Auf der Zielgeraden zum Polit-Olymp

Auf der Zielgeraden zum Polit-Olymp

Dimitris Efstathiadis, 53, Witwer, kantiges Gesicht, sonnengegerbte Haut, dicker Pullover, schlürft eine Suppe. Auch sein Sohn Kostas und seine Schwägerin Julia nehmen die Abendmahlzeit ein. Die Schwiegermutter setzt sich auch dazu, sie hat servieren dürfen. Es ist es fast dunkel in der kleinen Wohnung. Nur drei Wachskerzen brennen auf dem kleinen Küchentisch. Das muss reichen, auch an diesem Abend. Denn die Familie Efstathiadis hat kein Geld. Schon längst sieht sie sich außer Stande, die Stromrechnung zu bezahlen. Dimitris Efstathiadis, von Beruf Bauarbeiter, bleibt keine andere Wahl. Er ist arbeitslos, sein Sohn noch Schüler, die Schwiegermutter Hausfrau. Die Familie Efstathiadis ist in Griechenland , dem Ursprungsland und Epizentrum der wieder aufflammenden Euro-Krise, kein Einzelfall. Im Gegenteil. Mehr als 300 000 der elf Millionen Griechen leben mittlerweile ohne Strom. "Gehst du am Sonntag wählen?" Dimitris Efstathiadis nickt. "Und wem gibst du deine Stimme?" Seine lapidare Antwort: "Syriza. Wir wollen einen Wechsel sehen." So denkt derweil das Gros der Griechen. Im Endspurt vor den wegweisenden Parlamentsneuwahlen in Athen am Sonntag sind sich die Beobachter einig: Das "Bündnis der Radikalen Linken" (Syriza) unter Europas Schreckgespenst Alexis Tsipras , vor dem Ausbruch der desas trösen Griechenland-Krise noch als Kleinstpartei versprengter Salon-Bolschewisten verspottet, steht kurz davor, endgültig den Polit-Olymp in Griechenland zu erklimmen. Kein Wunder: Hilfsbedürftige Familien will die Tsipras-Partei mit Gratisstrom versorgen. Die "Bekämpfung der humanitären Krise" in Hellas habe für Syriza "oberste Priorität", versichert die Parteispitze gebetsmühlenartig. Die Syriza-Strategie hat offenbar Erfolg. Im Eiltempo durchs Land

Dimitris Efstathiadis, 53, Witwer, kantiges Gesicht, sonnengegerbte Haut, dicker Pullover, schlürft eine Suppe. Auch sein Sohn Kostas und seine Schwägerin Julia nehmen die Abendmahlzeit ein. Die Schwiegermutter setzt sich auch dazu, sie hat servieren dürfen. Es ist es fast dunkel in der kleinen Wohnung. Nur drei Wachskerzen brennen auf dem kleinen Küchentisch. Das muss reichen, auch an diesem Abend. Denn die Familie Efstathiadis hat kein Geld. Schon längst sieht sie sich außer Stande, die Stromrechnung zu bezahlen. Dimitris Efstathiadis, von Beruf Bauarbeiter, bleibt keine andere Wahl. Er ist arbeitslos, sein Sohn noch Schüler, die Schwiegermutter Hausfrau. Die Familie Efstathiadis ist in Griechenland , dem Ursprungsland und Epizentrum der wieder aufflammenden Euro-Krise, kein Einzelfall. Im Gegenteil. Mehr als 300 000 der elf Millionen Griechen leben mittlerweile ohne Strom. "Gehst du am Sonntag wählen?" Dimitris Efstathiadis nickt. "Und wem gibst du deine Stimme?" Seine lapidare Antwort: "Syriza. Wir wollen einen Wechsel sehen."

So denkt derweil das Gros der Griechen. Im Endspurt vor den wegweisenden Parlamentsneuwahlen in Athen am Sonntag sind sich die Beobachter einig: Das "Bündnis der Radikalen Linken" (Syriza) unter Europas Schreckgespenst Alexis Tsipras , vor dem Ausbruch der desas trösen Griechenland-Krise noch als Kleinstpartei versprengter Salon-Bolschewisten verspottet, steht kurz davor, endgültig den Polit-Olymp in Griechenland zu erklimmen. Kein Wunder: Hilfsbedürftige Familien will die Tsipras-Partei mit Gratisstrom versorgen. Die "Bekämpfung der humanitären Krise" in Hellas habe für Syriza "oberste Priorität", versichert die Parteispitze gebetsmühlenartig. Die Syriza-Strategie hat offenbar Erfolg.

Im Eiltempo durchs Land

Nach zwei in der Nacht zum Dienstag in Athen veröffentlichten Umfragen kommt die Partei von Alexis Tsipras nunmehr auf 30,4 beziehungsweise 33,5 Prozent. Die Konservativen von Regierungschef Antonis Samaras landen demnach bei 26,4 beziehungsweise 27,0 Prozent. Die Sozialisten der derzeit mitregierenden Pasok unter Evangelos Venizelos kommen nach den Umfragen der Meinungsforschungsinstitute der Universität von Thessaloniki und GPO weit abgeschlagen nur mehr auf 4,5 und 5,1 Prozent. Als drittstärkste Kraft erscheint in den Umfragen mit 7,5 und 5,2 Prozent die pro-europäische Partei der politischen Mitte, To Potami (Der Fluss).

Derweil tourt Syriza-Chef Tsipras im Eiltempo durchs ganze Land. Ob in Argos, Nafplion, Korinth, Rhodos, Arta, Agrinio, Jannina, Trikala, Karditsa oder Volos: Überall warten begeisterte Anhänger auf ihn. Nicht nur Tsipras' vier Leibwächter sind im Dauerstress. Für Tsipras, den 40 Jahre alten Wahlfavoriten in Athen , heißt es in diesen Tagen nur: Hände schütteln, Reden halten - und mit sichtlicher Genugtuung den brandenden Applaus genießen. Überall bietet sich dem Beobachter das gleiche Bild: proppenvolle Hallen, jubelnde Syriza-Fans. Und Tsipras donnert immerzu das ins Mikrofon, was am 26. Januar unter seiner Ägide "endlich ein Ende finden" werde: "Kein Sparkurs mehr, keine Troika mehr, keine leeren Versprechen von Samaras mehr." Was Tsipras unmissverständlich von den knapp zehn Millionen stimmberechtigten Griechen fordert: "Die absolute Mehrheit der Mandate, um alleine regieren zu können." So habe er die Hände frei, um harte Verhandlungen mit der Troika zu führen, versichert er.

Doch wird es dafür reichen? Laut Public Issue käme Syriza aktuell auf 144 Mandate im 300 Sitze umfassenden Athener Parlament, den gemäss griechischem Wahlrecht garantierten 50-Mandate-Bonus für den Erstplatzierten schon miteingerechnet.

Tsipras' Marschrichtung auf der Schlussgeraden vor dem Urnengang lautet daher: Vor allem die noch unentschlossenen Wähler gewinnen. Ob der Pro-Syriza-Stimmung im Lande sprüht Tsipras jedenfalls vor Zuversicht: "Der Strom des Sieges wird zu einem reißenden Fluss", ruft er seinen Anhängern zu.

Den Prognosen zum Trotz: Sein Widersacher Samaras gibt nicht auf. Der Regierungschef will mit seinem Programm "Griechenland 2021" (200 Jahre nach der Griechischen Revolution gegen die Osmanen-Herrschaft) punkten. Was es konkret vorsieht: Die Fortsetzung des Reformkurses in Athen , die Schaffung von 770 000 Arbeitsplätzen, Steuersenkungen im großen Stil, stufenweise Renten- und Pensionserhöhungen. Neue Sparmaßnahmen seien für Hellas nicht mehr nötig, betont auch Samaras demonstrativ. Ins gleiche Horn stößt der zur ND-Führungsriege gehörende Evangelos Meimarakis, zuletzt immerhin Athener Parlamentspräsident. Meimarakis' Motto: "Genug ist genug! Damit ist jetzt Schluss. Wir sind dafür die Hoffnung." Aber nach mehr als einem halben Dutzend Sparpaketen seit dem Frühjahr 2010 sind derartige Parolen der Noch-Regierenden für das Gros der Griechen pure Heuchelei. In ihren Augen haben Samaras und Co. jeglichen Kredit verspielt. So lautet mit Blick auf den wegweisenden Urnengang die Devise: Samaras abwählen. Der Nächste, sprich Tsipras, ist jetzt dran.