1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Topthemen

Aufgerieben zwischen Bodenschätzen, Armut und Bürgerkriegen

Aufgerieben zwischen Bodenschätzen, Armut und Bürgerkriegen

Kinshasa. Joseph Kabila, Präsident der Demokratischen Republik Kongo, erklärte bereits in seiner Fernsehansprache vor vier Wochen: "Es ist eine schwere Stunde für uns alle." Das ausgeplünderte Land mitten in Afrika stand wieder einmal vor einem Bürgerkrieg

Kinshasa. Joseph Kabila, Präsident der Demokratischen Republik Kongo, erklärte bereits in seiner Fernsehansprache vor vier Wochen: "Es ist eine schwere Stunde für uns alle." Das ausgeplünderte Land mitten in Afrika stand wieder einmal vor einem Bürgerkrieg. Doch inzwischen ist die Lage noch schlimmer: Kabila hat das Nachbarland Ruanda vor der Uno offiziell angeklagt, mit seiner Armee die Grenze zum Kongo überschritten und in die Kämpfe im Osten des Landes eingegriffen zu haben. Die seit 2000 im Kongo stationierte, 17000 Mann starke UN-Blauhelmtruppe MONUC sah - wie so oft in der Vergangenheit - hilflos zu. Der Vizegouverneur der Provinz Süd-Kivu, Jean-Claude Kibala, sagt offen: "Was da passiert ist, ist ein eindeutiges militärisches Versagen der UN." Unberechtigt ist dieses Urteil sicherlich nicht, aber es ist ein wenig ungerecht. Denn in kaum einem anderen afrikanischen Land mischen sich ethnische, wirtschaftliche und machtstrategische Interessen zu einem ähnlich brisanten Gemisch wie im Kongo. Seit der belgische König Leopold II. das zentralafrikanische Land 1885 kurzerhand zu seinem "Privatbesitz" erklärte, ist die Region Spielball fremder Interessen und Opfer interner Machtkämpfe zugleich. Einer war immer dabei, wenn es im Kongo in den vergangenen Jahren irgendwo geknallt hat: Laurent Nkunda, 41 Jahre alt, Sohn eines Rinderhirten, studierter Psychologe und von den Vereinten Nationen wegen Kriegsverbrechen per Haftbefehl gesucht. Er mischte 1994 beim Völkermord an den Hutus in Ruanda mit. Im ersten Kongo-Krieg 1996/97 kämpfte er an der Seite Joseph Kabilas, als es galt, den Diktator Mobutu zu stürzen. Im zweiten Kongo-Krieg 1998 bis 2003 war es mit der Waffenbrüderschaft schon wieder vorbei. Nkunda schlug sich auf die Seite Ugandas und Ruandas. Dieser Krieg wird auch der "afrikanische Weltkrieg" genannt: Ruanda, Uganda, Namibia, Angola, Burundi, Simbabwe, Tschad, Sudan - sie alle versuchten, sich mit brutaler Gewalt Zugang zu den reichen Gold-, Diamanten- und Edelmetallminen Kongos zu verschaffen. Auch die USA, Frankreich und Libyen mischten damals kräftig mit. Söldner aus der ganzen Welt kämpften in diesem blutigen Gemetzel. Sogar Nordkorea hatte Soldaten in den Kampf um den Kongo geschickt. Rebellen-Major Nkunda stieg beim Friedensschluss 2003 nahtlos zum General der Nationalarmee auf. Doch schon ein Jahr später zündelte er wieder. Im Januar 2008 stimmte er einem Waffenstillstand zu. Doch seit August kämpft er wieder - und der Kongo steht wieder einmal an der Schwelle eines großen Krieges. Aber Nkunda ist nicht der einzige, der das Land in Angst und Schrecken stürzt: Von Uganda aus greift die Lord Resistance Army (LRA) kongolesische Dörfer an, schlachtet die Menschen ab und verschleppt die Kinder, um sie als Kindersoldaten zu missbrauchen. In Süd-Kivu treiben Mayi-Mayi-Milizen ihr Unwesen. In Ituri, im Nordwest-Kongo, scheint der latente Konflikt zwischen Hema- und Lendu-Milizen neuen Nährboden zu finden. Verlierer sind die Menschen. Die Republik Kongo gehört trotz ihres Reichtums - Öl, Gold, Silber Diamanten, Kupfer, teure Edelmetalle, seltene Tropenhölzer - zu den ärmsten Staaten der Welt. Der Reichtum dieses Landes fließt in andere Taschen. Nicht nur die diversen Rebellen-Armeen finanzieren sich mit den Rohstoffen des Kongo. Gerade hat sich auch China Konzessionen für den Abbau von Gold, Kupfer und Kobalt gesichert. Vize-Gouverneur Kibala sagt resigniert: "Der Kongo kann sich allein aus dieser Situation nicht mehr befreien." Die Weltgemeinschaft ist gefragt - wieder einmal.