Au(e) weia!

Bonn. Für viele Deutsche dürfte ein "schöner Fluss" ungefähr so aussehen: leicht geschwungener Verlauf, einzelne Büsche oder Trauerweiden entlang der Ufer und auf beiden Seiten möglichst ein Rad- und Spazierweg mit Sitzbänken. Ungefähr so sehen Deutschlands Flüsse über weite Strecken leider auch aus

Bonn. Für viele Deutsche dürfte ein "schöner Fluss" ungefähr so aussehen: leicht geschwungener Verlauf, einzelne Büsche oder Trauerweiden entlang der Ufer und auf beiden Seiten möglichst ein Rad- und Spazierweg mit Sitzbänken. Ungefähr so sehen Deutschlands Flüsse über weite Strecken leider auch aus. Viele Kinder haben niemals andere gesehen - es sei denn welche mit Häfen, Raffinerien oder Kraftwerken am Ufer, also noch stärker vom Menschen veränderte.

Staustufen, Ufermauern, Campingplätze und Wohngebiete inmitten der einst von Auwald bestandenen Flusssäume haben sich entlang fast aller größeren Flüsse breit gemacht. Auch die Landwirtschaft ist ihnen buchstäblich zu Leibe gerückt.

Natürliche, also wilde Fließgewässer mit ökologisch vielfältigen, vor Leben nur so wimmelnden Auwäldern gibt es hierzulande hingegen kaum noch. Das unterstreicht der erste deutsche Auen-Zustandsbericht, den das Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn jetzt vorgelegt hat. Mit dem Papier werde "erstmalig ein bundesweiter Überblick über den Verlust von Überschwemmungsflächen, die räumliche Ausdehnung und den Zustand der Flussauen in Deutschland gegeben", sagt BfN-Präsidentin Professor Beate Jessel.

Für seinen Bericht hat das BfN die Auen von 79 Flüssen auf einer Länge von fast 10 300 Flusskilometern erfassen und bewerten lassen. Der Untersuchungsraum umfasst eine Gesamtfläche von über 15 500 Quadratkilometern; das entspricht 4,4 Prozent der Fläche Deutschlands und fast der Fläche Schleswig-Holsteins. Das Gutachten führt drastisch vor Augen, wie sehr der Mensch die schon von steinzeitlichen Jägern gerne genutzten Auen umgestaltet und dabei meist gründlich zerstört hat. "Derzeit können noch rund ein Drittel der ehemaligen Überschwemmungsflächen von Flüssen bei großen Hochwasser-Ereignissen überflutet werden", heißt es in dem Papier. An Rhein, Elbe, Donau und Oder seien "durch Hochwasserschutzmaßnahmen an vielen Abschnitten nur noch zehn bis 20 Prozent der ehemaligen Auen für Überflutungen erreichbar". Umso verheerender können sich Hochwässer auswirken, zumal diese im Zuge des Klimawandels infolge zunehmender Starkregen-Ereignisse noch häufiger drohen.

Die gegenwärtigen, bei normalem Hochwasser noch überflutbaren Auen an den untersuchten Flüssen beanspruchen zusammen eine rund 4800 Quadratkilometer große Fläche - knapp zweimal jene des Saarlandes. Zu einem Drittel werden sie intensiv als Acker-, Siedlungs-, Verkehrs- und Gewerbeflächen genutzt, nahezu die Hälfte dieser Auenbereiche werden als Grünland bewirtschaftet, nur das restliche Achtel bietet Raum für Wälder.

Das alles weiß Ernst-Paul Dörfler vom Naturschutzverband BUND zur Genüge. Er kämpft seit vielen Jahren für mehr Auenschutz. "Wir müssen damit aufhören, die Flüsse weiter künstlich zu vertiefen und einzuengen", fordert er. Dadurch gehe immer mehr Lebensraum für ans Wasser gebundene Tiere und Pflanzen verloren.

Der Auen-Zustandsbericht mahnt denn auch zur Umkehr in der Flusspolitik. "Die Ergebnisse verdeutlichen, dass es einen dringenden Handlungsbedarf gibt, den Flüssen wieder mehr Raum zu geben", sagt BfN-Präsidentin Jessel. Seine Resultate präsentiert der Bericht auch in Gestalt zweier Übersichtskarten - einer zu den Verlusten von Auen und einer zum Auenzustand. Beide Karten sind im Internet unter ww.bfn.de abrufbar.