drei Liter - pro Kilometer."

Hauptfeldwebel Andreas Barzen zum Benzinverbrauch eines Panzers.

Auf einen Blick

 Das Cockpit eines Leopard-Panzers im Simulator. Foto: atb
Das Cockpit eines Leopard-Panzers im Simulator. Foto: atb

Der Truppenübungsplatz Baumholder wird 70 Jahre alt. Aus diesem Grund bittet die Bundeswehr am heutigen Samstag ab 9.45 Uhr zum Tag der offenen Tür ins Lager Aulenbach. Das Programm beginnt um 10.15 Uhr mit einem Feldgottesdienst. Bis 17 Uhr schließen sich verschiedene Vorführungen, unter anderem von der Feuerwehr sowie von der Flugüberwachung, an. Es gibt Info-Stände von verschiedenen Hilfs-Einrichtungen, Ausstellungen über den Truppenübungsplatz, Fahrten über den Platz, eine Buchpräsentation zum Jubiläum, einen Waffen-Schießsimulator, eine Tombola sowie Fahrten mit dem Transportpanzer Häklund. him