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Auch reiche Deutsche spenden - zurückhaltend

Auch reiche Deutsche spenden - zurückhaltend

Berlin. Es war ein unwirkliches Bild, das sich den Medien im vergangenen Oktober in Berlin bot: Millionäre mit Handkarren voller Geld zogen zum Berliner Verhandlungsort der Koalitionäre, warfen Spielgeld-Scheine in eine eigens ausgehobene Grube, das "Haushaltsloch". Keine Symbol-Aktion, eine handfeste Selbstkasteiung: Die Aktivisten forderten eine Vermögensabgabe

Berlin. Es war ein unwirkliches Bild, das sich den Medien im vergangenen Oktober in Berlin bot: Millionäre mit Handkarren voller Geld zogen zum Berliner Verhandlungsort der Koalitionäre, warfen Spielgeld-Scheine in eine eigens ausgehobene Grube, das "Haushaltsloch". Keine Symbol-Aktion, eine handfeste Selbstkasteiung: Die Aktivisten forderten eine Vermögensabgabe. Denn: "Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Die Reichen sollten stärker gefordert werden", so ein Initiator, Dieter Lehmkuhl, wohlhabender Berliner Arzt. 23 Reiche hatten damals den Appell "Vermögende für eine Vermögensabgabe" unterzeichnet. Sie sollte Menschen mit einem Gesamtvermögen ab 500 000 Euro betreffen und 2009 und 2010 fünf Prozent betragen. Im Anschluss war zudem wieder eine Vermögenssteuer von einem Prozent auf alle Vermögen über 500 000 Euro vorgesehen. Allein die temporäre Vermögensabgabe hätte dem Staat geschätzte 50 Milliarden Euro eingebracht. Bis heute haben sich aber nur 48 Reiche dem Aufruf angeschlossen - und ob und welche Signale die Initiatoren aus der Politik bekamen, wurde nicht mitgeteilt. Wirklich öffentlichkeits-offensiv verhalten sich diese Steuererhöhungs-Befürworter nicht. Mehr als die Hälfte der ersten 23 Unterstützer wollten anonym bleiben. Warum? Einer der Sprecher, Bruno Haas (Berlin) meint, mancher fürchte Druck aus dem beruflichen Umfeld, andere Kindesentführungen oder Stress mit dem Freundeskreis, der das Ausmaß des Reichtums gar nicht kenne. Warum braucht das Offenlegen in Deutschland so viel Mut? Auch Deutschland hat seine Superreichen. 90 Milliardäre finden sich auf der Manager-Magazin-Liste. Und sollte der US-Milliardär Bill Gates die Ansage wahrmachen, die Hälfte seines Vermögens zu spenden, rückt ihm der geldpotenteste Deutsche, Karl Albrecht (Aldi), ganz schön nah. Doch eine spektakuläre Spendenaktion wie die der 40 Gates-Mitstreiter ist hier zu Lande unwahrscheinlich. Denn die Losung lautet immer noch: Tue Gutes und schweige darüber. Deshalb weiß die Öffentlichkeit nur schemenhaft, wie großzügig Deutschlands Reiche sind. Ist das verwunderlich? Skeptiker unterstellen geradezu reflexhaft egoistische Motive. Manchem Großspender gehe es vordringlich um Steuerersparnis, um die Absicherung von Familienmitgliedern durch Stiftungen oder um gesellschaftlichen Einfluss, heißt es. Auch Lehmkuhl ("Initiative Vermögender für eine Vermögensabgabe") sagte der "Frankfurter Rundschau", ein Spender entziehe dem Staat Steuermittel und verteile sein Vermögen ohne demokratische Kontrolle. So könne er soziale oder kulturelle Prozesse "nach Gutsherrenart" beeinflussen.Ein VersteckspielStolz scheint dies Wohltäter nicht zu machen, sondern leisetreterisch. Der Bundesverband deutscher Stiftungen jedenfalls konnte gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" die Gesamt-Summe der Stiftungs- und Spenden-Zuwendungen nicht beziffern. Spenden-Experten erklären dieses Versteckspiel mit einer fehlenden Kultur des Sich-öffentlich-Engagierens, monieren "zu viel Diskretion an falscher Stelle" und fordern mehr Transparenz. Auch Wohltätigkeits-Organisationen beklagen die mangelnde Offensive: "Damit fehlen der Gesellschaft Vorbilder und Erfolgsgeschichten, um andere zu motivieren und Gleiches zu tun", sagt Martina Dase, Marketingvorstand der Welthungerhilfe. Immerhin: Mindestens 140 der 300 reichsten Familien in Deutschland haben nach Recherchen der Uni Heidelberg Stiftungen gegründet. Und genügend Positivbeispiele gibt es schon: Die C&A-Gründerfamilie Brenninkmeijer, die Aldi-Brüder, Siemens-Chef Peter Löscher und Schuh-Baron Heinz-Horst Deichmann steckten Teile ihres Vermögens in soziale Projekte. In Halle rettet eine vermögende Ärztin mit Millionen einen Friedhof vor dem Verfall, die Witwe eines Schulbuchverlegers lässt Herrenhäuser in Brandenburg sanieren. Eine Wiedergeburt der "Philantrophie" (Menschenliebe)? Als kürzlich Karl Albrechts Bruder Theo - mit vom Magazin Forbes geschätzten 16,7 Milliarden Dollar immerhin der drittreichste Deutsche - starb, teilte das Unternehmen mit, das Vermögen sei in nicht auflösbaren Stiftungen gebunden. Der Unternehmer sicherte damit also in erster Linie sein Lebenswerk. Vermögensteuer-Verfechter Lehmkuhl hält es denn auch für besser, wenn der Staat die Reichen über Steuern erleichtert. Dann werde demokratisch entschieden, was mit dem Geld geschieht. Dagegen könnte sprechen, dass laut Bundesregierung das einkommensstärkste Zehntel der Einkommensteuerpflichtigen schon jetzt mehr als die Hälfte des Aufkommens an die Staatskasse überweist.Dem hingegen nennt der Deutsche Spendenrat das Vorhaben der US-Milliardäre vorbildlich. Auch Deutschland könne solche Initiativen gut vertragen, meint Geschäftsführerin Daniela Felser. Der Ökonom Georg von Schnurbein macht da wenig Hoffnung. "Ich denke, dass das Ganze eine sehr amerikanische Maßnahme ist", sagt der Experte für Stiftungsmanagement. Bekanntlich hat sich in den USA über Jahrhunderte ein ganz anderes, durch fröhliche Eigeninitiative geprägtes Privat-Engagement für das Gemeinwesen entwickelt. Deutschland hingegen blickt auf eine lange Sozialstaats-Tradition zurück. Die anonyme öffentliche Hand gilt als Garant für ein funktionierendes und faires Unterstützungs-System. Nicht von ungefähr sprechen die Deutschen vom "Vater Staat". Forsche Unternehmer oder smarte Erben passen wohl kaum ins gemütliche Wohltäter-Bild.