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Ärzte: Depression darf kein Tabu-Thema mehr sein

Ärzte: Depression darf kein Tabu-Thema mehr sein

Berlin. Schlapp, verweichlicht, willensschwach: Wer an einer Depression leidet - und das sind aktuell vier Millionen Menschen in Deutschland - muss nach wie vor damit rechnen, dass ihm Ablehnung, Unverständnis und auch Angst entgegenschlagen. Längst ist die Depression eine Volkskrankheit, doch eine, über die man lieber nicht spricht

Berlin. Schlapp, verweichlicht, willensschwach: Wer an einer Depression leidet - und das sind aktuell vier Millionen Menschen in Deutschland - muss nach wie vor damit rechnen, dass ihm Ablehnung, Unverständnis und auch Angst entgegenschlagen. Längst ist die Depression eine Volkskrankheit, doch eine, über die man lieber nicht spricht. "Die meisten Menschen würden eine Diagnose 'Migräne' einer Diagnose 'Depression' vorziehen", sagt Professor Ulrich Hergerl (Uniklinik Leipzig), Leiter des bundesweiten Kompetenznetzes Depression. "Depressionen werden oft unterschätzt und irgendwo zwischen Schnupfen und Einbildung angesiedelt. In Wirklichkeit aber handelt es sich um eine lebensgefährliche Krankheit." Auch Professor Isabella Heuser, Psychiatrie-Chefin an der Berliner Charité, kennt das Phänomen: "Viele Patienten sagen: Wenn ich einen Tumor hätte, wären mir das Mitgefühl und Verständnis meiner Umgebung sicher." Doch trotz verstärkter Öffentlichkeitsarbeit hält sich hartnäckig die Auffassung, Depression habe etwas mit persönlicher Schwäche zu tun. "Doch es ist eine Krankheit, die behandelt werden kann und muss." Die Ärztin wünscht sich gerade in der Fußball-Welt einen offenen Umgang. "Wenn da einer sagt: 'Wir haben ihn doch ständig untersucht, er war ja völlig gesund', ist das genau der Punkt: Nicht nur der Körper, auch die Seele kann krank werden." Immer wieder kommen in die Berliner Hochschulambulanz Menschen, die seit Jahren ihre Depression verheimlichen - solange, bis sie nicht mehr können. "Das sind oft auch Manager, die sich keine Schwäche erlauben wollen." Aber das Prinzip "Ich schaffe das schon", wie es auch das Ehepaar Enke versucht hat, kann laut Experten nicht funktionieren: "Man kann sich aus dieser Krankheit nicht am eigenen Schopf rausziehen. Aber man kann sich Hilfe holen. Schließlich operiert man sich ja auch nicht selbst am Blinddarm", sagt Heuser. Wichtig sei eine frühzeitige Intervention. Dann bringe die Kombination aus Psychotherapie und Medikamentengabe gute Heilungschancen. "Das ist wie bei der Grippe - verschleppen ist immer schlecht", sagt Heuser. Wichtig ist eine Umgebung, die den Erkrankten nicht durch Unverständnis, Vorurteile und berufliche Sanktionen Steine in den Weg legt, sich der Krankheit offen zu stellen. Denn die Notwendigkeit dazu wird wachsen - seit Jahren nimmt die Zahl der Depressionen laut WHO weltweit zu. In Deutschland durchlebt mittlerweile jeder Zehnte im Laufe seines Lebens eine schwere depressive Episode. "Wir kennen nicht alle Gründe dafür, aber einer ist der wachsende Leistungsdruck und die immense Beschleunigung in unserer Arbeitswelt", sagt Heuser. dpa