Auf der Jagd nach der Fälscher-Mafia

Auf der Jagd nach der Fälscher-Mafia

Elke Hoffmann ist sprachlos vor Staunen. Sie verdreht die Augen - und lacht: Die Chinesen haben die kleine weiße Schüssel aus Mettlach in eine riesige Luxus-Badewanne verwandelt. Die Form der Wanne hat eine auffallende Ähnlichkeit mit der Schüssel aus einer V&B-Kollektion. Die Asiaten haben das Design abgekupfert - so scheint es jedenfalls

Elke Hoffmann ist sprachlos vor Staunen. Sie verdreht die Augen - und lacht: Die Chinesen haben die kleine weiße Schüssel aus Mettlach in eine riesige Luxus-Badewanne verwandelt. Die Form der Wanne hat eine auffallende Ähnlichkeit mit der Schüssel aus einer V&B-Kollektion. Die Asiaten haben das Design abgekupfert - so scheint es jedenfalls. Und jetzt bieten sie die mosaikbesetzte Wanne feil, gesichert durch dickes Schaufensterglas. Der Schauplatz: eine Fachmesse für Sanitär- und Haustechnik in Frankfurt. In dem Land, aus dem die Schüssel stammt. Ein paar Meter weiter fehlen Hoffmann wieder kurz die Worte - als sie den Stand einer Firma entdeckt, deren Name dem des Mettlacher Traditionsunternehmens verblüffend ähnelt: "Villboch".Elke Hoffmann leitet bei Villeroy & Boch den Bereich Schutzrechte und jagt Produkt-Piraten. Nach ihrem Jura-Studium in Trier reizte es sie, sich auf diesem Gebiet zu spezialisieren, weil es dort nicht nur um Paragraphen, sondern auch um Marken, Design und Technik geht. Ihr Referendariat hat die im Kreis Merzig-Wadern aufgewachsene Hoffmann in Miami gemacht. Dann zog es sie in die Heimat zurück, nach Mettlach. Inzwischen jagt die große blonde Frau seit etwa 15 Jahren Produktpiraten, weltweit. Hoffmann - resolute Stimme, stolzer Gang, entwaffnendes Lächeln - spürt mit Privatdetektiven Fälscher-Fabriken in asiatischen Dörfern auf. Fahndet in den Weiten des Internets nach gefälschten V&B-Produkten. Führt jahrelange Prozesse gegen die Fälscher-Mafia. Durchstreift Messen mit mehreren hunderttausend Quadratmetern Präsentationsfläche - wie diese. Hat sie gerade mit der Luxus-Badewanne und dem Firmennamen "Villboch" gleich zwei Coups gelandet?

Nein. "Villboch", meint Hoffmann, existiert höchstens als Briefkastenfirma. Selbst wenn sie klagen wollte - es wäre zu aufwendig, die Drahtzieher zu finden. Und die Wanne? Für Laien ein eindeutiger, in Wirklichkeit ein kniffliger Fall. Selbst wenn es sich auch um eine Schüssel und nicht um eine Badewanne handeln würde: "Der Grat zwischen einer Fälschung und einem ähnlichen, aber noch legalen Produkt ist schmal. Es kommt auf klitzekleine Kleinigkeiten an, zum Beispiel Winkelgrößen", sagt Hoffmann. Bei Design ist Einzigartigkeit eine Sache von Millimetern.

An diesem Tag hat Hoffmann also keine Beute gemacht. Doch selbst wenn sie ein paar gefälschte Produkte aufspürt, weiß sie, dass diese nur die Spitze des Eisberges sind: "Eigentlich dürfte mir mein Beruf gar keinen Spaß machen. Ich werde mit meiner Arbeit nie fertig, weil es immer neue Produkte - und immer neue Fälschungen gibt." Und die Fälscher werden "immer cleverer", plumpe Nachahmungen gibt es kaum noch. Den Verlust für V&B schätzt sie auf mehrere Millionen Euro pro Jahr. Nach Expertenangaben beträgt der Schaden, den Produktpiraterie in Deutschland verursacht, etwa 30 Milliarden Euro. Die Europäische Union geht davon aus, dass hierzulande dadurch jährlich 70 000 Arbeitsplätze verloren gehen.

Die Kopier-Industrie ist riesig. Wenn eine Fälscher-Fabrik dichtgemacht wird, wird woanders ein neue aufgebaut. "Viele Ermittlungen kosten eine Menge Zeit und Geld - verlaufen sich aber im Sande." Und wenn die Jäger Fälscher fangen, gehen ihnen meistens nur die kleinen Fische ins Netz. Hoffmanns Aufgabe ist eine Sisyphos-Arbeit - dennoch, oder vielleicht gerade deswegen geht sie darin auf, sie weiß kleine Erfolge zu schätzen: "Ich verliere mein Ziel nie aus den Augen: Den Fälschern einen Schritt voraus zu sein und sie zu überführen." Neben Ehrgeiz treibt sie auch eine Portion Idealismus an: "Wenn alle nur kopieren würden, gäbe es keinen Fortschritt mehr."

Beim Kontrollrundgang mit dem Zoll auf der Frankfurter Sanitärfachmesse hat Hoffmann in den vergangenen Jahren dutzende Fälschungen entdeckt. Heute werden nur ihre Kollegen fündig: Zusammen mit Zollfahndern gehen sie von Stand zu Stand und halten nach Fälschungen ihrer Produkte Ausschau. Die Szenen wiederholen sich immer wieder: Ein Jurist glaubt, eine Kopie entdeckt zu haben, überprüft seinen Eindruck mit Lupe und Metall-Zollstock, holt seine Schutzrechtunterlagen heraus und belegt, dass er mit seinem Verdacht richtig liegt. Die Beamten stellen die Ware sicher, packen sie in Plastikbeutel und erteilen den Fälschern eine Abmahnung. Am Ende werden die Fahnder 224 gefälschte Produkte, vor allem Bad-Armaturen, gefunden haben - doppelt so viele wie zwei Jahre zuvor. Wiederholungstätern droht der Ausschluss von der Messe. Eine Übersetzerin begleitet die Zollbeamten, weil die meisten Fälscher aus China kommen. Mentalitäten prallen aufeinander: Hier Deutschland, das Land der Ingenieure und Erfinder. Dort China, wo Kopieren als Kunst gilt. Doch die Mentalität in China scheint sich ganz langsam zu wandeln: "Die Chinesen werden sensibler für Schutzrechte." Die Behörden gehen Schutzrechtsverletzungen häufiger nach. Und immer mehr chinesische Firmen melden eigene Patente und Geschmacksmuster an. Das Land der Kopier-Kunst will sich als Land der Ideen etablieren.

Ein paar Wochen später in Hoffmanns Büro. In seiner Mettlacher Zentrale pflegt und inszeniert V&B seine Tradition. Edler Holzboden, alte Gemälde, Samtsessel, Springbrunnen, Keramikmuseum. In den Werkstätten feilen Designer monatelang an ihren Entwürfen. "Wir wollen uns als Marke von der Masse abheben - mit Qualität, Funktionalität und Design. Das ist aufwendig und kostet Geld", sagt Hoffmann. Sie weiß, dass "die Haltung 'Geiz ist geil' weit verbreitet" ist, viele Deutsche gern gute und billige Fälschungen kaufen und Filme sowie Musik illegal aus dem Internet runterladen. Im Vergleich zu dieser Fraktion wirkt Hoffmanns Mission wie aus der Zeit gefallen. Andererseits wird die Fraktion derjenigen, die gegen die Gratis- sowie Billig-Mentalität und für den Schutz geistigen Eigentums kämpfen, in letzter Zeit wieder stärker. Das zeigten auch die Fälle Guttenberg, Koch-Mehrin und Chatzimarkakis.

Hoffmanns Kampf für den Designschutz kann gefährlich werden. Sie versucht, den Fälschern ihr Millionen-Geschäft zu vermiesen und ist damit ihr natürlicher Feind. Kollegen von ihr wurden bedroht, verfolgt, verprügelt. Deshalb tritt Hoffmann auf asiatischen Messen ohne Namensschild auf und arbeitet eng mit Privatdetektiven zusammen: "Unsere Ermittler leben gefährlich. Nach ein paar Jahren sind sie bekannt und nicht mehr einsetzbar." Beim Fälschen geht es um viel Geld, "deswegen wird mit harten Bandagen gekämpft". Hoffmann nimmt den Kampf an: "Für meinen Beruf muss man Leidenschaft haben - und immer auf alles gefasst sein", sagt sie und erinnert sich an ein Erlebnis vor ein paar Jahren.

Es klingt nach dem Fiebertraum eines Produktpiraten-Jägers, doch die Geschichte ist wahr: Während eines Messe-Besuchs wohnte sie in einem Hotel in Shanghai. Egal, wo sie hinschaute, immer wieder stieß sie auf das Zeichen von V&B, in allen Badezimmern und Toiletten. Doch die Waschbecken, Wannen und Duschen waren allesamt Fälschungen. Es waren nicht die schlechtesten Kopien, einen entscheidenden Fehler hatten die Fälscher aber gemacht: Auf dem V&B-Zeichen prangte nicht das Gründungsjahr 1748 - sondern 1948.Foto: ruppenthal

"Unsere Ermittler leben gefährlich."

Elke Hoffmann