Antritt der Merkelianer

Die alte Zeit endet mit zehn Minuten Applaus. Angela Merkel balanciert nach ihrer Rede über die riesige Bühne, hölzern und kontrolliert, wie es ihre Art ist, winkt sie den über 1000 jubelnden Delegierten zu

Die alte Zeit endet mit zehn Minuten Applaus. Angela Merkel balanciert nach ihrer Rede über die riesige Bühne, hölzern und kontrolliert, wie es ihre Art ist, winkt sie den über 1000 jubelnden Delegierten zu. In großen Buchstaben steht hinter ihr das Wort "Gemeinsam" - und man hat den Eindruck, zwischen der CDU und ihrer Vorsitzenden gibt es neuerdings so viele Gemeinsamkeiten wie noch nie. Merkels Gesichtsausdruck verrät, was sie wohl verspürt: Zufriedenheit mit ihrem Auftritt und mit dem, was sie aus der Union in den letzten zehn Jahren gemacht hat. Mit 90 Prozent wird sie später im Amt der Parteichefin bestätigt - mit etwas mehr hatte sie dann doch gerechnet. Jetzt und hier beginnt trotzdem auf dem 23. Bundesparteitag der CDU in Karlsruhe eine neue Zeit. Weil Christian Wulff nun als Bundespräsident im Schloss Bellevue sitzt; weil Roland Koch in die Wirtschaft gewechselt ist. Und weil Jürgen Rüttgers in Nordrhein-Westfalen abgewählt wurde. Alle alten Widersacher sind Parteigeschichte. Jetzt und hier hat "Mutti" neue Lieblinge, die sie in die Führungsspitze der Partei hievt. Die CDU wandelt sich damit in der Karlsruher Messehalle vollends zur christdemokratischen Merkel-Partei. Umweltminister Norbert Röttgen als neuer Partei-Vize ist einer von denen, die nun mehr Zukunft als Vergangenheit haben. Gefolgt von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, die zwischendurch mit Merkel oben auf der Bühne plauscht wie bei einem Kaffeeklatsch. Beide erhalten mit 88 und 85 Prozent Wahlergebnisse die belegen, dass die Delegierten sie für die Kronprinzen halten. Auch Bildungsministerin Annette Schavan, eine enge Vertraute der Kanzlerin, wird wieder Stellvertreterin, aber nur mit schlappen 64 Prozent. Sie alle sind Merkelianer. Allein der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier ist es nicht. Mit ihm holt sich Merkel den Quoten-Konservativen in die Parteiführung. Gefährlich kann ihr der alternde Hesse freilich nicht mehr werden. Die personelle Neuaufstellung der CDU-Spitze geht auch deshalb weitgehend reibungslos über die Bühne, weil Merkel mit ihrer Rede lang ersehnte Bedürfnisse bedient; so, wie auf diesem Parteitag, hat man die Physikerin der Macht selten erlebt. Profillos sei sie, ohne Richtung, hieß es oft. In Karlsruhe zeigt sich eine Frau, die anders kann. So viel Konservatismus war noch nie in Angela Merkel. Scharfzüngig grenzt sie die Union ab. Müntefering habe noch gesagt, Opposition sei Mist. Heute müsse man feststellen: "Die Opposition macht Mist", ruft die Parteichefin. Donnernden Applaus erhält sie für solche Attacken. Auch für die Grünen hat Merkel nur Spott übrig. Auf veränderte Bedingungen müsse es "neue, wertegebundene Antworten geben", sagt sie. Die Konservativen vom Schlage eines Volker Kauder lächeln. Das "C" sei immer noch der Kompass der Partei, der Glaube gebe auch ihr "ganz persönlich Kraft", ergänzt sie leise. Das sind Geständnisse, die die Delegierten verzücken. Merkel gibt sich zugleich selbstkritisch: Die Bilanz der Regierung könne sich sehen lassen - "in der Sache, aber nicht im Stil." Bei der anschließenden Aussprache verneigt sich sogar der dauernörgelnde Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung, Josef Schlarmann. Er legt sich förmlich in den Staub: "Zu dieser Rede gibt es nichts zu kommentieren, es gibt nur noch zu danken." Auch das Thema Aussetzung der Wehrpflicht kann die Harmonie nicht trüben. Was an Gastredner Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg liegt. Merkels Konkurrent aus der CSU lobt die "große und richtungsweisende Rede" der Unions-Chefin. Er schmeichelt gekonnt der Kanzlerin und den CDU-Delegierten - selbst die Huldigung des einstigen Patriarchen Helmut Kohl fehlt nicht. Guttenberg fordert dazu auf, mit Blick auf die Bundeswehr den Realitäten ins Auge zu blicken, er argumentiert überzeugend. Am Ende steht die gewünschte Mehrheit deutlich für die historische Entscheidung - trotz kontroverser Debatte. Einer hätte Merkel den Parteitag noch verhageln können: Wolfgang Schäuble. Wegen seiner Steuerpolitik und seines rüden Umgangs mit seinem Pressesprecher steht er in der Kritik. Merkel hat die Losung ausgegeben, ihn demonstrativ zu unterstützen. Der Finanzminister gibt in Karlsruhe ein verkürztes Gastspiel, er muss in Brüssel über die WestLB verhandeln. So kann er auch den Medien aus dem Weg gehen. Am Nachmittag spricht Schäuble selbst, weil er sich um einen Platz im Präsidium bewirbt. Er sagt: Das letzte Jahr sei schwerer gewesen, "als ich mir das vorgestellt und gewünscht habe". Da wird es still im Saal. Jeder weiß auch um seine gesundheitliche Leidengeschichte. "Ich bin aber bereit, meinen Dienst weiterzuleisten. Ich bitte um ihr Vertrauen." Kräftiger Applaus brandet auf. Schäuble erhält 85 Prozent - und bekommt das Vertrauen, das er sich gewünscht hat.

HintergrundDas neue Präsidium (in Klammern Ergebnisse der vergangenen Wahl): Parteivorsitzende: Angela Merkel 90,44 (94,83); Stellvertretende Vorsitzende: Norbert Röttgen 88,20 (neu); Volker Bouffier 85,12 (neu); Ursula von der Leyen 85,12 (neu); Annette Schavan 64,17 (73,95); Generalsekretär: Hermann Gröhe 90,30 (neu); Schatzmeister: Helmut Linssen 97,18 (neu); Präsidium: Julia Klöckner 94,43 (neu); Wolfgang Schäuble 85,64 (85,37); Stanislaw Tillich 78,78 (neu); Karl-Josef Laumann 76,53 (77,73); Eckart von Klaeden 65,27 (neu); Annegret Kramp-Karrenbauer 57,45 (neu); Philipp Mißfelder 57,34 (66,49). Kraft Amtes gehören dem Präsidium noch Fraktionschef Volker Kauder und Bundestagspräsident Norbert Lammert sowie (ohne Stimmrecht) die CDU-Ministerpräsidenten an. dpa