Als der Leitwolf die Flucht ergriff

Als der Leitwolf die Flucht ergriff

Als am späten Nachmittag des 11. März 1999 die "Eil"-Meldungen über die Agentur-Ticker liefen und der Rundfunk den Rücktritt des SPD-Vorsitzenden und Bundesfinanzministers Oskar Lafontaine verkündete, trauten viele Menschen ihren Ohren nicht

Als am späten Nachmittag des 11. März 1999 die "Eil"-Meldungen über die Agentur-Ticker liefen und der Rundfunk den Rücktritt des SPD-Vorsitzenden und Bundesfinanzministers Oskar Lafontaine verkündete, trauten viele Menschen ihren Ohren nicht. Lafontaine gibt auf? "Oskar" schmeißt hin, einfach so? Was ist denn da los in Bonn? Die Verblüffung war groß - und der Fehlstart der rot-grünen Regierung komplett.

Genau zehn Jahre ist es her, dass Lafontaine seine schwerwiegende Entscheidung fällte und damit die deutsche Politik nachhaltig veränderte: Genervt und zermürbt, gekränkt und verärgert gab der erste Mann der SPD alle seine Ämter auf. Er trat den Rückzug nicht etwa stilvoll und geordnet an, wie man das von einer Persönlichkeit seines Kalibers erwarten konnte. "Oskar, das Alpha-Tier", zog vielmehr einen Schlussstrich, wie ihn das Land noch nicht gesehen hatte: Er schrieb Kanzler Gerhard Schröder, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und dem Vorstand der SPD ein paar dürre Zeilen, setzte sich in seinen Dienstwagen und ließ sich nach Hause chauffieren. Kein Wort der Erklärung, keine Pressemitteilung, nicht mal Ehefrau Christa Müller wusste Bescheid. Nur seinen engsten Freund Hans Georg Treib rief er an, mit dem er sich in seinem Haus in Saarbrücken, wohin auch Ministerpräsident Reinhard Klimmt eilte, verschanzte.

Was war passiert? Gewiss, seit geraumer Zeit gab es ein dumpfes Grummeln in Bonn. Insider wussten, dass es im Verhältnis zwischen Schröder und Lafontaine knirschte. Doch eine solche Explosion der Gefühle, diesen "Blackout" (Klimmt) hatte niemand vorhergesehen. Es sollte zwei volle Tage dauern, bis sich Lafontaine zu einer mageren Erklärung durchrang: "Das schlechte Mannschaftsspiel" sei schuld gewesen. Und offenbar auch die Wirtschaftspolitik des Kanzlers: "Das Herz", sagte Lafontaine, "wird noch nicht an der Börse gehandelt, aber es hat einen Standort: Es schlägt links."

Von Anfang an war das Verhältnis zwischen Schröder und Lafontaine von einer ambivalenten Problematik geprägt. Zwar hatte sich der Niedersachse als junger Abgeordneter durchaus an Willy Brandts "Lieblingsenkel" aus dem Saarland orientiert, ihn wegen seiner politischen Power und medialen Durchschlagskraft auch bewundert. Doch spätestens nach der so genannten Rotlicht-Affäre Lafontaines emanzipierte und distanzierte sich Schröder von dem Parteifreund: "Bin ich denn der Hüter meines Bruders?" Lafontaine rächte sich, indem er Schröders Versuch, 1993 SPD-Vorsitzender und Kanzlerkandidat zu werden, massiv hintertrieb. Damals wurde das Fundament für eine intime Männer-Feindschaft gegossen. Es war ein brüchiger Burgfrieden, der fünf Jahre später den rot-grünen Wahlsieg und Schröders Kanzlerschaft ermöglichte. Und fortan kämpften die beiden Leitwölfe mehr gegen- als miteinander.

Schon in den Koalitionsverhandlungen hatte es gekracht. Der designierte Außenminister Joschka Fischer, viele Jahre ein Schröder-skeptischer "Oskar"-Freund, hing plötzlich an den Lippen des neuen Kanzlers. Lafontaines Premium-Status war über Nacht verrutscht. Im Streit um Rudolf Scharping (Lafontaine wollte den Mainzer unbedingt als Fraktionschef verhindern) musste der Parteivorsitzende sogar mit Rücktritt drohen - da war die neue Regierung noch nicht einmal vereidigt. Der ganze rot-grüne Start war ein einziges Fiasko: Schröder präsentierte sich als "Spaß-Kanzler", Fischer übte noch Englisch und Diplomatie, und der Finanzminister verhedderte sich in seinen Großprojekten Steuerreform, Ökosteuer und Neuordnung der internationalen Finanzmärkte. Auch das Ausland reagierte irritiert. Ob in London, Brüssel oder Washington: "Der gefährlichste Mann Europas" (die britische Boulevard-Presse) stieß auf Skepsis und Ablehnung.

So war das schnelle Ende vorgezeichnet. Verbittert musste der Saarländer registrieren, dass Schröder mit seinem Adlatus Bodo Hombach eine "eigene Politik" ohne Sozialromantik und "Gedöns" inszenierte. Dass er gegen die Richtlinienkompetenz des Kanzlers, der sich als "Genosse der Bosse" gefiel, keine Chance hatte. Immer öfter dachte er ans Aufgeben, als Rücktrittstermin erwog er schließlich den 23. Mai 1999, den Tag der Bundespräsidentenwahl. Dann aber ging es Schlag auf Schlag: Zu Helmut Schmidts 80. Geburtstag im Hamburger Thalia-Theater demütigte Schröder seinen wichtigsten Minister. Vor aller Öffentlichkeit reklamierte der Kanzler "einsame Entscheidungen" für sich und fügte grinsend hinzu: "Ich sehe den Vorsitzenden der SPD die Stirn runzeln. Aber Oskar, das ist so!" Die Leute lachten, Lafontaine kochte. Hombach fütterte derweil die Springer-Presse mit Interna, die "Oskar" kompromittieren sollten.

Das Fass lief über am Abend des 10. März, als Meldungen über die Agenturen liefen, der Kanzler habe seinen Finanzminister im Kabinett kritisiert und betont, eine Politik "gegen die Wirtschaft" werde es mit ihm nicht geben. Es war der berühmte Tropfen zu viel. Lafontaine zürnte und zeterte, bediente sich selbst einiger Tropfen, um den Frust zu betäuben - und resignierte. Es war das Ende des SPD-Politikers Oskar Lafontaine.