Alles Wissen für alle und kostenlos

Berlin. Erst mal ein Bier. Liam Wyatt sitzt in der Kantine des Gebäudes der Technischen Universität Berlin und nimmt einen tiefen Schluck. Es ist Sonntagmittag, kurz vor 13 Uhr. Hier oben aus dem 20. Stock hat man einen herrlichen Blick über die Stadt; unten am Ernst-Reuter-Platz laufen die letzten Teilnehmer des 29. Berliner Halbmarathons vorbei

Berlin. Erst mal ein Bier. Liam Wyatt sitzt in der Kantine des Gebäudes der Technischen Universität Berlin und nimmt einen tiefen Schluck. Es ist Sonntagmittag, kurz vor 13 Uhr. Hier oben aus dem 20. Stock hat man einen herrlichen Blick über die Stadt; unten am Ernst-Reuter-Platz laufen die letzten Teilnehmer des 29. Berliner Halbmarathons vorbei. Und Liam Wyatt sieht ein bisschen so aus, als sei er mitgelaufen: müde, aber zufrieden.

Hinter ihm und weiteren 100 Teilnehmern liegt das dreitägige Wikimedia-Chapter-Meeting. Chapter, so nennen sich die mittlerweile 22 Vereine, die auf der ganzen Welt die Projekte der Wikimedia Stiftung vorantreiben. Allen voran natürlich die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Deren Gründer Jimmy Wales ist auch angereist. "Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder Mensch an der Menge allen Wissens frei teilhaben kann", das war die Idee des damals 35-Jährigen, als er Wikipedia 2001 aus der Taufe hob. Seitdem hat sich die Fan-, Autoren- und Entwickler-Gemeinde über den gesamten Erdball verteilt. In Berlin sitzen Tagungsteilnehmer aus Argentinien, Taiwan, Brasilien, Serbien und und und...

Liam Wyatt kommt aus Australien. Wie die meisten arbeitet er ehrenamtlich für Wikimedia. Nur die Deutschen haben ein eigenes Büro und fünf fest angestellte Mitarbeiter. Das einmal im Jahr stattfindende Welt-Treffen dient dem Austausch von Erfahrungen, der Verknüpfung von Ideen und der Diskussion über Strategien und deren Umsetzung. Alle 22 Vereine haben Vertreter nach Berlin geschickt. Es ist das bisher größte Treffen von Wikimedianern.

"Die Deutschen", sagt Wyatt, "haben in fünf Jahren so viel aufgebaut. Jetzt fahre ich nach Hause und sage meinen Leuten: Uns gibt es erst drei Monate, aber in fünf Jahren können wir auch so weit sein."

Was dieses "so weit" heißt, konkretisiert Catrin Schoneville, Pressesprecherin von Wikimedia Deutschland e.V: "Wir haben gerade vergangene Woche eine Kooperation mit der Sächsischen Staats- und Universitätsbibliothek in Dresden besiegelt, die Wikimedia unter anderem um mehr als 250 000 exzellente Bilddateien aus der Deutschen Fotothek bereichert." Und Wikimedia Deutschland zieht gerade durch Schulen, um Jugendlichen und Lehrern den sinnvollen Umgang mit Wikipedia beizubringen und auch auf die Gefahren eines Online-Lexikons hinzuweisen, in das nahezu jeder Einträge schreiben kann. Alles finanziert durch Spenden. "Und dann trifft man hier einen jungen Brasilianer", lacht Schoneville, "und der macht fast das gleiche, aber ohne Geld, ehrenamtlich und mit viel Enthusiasmus."

Von dem lebt auch Dror Kamir. Er kommt aus Israel und glaubt an die "Macht des Wissens". Im vergangenen Jahr war er beim Wikimedia-Meeting in Alexandria, bei dem auch viele Araber waren. "Eine von denen schrieb hinterher im Internet: Hätte ich gewusst, dass ein Israeli da ist, wäre ich nicht gekommen", erinnert sich Kamir: "Später schrieb sie: Gut, dass ich da war!"

Mittlerweile hat Liam Wyatt sein Bier ausgetrunken.

Er hört Catrin Schoneville zu, die gerade das Treffen zusammenfasst: "Wir haben Vermarktungsstrategien besprochen und uns über Geldeinnahme-Quellen ausgetauscht." Denn allein das Betreiben der Server des Online-Lexikons ist horrend teuer. "Und als nächstes kümmern wir uns um Indien oder Länder wie China, wo die Seite ja immer mal wieder abgeschaltet wird." Die Wikimedianer haben noch viel vor. "Was das Rote Kreuz auf dem Gebiet der Gesundheit ist", sagt Liam Wyatt, "das wollen wir beim Thema Wissen werden. Alles für alle, kostenlos."

Hintergrund

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales hält die deutschen Autoren für präziser als die englischsprachigen. Wales sagte in Berlin: "Ich finde, dass das deutschsprachige Wikipedia eine höhere Qualität hat als das englischsprachige." Der Amerikaner räumte ein, dass das Online-Lexikon ein Problem mit der Richtigkeit der im Netz veröffentlichen Informationen habe. "Ich versuche, mehr Akademiker zum Schreiben zu animieren, um die Qualität zu verbessern", sagte Wales. dpa

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