Auf der Karl-Marx-Allee in Berlin gibt es Proteste gegen hohe Mieten

Karl-Marx-Allee : Mieter-Rebellion auf der einstigen DDR-Prachtstraße

Immer öfter begehren Menschen in Berlin auf: Investoren treiben die Mieten in die Höhe. Aktuell sind Bewohner der Karl-Marx-Allee in den Schlagzeilen.

Fünf Kinder, acht Enkel und zehn Urenkel – die Großfamilie hält Jürgen Bessler (85) und seine Frau Gisela (86) auch im Ruhestand mitunter ganz schön auf Trab. Doch so viel Aufregung wie jetzt hat das betagte Berliner Ehepaar wohl noch nie erlebt. Denn ihre Drei-Zimmer-Wohnung in der Karl-Marx-Allee, der einstigen sozialistischen Prachtstraße im Ostteil Berlins, wurde wie 800 weitere vom bisherigen Eigentümer an den börsennotierten Immobilienkonzern Deutsche Wohnen verkauft. Nun befürchten die rund 2000 Bewohner stark steigende Mieten – und viele von ihnen gehen auf die Barrikaden. Auch die Besslers. „Für uns geht es um eine Existenzfrage“, sagt Gisela Bessler.

Der Fall in der „KMA“, wie die Karl-Marx-Allee genannt wird, steht exemplarisch für eine Entwicklung, die die Hauptstadt seit der Wiedervereinigung durchläuft. Zunächst nahm die Einwohnerzahl ab, und Wohnungsmangel war ein Fremdwort. Aus Geldnot verschleuderte der Senat bis ins neue Jahrtausend hinein riesige Wohnungsbestände.

Doch heute sieht es in der Stadt mit 1,6 Millionen Mietwohnungen anders aus. Berlin wuchs zuletzt jedes Jahr im Schnitt um 40 000 Einwohner. Die Metropole ist eine Spielwiese für Investoren, die in Erwartung großer Renditen Immobilien und Baugrundstücke en gros kaufen. Die Folge: Seit einigen Jahren explodieren die Mieten. In vielen Stadtvierteln geht die Angst vor Gentrifizierung um – also vor der Verdrängung alteingesessener Bewohner oder Geschäftsleute durch finanzkräftigeres Publikum. Und vielfach gibt es Proteste.

Gisela Bessler lebt seit 1963 in einem der markanten Gebäude der Karl-Marx-Straße. „Nun ist nicht mehr sicher, ob wir die Wohnung behalten können“, erzählt sie. Ein Unding, meint ihr Mann und fügt entschlossen hinzu: „Wir bleiben hier drinnen und gehen dafür notfalls bis zum Äußersten.“

Wie das aussehen soll, wissen die Besslers nicht. Zu einer Protestversammlung sind sie gegangen, haben eine Menschenkette unterstützt und mitgeholfen, eines der Transparente an ihrer Hausfassade am Fenster ihres Wohnzimmers zu befestigen. „Mieteraktion gegen Spekulation“, steht darauf, „Nicht mit uns“ oder „Kommerzallee“.

Aufgeschreckt haben die Proteste auch den Berliner Senat. „Unser Ziel ist es, den bezahlbaren Wohnraum in den vier betroffenen Blöcken in der Karl-Marx-Allee zu erhalten und dauerhaft zu sichern“, versichert Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke). In hektischer Betriebsamkeit entwickelte Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) ein Modell, wie Mieter bei ihrem Vorkaufsrecht, das sie in dem Fall bis zum 5. Januar haben, mittels Bürgschaft unterstützt werden können. Eine andere Idee ist die Übernahme der Wohnungen durch eine landeseigene Gesellschaft.

Überzeugend finden die Besslers derartige Überlegungen nicht. Ihre 103 Quadratmeter große Wohnung, die zu DDR-Zeiten monatlich 97,25 Ost-Mark kostete und heute mit 960 Euro Warmmiete zu Buche schlägt, für 400 000 oder vielleicht 600 000 Euro kaufen? „Das ist doch völlig undenkbar“, sagt Gisela Bessler.

Womöglich kommt indes Variante zwei für die Besslers zum Tragen. Denn ihr Wohnhaus liegt in einem sogenannten Milieuschutzgebiet. Dort müssen Vermieter Standards einhalten – und der Staat hat bei Eigentümerwechseln unter bestimmten Bedingungen ein Vorkaufsrecht. „Aber auch hier haben wir doch bislang nichts in der Hand“, stellt Gisela Bessler fest.

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