1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Topthemen

Armutsbericht: Europa droht neue soziale Kluft

Armutsbericht: Europa droht neue soziale Kluft

Brüssel. So düster fiel die Bilanz seit 20 Jahren nicht mehr aus: Fast 19 Millionen Arbeitslose in der Euro-Zone (11,8 Prozent). In Ländern wie Griechenland und Spanien findet jeder zweite Jugendliche keinen Job, in Italien sind es 37,1 Prozent. "Der Trend ist besorgniserregend", stellte EU-Sozialkommissar László Andor gestern bei der Vorstellung des neuen Armutsberichts fest

Brüssel. So düster fiel die Bilanz seit 20 Jahren nicht mehr aus: Fast 19 Millionen Arbeitslose in der Euro-Zone (11,8 Prozent). In Ländern wie Griechenland und Spanien findet jeder zweite Jugendliche keinen Job, in Italien sind es 37,1 Prozent. "Der Trend ist besorgniserregend", stellte EU-Sozialkommissar László Andor gestern bei der Vorstellung des neuen Armutsberichts fest. Es gebe eine "neue Kluft" innerhalb der Union. Während es Deutschland, Österreich und den Niederlanden vergleichsweise gut geht, rutschen die südlichen und östlichen Länder immer tiefer in den Abgrund. Vor fünf Jahren lag die Quote der Erwerbslosen zwischen Nord und Süd nahezu gleichauf. Heute klaffen 7,5 Punkte dazwischen. Allein in Griechenland stieg die Zahl der Arbeitslosen im Vorjahr um 7,1 auf 26 Prozent. Parallel dazu rutschen die Einkommen in den betroffenen Regionen ab: Hellenische Familien müssen heute mit 17 Prozent weniger auskommen als noch 2009, in Spanien sind es acht, auf Zypern sieben Prozent.Dagegen legten die Einkommen beispielsweise in Deutschland trotz der Krise spürbar zu. "2012 war ein schlechtes Jahr für Europa, was die Arbeitslosigkeit und die sich verschlechternde soziale Lage angeht", sagte Andor. Eine deutliche Verbesserung sei unwahrscheinlich, weil der Kampf gegen die Euro-Krise und die soziale Ausgrenzung nur langsam Fortschritte zeige. So wachse das Risiko, in die Armut abzugleiten. Die Schere zwischen Ländern, die in einer Abwärtsspirale aus abnehmender Arbeitsleistung, steigender Jugendarbeitslosigkeit und sinkenden Einkommen gefangen seien, sowie jenen mit robusten Sozialsystemen und reformierten Arbeitsmärkten klaffe immer weiter auseinander, sagte Andor.

Besonders von Armut bedroht sind nach den Zahlen der Kommission neben jungen Menschen arbeitslose Frauen sowie alleinerziehende Mütter. Zu den Opfern der Krise gehören auch jene Erwerbstätigen, die schon über einen längeren Zeitraum ohne Beschäftigung sind. Die Quote der Langzeitarbeitslosen schnellte zwischen 2009 und 2012 von drei auf 4,6 Prozent in die Höhe. In den Ländern des Baltikums ist inzwischen jeder Siebte dauerhaft ohne Arbeit.

Die Analyse zeigt aber auch, dass die neue soziale Frage nicht selten hausgemachte Gründe hat. Reformen am Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft seien über "viele Jahre hinweg" verschlafen worden. Die Entwicklung neuer Jobs durch moderne Industriezweige wurde nicht in Angriff genommen. Konkret nannte Andor Arbeitsplätze in der Umweltbranche oder im Gesundheitssektor. Als Beispiel für eine vorausschauende Entwicklung werden übrigens die Hartz-IV-Reformen in Deutschland genannt. Sie tauchen im Bericht des Sozialkommissars gleich vier Mal als Begründung dafür auf, dass es die Bundesrepublik bisher so stabil durch die Krise geschafft habe. dr