Als die Münzen mit Hammer und Sichel verschwanden"Man kann die Zeit nicht zurückdrehen"

Als die Münzen mit Hammer und Sichel verschwanden"Man kann die Zeit nicht zurückdrehen"

Leipzig. Die einen verfielen in Kaufpanik und investierten ihre Ersparnisse noch schnell in Fernseher oder "Trabis", andere warteten gelassen ab: Die DDR-Bürger reagierten höchst unterschiedlich auf die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, die am 1. Juli 1990 in Kraft trat

Leipzig. Die einen verfielen in Kaufpanik und investierten ihre Ersparnisse noch schnell in Fernseher oder "Trabis", andere warteten gelassen ab: Die DDR-Bürger reagierten höchst unterschiedlich auf die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, die am 1. Juli 1990 in Kraft trat. Nur gut sieben Monate nach dem Fall der Mauer ersetzte die "harte" D-Mark vor 20 Jahren das Ostgeld. Heute haben die DDR-"Alu-Chips" und Banknoten allenfalls noch nostalgischen und einige rare Gedenkmünzen auch Sammlerwert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat heute "noch das Gefühl von etwas ganz Besonderem", wenn sie sich an die deutsch-deutsche Währungsunion erinnert. Rückblickend sei die Währungsunion ein "risikovoller, aber mutiger und zum Schluss erfolgreicher Schritt durch die damalige Bundesregierung" gewesen, hob Merkel in ihrer jüngsten Video-Botschaft hervor. Der Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Thießen von der TU Chemnitz hat in den 90er Jahren untersucht, wie die Menschen im Osten die Währungsunion erlebten. Er teilt sie in drei Gruppen ein: konservativ Erfolgreiche, Ängstliche und Coole. Die "Coolen" sahen der Umstellung unaufgeregt entgegen und versuchten, sich zu informieren. Die "konservativ Erfolgreichen" - laut Thießen etwa die Hälfte der Bevölkerung - handelten nach dem Motto: Ruhe bewahren und Däumchen drehen. Denn am klügsten verhielt sich letztlich, wer einfach abwartete. Viele hatten aber auch gar kein nennenswertes Geldvermögen. Ganz anders die Ängstlichen: Sie kauften, was der Geldbeutel hergab - Kassettenrekorder, Waschmaschinen, Fernseher für 5000 Ostmark, stellte Thießen in einer Umfrage fest. Besonders arg wurden jene gebeutelt, die ihr Geld aus Angst vor einer Abwertung kurz vor Toresschluss im Frühjahr 1990 noch in einen rund 9000 DDR-Mark teuren Trabant-Wagen steckten. Vielerorts war schließlich selbst Toilettenpapier ausverkauft - vermeintliche Vorsorge für härtere Zeiten. Es wurde so viel angeschafft, dass das Bargeld teilweise knapp wurde.

Mit der Währungsumstellung erhielten DDR-Bürger Löhne und Gehälter ab Juli 1990 schließlich im Verhältnis eins zu eins ausgezahlt. Während der damalige Finanzminister Theo Waigel (CSU) die Entscheidung bis heute für richtig hält, war der damalige SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine anderer Meinung (siehe Interview).

Das Ostgeld fand ein wenig rühmliches Ende: Zwar blieben die Ein- bis 50-Pfennigmünzen der DDR noch ein weiteres Jahr gesetzliches Zahlungsmittel. Mehrere tausend Tonnen Alu-Münzen mit Hammer und Sichel wurden aber dann eingeschmolzen, die knapp 620 Millionen Banknoten größtenteils in versiegelten Stollen entsorgt, wo sie Beute von Mikroben wurden. Herr Lafontaine, nach Ihrer Vorstellung sollte die DDR damals erst einmal als eigenständiger Staat weiter bestehen, die Währungsunion lehnten Sie ab. Warum?

Lafontaine: Eine starke Wirtschaft braucht eine starke Währung, eine schwache Wirtschaft braucht eine schwache Währung. Ich wollte vermeiden, dass die DDR-Wirtschaft eine starke Währung bekommt, weil sie damit sofort die internationale Wettbewerbsfähigkeit verlor. Es ging nicht um einen eigenständigen Staat, sondern um einen eigenen Währungsraum für die DDR-Wirtschaft. Das wäre auch unter dem Dach eines Staates möglich gewesen.

Stehen Sie heute noch zu Ihrer damaligen Position?

Lafontaine: Ohne Einschränkung. Die Einführung der D-Mark zu einem Kurs von 1:1 führte zu Massenarbeitslosigkeit. Die Aufgabe verantwortlicher Politik ist es, Massenarbeitslosigkeit zu vermeiden.

Was würden Sie anders machen?

Lafontaine: Viele Menschen in Ostdeutschland haben sich einige Jahre später bei mir bedankt, weil ich auf soziale Fehlentscheidungen frühzeitig aufmerksam gemacht habe. Politiker sind auch dann verpflichtet, die Wahrheit zu sagen, wenn sie unpopulär ist. Die Ostdeutschen wollten aus verständlichen Gründen die D-Mark wegen ihrer Kaufkraft. Sie übersahen dabei aber die Folgen der Währungsunion für ihre Arbeitsplätze.

Was sind aus Ihrer Sicht die Fehler bei der Währungsunion oder überhaupt im Einheitsprozess, die bis heute nachwirken?

Lafontaine: Die deutsche Vereinigung bot die einmalige Chance zu einer demokratischen Wirtschaftsordnung und damit zu einer wirklich demokratischen Gesellschaft. Dazu hätte man das Staatsvermögen der DDR weitgehend in Belegschaftseigentum umwandeln müssen. Diese einmalige Chance wurde versäumt, weil westdeutsche Firmen die DDR-Wirtschaft aufkauften und sich die verwertbaren Teile unter den Nagel rissen.

Viele Deutsche wünschen sich mittlerweile die D-Mark zurück. Ist das nostalgische Verklärung oder doch eine gute Idee?

Lafontaine: Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Der Euro ist stabiler als die D-Mark, die Finanzkrise hätte Deutschland mit der D-Mark noch stärker getroffen. Die wichtigste Aufgabe ist nicht die Wiedereinführung der D-Mark, sondern strengere Regeln der verrückt gewordenen internationalen Finanzmärkte, und wir müssen die Finanzhaie an die Kette legen, um weitere große wirtschaftliche und soziale Schäden zu vermeiden.