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Afrikas Sonne soll künftig Europas Energie sichern

Afrikas Sonne soll künftig Europas Energie sichern

München. Kaum ein anderes Industrie-Projekt hat die Fantasie der Manager und Politiker in jüngster Zeit mehr beflügelt als Desertec

München. Kaum ein anderes Industrie-Projekt hat die Fantasie der Manager und Politiker in jüngster Zeit mehr beflügelt als Desertec. Hinter dem Kürzel verbirgt sich nicht weniger als eine Revolution der Energieversorgung in Europa: Strom aus der afrikanischen Wüste, erzeugt in riesigen Solar-Kraftwerken, soll Europa schon in wenigen Jahrzehnten ein ganzes Stück unabhängiger machen von fossilen Energieträgern. Und er könnte, weil CO2-frei erzeugt, auch dem Schutz des Weltklimas nützen. Ab heute soll in einem Konferenzsaal der Münchener Rück das gigantische Vorhaben auf den Weg gebracht werden. Dazu hat der weltweit größte Rückversicherungskonzern Vertreter bedeutender Technologie-Unternehmen und der Finanzwirtschaft eingeladen. Sie sollen eine "Industrie-Initiative" beschließen, die in den kommenden zwei bis drei Jahren alle offenen politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Fragen rund um Desertec klären soll. "Diese Initiative wird die Form einer rechtsfähigen Organisation haben und soll ein vertieftes Umsetzungskonzept für Desertec entwickeln", erläutert ein Sprecher der Münchener Rück. Technisch stehen der Wüstenstrom-Initiative keine entscheidenden Hindernisse im Weg. Die Energiegewinnung aus solarthermischen Kraftwerken ist ein Jahrzehnte lang erprobtes Verfahren: Über große Sonnenspiegel wird Sonnenlicht auf einem Absorber-Rohr gebündelt. Dort erhitzt es ein Ölgemisch, mit dem Dampf erzeugt wird, der eine Turbine antreibt. Auch der verlustarme Stromtransport über Hochspannungs-Gleichstromleitungen gilt als technisch machbar. Aber: Ist das Projekt finanzierbar, und ist es durchsetzbar? Bis zu einem Viertel des europäischen Stromverbrauchs könnten in näherer Zukunft mit Strom aus sonnenreichen Gegenden in Nordafrika und im Nahen Osten gedeckt werden, sagt der Direktor des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme in Freiburg, Eicke Weber. Die dazu erforderlichen Investitionen werden zurzeit auf etwa 400 Milliarden Euro geschätzt. Die Summe erscheine heute "gar nicht mehr so gigantisch" und sei mit Hilfe der Münchener Rück "auch finanzierbar, erläutert Weber. Strom aus Solarthermie hat den Vorteil, dass er in Form von Wärme leicht zu speichern ist. Trotzdem werde die Fotovoltaik, also die direkte Umwandlung von Sonnenlicht in Strom über Solarzellen, in Zukunft die wichtigste Rolle spielen, prognostiziert Weber. Schon in zehn bis 15 Jahren werde Solarstrom zu konkurrenzfähigen Preisen produziert werden können. Tagsüber könnten Fotovoltaik-Anlagen günstigen Strom für den direkten Verbrauch produzieren, während in der Nacht (gespeicherter) Wüstenstrom fließen könne. ddp