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Alltag in der Landesaufnahmestelle Lebach: „Kommen Sie. Ich erzähle meine Geschichte.“

Alltag in der Landesaufnahmestelle Lebach: „Kommen Sie. Ich erzähle meine Geschichte.“

4577 Flüchtlinge sind bis November in der Landesaufnahmestelle in Lebach angekommen. Doch während die Theelstadt für die meisten eine Durchgangsstation ist, leben andere seit Jahren dort. Das schürt Konflikte.

Sayed Shah, ihr Gast Sajawal Zadban, Mohammad Darwesh, Sherkhan Gulbadeen und Said Keig (v.l.) in ihrem kleinen Zimmer.

Jemand hat die Tür offen stehen lassen. Langsam wuchert die Kälte über den Steinfußboden ins schmale Treppenhaus der Landesaufnahmestelle Lebach . Die Frau mit den müden Wangen hebt kurz den Blick, als wolle sie den Unachtsamen ermahnen. Doch dann sinkt sie wieder in sich zusammen. Vielleicht fehlen die Worte, vielleicht auch die Kraft. Ihre beiden Kinder, ein Junge und ein Mädchen, kaum dem Kindergarten entwachsen, kauern an die Wand gelehnt, die Hände unter den Mützenrändern vergraben. Die Augen schauen irgendwo ins Nirgendwo. Wartend auf den Vater, der sich mit sechs anderen Männern um den kleinen deutschen Behördenschalter drängt. Eine Glasscheibe, an der ihre monatelange Flucht aus Syrien endet und hinter der mit ein paar Stempeln aus Flüchtlingen Asylbewerber werden.

So wie 4577 andere vor ihnen, die alleine zwischen Januar und November mit dem bisschen, das sie aus ihrem alten Leben retten konnten, in der Landesaufnahmestelle in Lebach angekommen sind. Wer als Flüchtling ins Saarland kommt, muss erst einmal hierher, wo die Anträge auf Asyl und Aufenthalt gestellt werden. Wenn die Flüchtlingszahl steigt, ist das hier zu allererst zu spüren. 1300 Menschen leben derzeit in den 612 Zimmern. Offiziell reicht der Platz für 1380. Die Weiterverteilung auf die Kommunen funktioniere zwar recht gut, sagt Leiter Werner Pontius. Doch nicht immer schnell genug - zumal jeden Tag neue Flüchtlinge ankommen. "Deshalb wird bei uns an Weihnachten auch durchgearbeitet. Wir haben extra eine Urlaubssperre verhängt", sagt Pontius und blickt auf den Hof.

"Überfüllung". Das ist in Lebach ein Begriff, der böse Erinnerungen an 1990 weckt. 1400 Menschen waren damals binnen Tagen in der Landesaufnahmestelle angekommen. Roma und Sinti, geflohen aus Osteuropa. Volkes Zorn entlud sich über den Neuankömmlingen. Der damalige Bürgermeister ließ das Schwimmbad mit Stacheldraht verbarrikadieren, Bürgerwehren patrullierten durch die Innenstadt. Richard Drewes, seinerzeit Staatssekretär im Sozialministerium sprach ganz offen von "Pogromstimmung" in Lebach .

Adolf Merten erinnert sich nur zögernd an diese Zeit. Der 80-Jährige wohnt ein paar Meter entfernt von der Landesaufnahmestelle. Eine gepflegte Doppelhaushälfte mit gepflasterter Einfahrt und akkurat gestutzten Hecken. Inbegriff deutscher Kleinbürgerlichkeit in Sichtweite vom bröckelnden Putz der Flüchtlingsunterkünfte. "Schlimm", sei das damals gewesen, sagt er, "wirklich schlimm." Und heute? "Heute gibt es eigentlich keine Probleme." Außer dass die Schulkinder so unachtsam über die Straße laufen. Das sei schon ein Ärgernis. "Sehen Sie? Da kommen schon wieder welche."

Palavernd zieht eine Gruppe Schüler vorbei. Mertens finstere Blicke stören sie nicht. Sie unterhalten sich auf Deutsch, mal gemischt mit einem türkischen oder arabischen Wort, mal mit Lebacher Platt. In diesen Momenten wirkt die Landesaufnahmestelle fast wie ein ganz gewöhnliches Wohnviertel, mit ganz gewöhnlichen Problemen.

"Aber das ist nicht normal hier." Sayed Ahmead Shah steht im traditionellen afghanischen Schalwar und Kamis auf der Straße. Seit fast vier Jahren lebt er in Lebach . Immer in dem selben kleinen Zimmer, das er sich mit drei anderen Männern teilen muss. "Kommen Sie. Ich erzähle meine Geschichte ."

Fast jeder hier hat so eine Geschichte zu erzählen. Shah hat seine sogar auf Video. Als ein niederländisches Schiff Anfang 2011 ihn und die wenigen anderen Überlebenden von einst 300 aus dem Mittelmeer fischte, berichtete das afghanische Fernsehen über die Rettungsaktion. "Gleich komme ich", flüstert er wie ein Mantra immer wieder vor sich her, während die Bilder über den kleinen Handybildschirm flackern. So als brauche er dieses Video zum Beweis, dass er überlebt hat, dass er sich nicht ohne Grund mit drei Mitbewohnern dieses 12-Quadratmeter-Zimmer teilen muss. "Vielleicht bekomme ich ja doch noch irgendwann meine Aufenthaltsgenehmigung."

Er und seine Mitbewohner sind gefangen in dem, was das deutsche Asylrecht "Duldung" nennt. So wie knapp 100 weitere in der Landesaufnahmestelle. Ihr Antrag auf Asyl und Aufenthalt wurde abgelehnt. Weil Afghanistan allerdings kein sogenannter "sicherer Herkunftsstaat" ist, werden sie aber auch nicht abgeschoben. Zukunft, das sind für sie die ein bis zwei Monate, die ihre Duldung gültig ist. Wenn die abläuft, werden sie wieder geduldet - so geht es immer weiter im Zweimonats-Rhythmus.

Doch in Zeiträumen von zwei Monaten lässt sich kein Leben planen. "Wir bekommen keine Handy-Verträge und können keine Wohnung mieten", sagt Shah. Immerhin haben sie eine Arbeitserlaubnis bekommen. Kein Traumjob, sagt Shah, der in Afghanistan studiert hat und jetzt in einer Fleischerei arbeitet. "Aber es ist doch wichtig, dass man was macht."

Wenn sie nur nicht ans Saarland gefesselt wären. Ohne Sondergenehmigung dürfen Geduldete das Bundesland nicht verlassen. "Wenn es eine große Feier von Verwandten in München gibt, können wir dort nicht hin", sagt Mitbewohner Said Keig. In diesen Momenten wirkt Lebach wie eine Endstation für sie. Fern der alten und der neuen Heimat.

Das schürt Neid unter den Flüchtlingen. "Die da hinten bekommen sofort Asyl." Shah spuckt die Worte fast in die Runde und schleudert den Stapel Papiere mit seiner Duldung verächtlich auf den Boden. "Die da hinten", das sind zu allererst die Nachbarn, die Lärm machen, die ihr Geschirr in der kargen Gemeinschaftsküche stehen lassen. Doch es sind auch Syrer, deren Asylantrag wohl bald genehmigt wird. Und so stehen für Shah und seine Mitbewohner die störenden Nachbarn stellvertretend für alle Syrer. "Wir wollen ja nicht, dass es denen wie uns geht, aber warum bekommen die Asyl und wir nicht?", fragt Keig, "Wenn wir zurück nach Afghanistan gehen, ist es für uns auch gefährlich. Die Taliban denken doch, dass wir für Deutschland arbeiten."

Aber so seien nun einmal die Gesetze, sagt Pontius. Er kennt sich aus im Asylrecht , hat vorher die Clearingstelle geleitet. Dort wo auch Abschiebungen vorbereitet werden, die "Ultima Ratio", wie Pontius sie nennt. "Wir müssen immer streng am Gesetz bleiben. Wenn wir eine Ausnahme machen, fragen die anderen, warum bei ihnen nicht auch eine Ausnahme gemacht wird." Was er von den Gesetzen hält? "Ich habe sie nicht gemacht." Mehr sagt er nicht.

Aber es sind diese Gesetze, die die vier jungen Afghanen wütend machen. Wütend, dass sie zu viert in diesem Zimmer mit den abgewetzten roten Teppichen leben. Wütend, dass den Syrern derzeit so viel Hilfsbereitschaft begegnet und ihnen nicht. Wütend, dass zwölf Quadratmeter alles sind, was dieses Deutschland, mit dem sie so viele Träume verbanden, für sie bereithält.

Übrig geblieben sind nur noch bescheidene Wünsche. Davon, mal eine Frau mit aufs Zimmer nehmen zu können, "Ohne dass sie erschrickt, wie wir hier leben", sagt Shah. Vielleicht irgendwann auch mal heiraten und Kinder bekommen. Aber das mit dem Heiraten ist als Geduldeter auch so eine Sache. "Die denken, dass wir sie nur heiraten, um hierbleiben zu dürfen." Und eine eigene Wohnung. "Eine richtige Wohnung. Nicht hier. Hier wird man verrückt. Hier sind schon viele verrückt geworden."