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Aufbruch im Chaos der Vergangenheit

Aufbruch im Chaos der Vergangenheit

Die Spuren der Katastrophe sind noch lange nicht beseitigt, wenn sich morgen der Tag jährt, an dem Taifun Haiyan die Philippinen heimsuchte. Beim Wiederaufbau in der besonders betroffenen Stadt Tacloban scheitert vieles am Geld.

Hinter dem Balyuan Tower, in dem Taclobans Touristenbüro ein tristes Dasein fristet, steht ein alter Mann in der Bucht und wäscht eine Röntgenaufnahme im Meer ab. Wieder und wieder hält er sie ins Licht: ein Hüftknochen. In Tacloban finden sie noch heute jede Woche Gebeine. Ein Jahr nach dem Taifun Haiyan, der am 8. November 2013 mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 380 Kilometern pro Stunde über die östlichen Philippinen fegte und Tacloban mit einem Tsunami überzog, liegen am Ufer noch überall Betonbrocken und Mauerteile herum. Dazwischen: Kleiderfetzen, Sandalen. Gehörten sie Anwohnern, die ihr Leben ließen?

Vom zwölf Kilometer außerhalb gelegenen Flughafen bis ins Stadtzentrum sollen morgen Tausende von Kerzen aufgestellt werden. Zum Gedächtnis an die Toten. Er werde beten, sagt Pax (59), der die Strecke jeden Tag fährt, um Ankömmlinge - vorbei an Gegenden, in denen noch immer einige hundert Familien in Zelten leben - ins Hotel zu bringen. Beten, dass sich Haiyan nicht wiederholt. Er traut dem Frieden nicht, den er selbst im Namen führt.

In einem Park liest der Straßenkehrer Rosalito Marmito Müll auf. Hunderte von Toten seien in den Tagen nach der Katastrophe alleine hier abgelegt worden. Keiner könne ihm weismachen, sagt Rosalito, dass nur 3200 Menschen in Tacloban - mit 220 000 Einwohnern die Hauptstadt der am stärksten heimgesuchten Insel Leyte - gestorben sein sollen. 6300 Tote gab es insgesamt, so die offiziellen Angaben. Auf Taclobans Straßen fehlt es vor dem ersten Jahrestag nicht an kritischen Stimmen. Die Zahlen der Regierung seien Augenwischerei. Nicht nur, dass ihr ein schlechtes Krisenmanagement nachgesagt wird. Viele Taclobaner empört, dass die versprochene administrative Unterstützung bis heute weitgehend ausblieb. Ohne Direkthilfen vieler Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) sähe in der Stadt vieles anders aus.

Oben im Tourismusbüro verzieht sich das Gesicht des Büroleiters Gerald Ligan zu einem hilflosen Lächeln, als er von den Stunden nach der Katastrophe erzählt. "Ich blickte in die Gesichter von lauter Zombies ." Die Überlebenden seien durchnässt und verdreckt gewesen und wie in Trance umhergewandelt, die Augen weit aufgerissen. "Ich selbst war einer von diesen Zombies , die die Welt nicht mehr verstanden." Stundenlang harrte Ligan mit seiner Familie auf seinem Dach aus - wie viele andere auch. Was sie erlebten, lässt sie bis heute nicht los. Seine Frau sei mit einem Heulkrampf zusammengebrochen. Noch heute zucke sie bei jedem Starkregen zusammen, wenn die Wellblechdächer bedrohlich klappern.

Wie sieht es mit den Touristen aus? Kommen sie wieder? Gibt es dazu Erhebungen? Da muss das Tourismusbüro passen. Es fehlt generell an validen Zahlen. Bernardita Valenzuela, die 85-jährige Sprecherin des Bürgermeisters - eine so resolute wie agile alte Dame, die die internationale Öffentlichkeit mit viel Verve bittet, in Tacloban zu investieren - kramt in ihrer Schublade in Papierstößen. Was sie aushändigt, ist nicht wirklich hilfreich. Aber so war das schon immer auf den Philippinen: Die Menschen machen durch ihre bemerkenswerte Improvisationskunst wett, was ihnen an zielgerichteter Organisiertheit oft fehlt. 60 000 Häuser und Baracken wurden durch den Sturm und die darauf folgenden Fluten beschädigt oder zerstört. Der Wiederaufbau ist in vollem Gang. Vor allem, seit es wieder Strom gibt. Seit April ist Tacloban wieder am Netz. Überall eröffnen kleine Restaurants, wird gehämmert, läuft der Schulbetrieb normal, stehen neue Tankstellen, kreuzen krachneue Geländewagen unzähliger internationaler Hilfsorganisationen die Straßen. Eine Stadt im Aufbruch - das ist die eine, ermutigende Seite. Die andere offenbart sich dort, wo die Armen wie gehabt in windschiefen Verschlägen hausen. In Ufergebieten wie San José oder Anibong, wo die fünf Meter hohen Wellen leichtes Spiel hatten und alles unter sich begruben. Ihre topographische Lage in der Meerenge von San Janico wurde der Stadt zum Verhängnis: Die Bucht lief wie eine Badewanne voll. Die meisten Opfer lebten in Baracken. Sie konnten sich auf keinen Hügel, kein hohes Gebäude retten.

Cindy Fantes (31) haust gegenüber dem gestrandeten, riesigen Cargoschiff "Cebu", das zwischen Baracken liegt. Ein surreales Bild, das um die Welt ging. Cindys Mann ist einer der Arbeiter, die für 260 Pesos am Tag - umgerechnet vier Euro, das ist der staatliche Mindestlohn - mithelfen, die "Cebu" auf einer aus Säcken und Hölzern gebauten Rampe ins Meer zurückzuschieben. Cindy erzählt, dass sie den Nachbarjungen nicht vergessen kann, der starb, weil sie nicht wussten, wie man reanimiert. "Wir hätten ihn retten können." Drei andere, durchgerostete Schiffe - darunter die "Eva Jocelyn", deren Bug wie ein Menetekel in die viel befahrene Straße nach Norden hineinragt - werden hundert Meter weiter zerlegt. Man hört aufjaulende Trennschneider. Wer will schon mit solchen Ungetümen leben, in deren Gegenwart kein Vergessen möglich ist?

Es wird viel gearbeitet in Tacloban . Doch ist der Fortschritt messbar? Alfredo Romualdez (52), der zu einiger Berühmtheit gekommene Bürgermeister der Stadt, sagt Ja. 60 Prozent der Wirtschaftskraft vor Haiyan habe man bereits wieder erreicht. Romualdez ist ein Neffe Imelda Marcos ', der Frau des früheren Diktators Ferdinand Marcos , der 1983 den Mord an seinem politischen Widersacher Benigno Aquino - dem Vater des jetzigen Präsidenten gleichen Namens - in Auftrag gegeben haben soll. Letztlich besiegelte dies drei Jahre später Marcos' politisches Ende und seine Ablösung durch die Aquino-Witwe Corazon. Dass Tacloban trotz medienwirksamer Appelle von Romualdez aus Manila bis dato kaum Unterstützung zuteil wird, könnte mit dieser alten Familienrivalität zu tun haben. Nicht nur viele Einwohner der Stadt glauben dies, auch manche politische Beobachter. Auf den Philippinen ist Politik seit jeher das große Gesellschaftsspiel einflussreicher Familien.

Romualdez, für den die Katastrophe eine Folge des Klimawandels ist, hat vor den Vereinten Nationen gesprochen und mit der Weltbank verhandelt, die seiner Stadt zwei- bis dreiprozentige Kredite in Aussicht stellte, erzählt er. Doch dann hätten die philippinischen Banken noch fünf, sechs Prozent draufgeschlagen - "so läuft das hier." Der Bürgermeister will nördlich von Tacloban in Suhi eine Art neue Stadt kreiern. Dort besitzt man Land, dorthin hat man begonnen, Familien aus flutgefährdeten Gebieten umzusiedeln. Fährt man hinaus nach Suhi, steht dort die neue Siedlung aus Naturmaterialien in Reih und Glied. Es gibt Latrinen und Solar-Panele. Aber keine Arbeit, weil keinerlei Infrastruktur. Ein Vorwurf, auf den der Bürgermeister gewartet hat. Eine der vier Universitäten werde in Richtung Suhi umziehen, ein Einkaufszentrum komme und viele Unternehmen, die keinen zweiten Haiyan erleben möchten. Um seine Vision zu realisieren, fehlt es ihm an Geld , räumt Romualdez ein. Das Geld , das der Staat seiner Stadt vorenthalte. Selbst internationale Hilfsgelder sollen von Manila bislang nicht ausbezahlt worden sein. Erst ein paar hundert Unterkünfte von geplanten 14 000 seien gebaut, so Romualdez.

In einer davon lebt der Fischer Eduardo Calletano (61) mit Frau und Enkeln. Er kann sich vorstellen, hier zu bleiben. Wenn es denn Arbeit gibt. Davon, wie viele Jobs entstehen, wird am Ende alles abhängen. Für die Politik, die NGOs, die Armen. Eduardos Augen werden wässriger, je länger er vom 8. November erzählt. Erschlagen, ertrunken, aufgespießt: "Es gab so viele Wege, wie einer ums Leben kommen konnte." Seine Frau, die Enkel und er verdanken ihr Leben einem Mast, auf dem sie ausharrten. Kein Schiffsmast, ein Strommast.