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„Allahu akbar“ im Gerichtssaal

„Allahu akbar“ im Gerichtssaal

Vier Männer sitzen in Düsseldorf auf der Anklagebank. Sie sollen ein Bombenattentat und einen Mordanschlag geplant haben. Der Prozess könnte sich über Jahre hinziehen. Schon der erste Tag verlief stockend.

"Allahu akbar!" (Gott ist groß) ruft Marco G. (27) und reckt beim Betreten des Saals im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts den Arm in die Höhe. Seine Sympathisanten in den Zuschauerreihen antworten murmelnd. Das schwarze Kopftuch nimmt er genauso wenig ab wie Enea B., der auch seinem Gott huldigt, als er in den Saal geführt wird. Den vier Angeklagten wird seit gestern der Prozess gemacht, weil sie als islamistische Terrorgruppe Mordpläne geschmiedet haben sollen.

Drei von ihnen bleiben demon-strativ sitzen, als die Richter den Saal betreten. Sie würdigen den Vorsitzenden Richter Frank Schreiber keines Blickes, als der ihre Personalien feststellen will und sie dazu anspricht. Sofort unterbricht ihn ein Verteidiger: "Herr B. hat kein Interesse daran, mit ihnen zu kommunizieren." Richter Schreiber kommt nicht einmal dazu, sich hinzusetzen, als er bereits von den Anwälten energisch angegangen wird. Die empören sich, dass der Richter den Prozess trotz ihres wenige Minuten zuvor verschickten Befangenheitsantrags eröffnen will. Die neun Anwälte feuern Kaskaden von Einwürfen, Rügen, Beanstandungen und Anträgen auf den Senat ab. Alles, was Schreiber in den kommenden Minuten sagt, entscheidet und nicht entscheidet, wird angegriffen. Der Richter stellt stoisch alle Anträge der Anwälte zurück. Dann verzieht sich der verbale Pulverdampf und die Vertreter der Bundesanwaltschaft können ausführen, worüber hinter viel Panzerglas, Beton und Metall überhaupt verhandelt wird.

Marco G. soll derjenige sein, der am 10. Dezember 2012 eine Rohrbombe in einer blauen Sporttasche an Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs deponiert hat. Dem zum Islam konvertierten Deutschen aus Oldenburg droht nun die höchste Strafe: lebenslange Haft wegen versuchten Mordes. "Das war eine Bombenattrappe, keine Bombe. Die Behauptung, Bonn sei an einem Blutbad vorbeigeschrammt, ist falsch", sagt Rechtsanwalt Peter Krieger jetzt vor Gericht. Verteidiger Mutlu Günal argumentiert, nicht einmal das Bundeskriminalamt gehe von einer echten Bombe aus. In der Tat hatte die Spurensicherung nach dem Vorfall in Bonn keinen Zündmechanismus bei dem Sprengsatz gefunden. Die Bundesanwaltschaft geht dennoch davon aus, dass er keine Attrappe war. "Es gab die klare Absicht zu töten", hieß es aus Ermittlerkreisen. Die Ankläger sprechen am Montag von "weichen Zielen".

150 Zeugen geladen

Mit seinen drei mutmaßlichen Komplizen auf der Anklagebank soll G. dann die Erschießung des Vorsitzenden der rechtsextremen Splitterpartei Pro NRW, Markus Beisicht, geplant haben. Beisicht hatte die Islamisten im Jahr 2012 mit dem Zeigen der Mohammed-Karikaturen provoziert - und demonstriert gestern Morgen mit gut 20 Gesinnungsgenossen draußen in Sichtweite des Gerichtsgebäudes, das er gerne als Nebenkläger betreten hätte. Ein starkes Polizeiaufgebot hält Islamisten und Rechtsradikale auf Abstand.

Die tödlichen Schüsse hätte Enea B. abfeuern sollen, sagt der Vertreter der Bundesanwaltschaft . Wegen seiner Ausbildung bei einer Eliteeinheit der albanischen Polizei habe die Terrorgruppe ihn als besonders geeignet auserkoren. Weil die Angeklagten schweigen, sollen 150 Zeugen und eine Reihe von Sachverständigen nun klären, wer Recht hat. Prozessbeteiligte gehen davon aus, dass dies zwei Jahre dauern wird.

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HintergrundNach massivem öffentlichen Druck hat sich eine Gruppe von radikalen Islamisten mit ihrer selbst ernannten "Scharia-Polizei" aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. In Wuppertal waren vor einigen Tagen elf Salafisten in orangefarbenen Westen mit der Aufschrift "Shariah Police" durch die Straßen patrouilliert und hatten vor Alkohol, Glücksspiel, Musik, Konzerten, Pornografie und Drogen gewarnt. Gegen sie läuft ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz. Seitdem sei keiner mehr in Erscheinung getreten, so die Polizei . dpa Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD ) sieht in Dschihadisten, die nach Europa zurückkehren, ein zunehmendes Problem. "Wenn sie zurückkehren, sind sie traumatisiert, sie sind desillusioniert, weil sie als Kanonenfutter missbraucht werden, aber in Teilen auch zusätzlich radikalisiert", sagte Jäger gestern im ARD-"Morgenmagazin". Die Szene sei unter Beobachtung. Es sei bereits "eine ganze Reihe von Anschlägen" verhindert worden. dpa