Ägypten steht am Abgrund

Die gewaltigen Demonstrationen der vergangenen Tage haben der neuen ägyptischen Regierung unmissverständlich klar gemacht, wie groß die Wut im Land ist. Die Ägypter fühlen sich um die Früchte der Revolution gebracht.

Doch Einsicht ist von Mohammed Mursi nicht zu erwarten. Dessen fromme Regierung und ihre Unterstützer von der Muslimbruderschaft erklären die Proteste mit Verschwörungstheorien und Einflüsse aus dem Ausland. Demokratie dient ihnen als Freibrief für Repressionen Andersdenkender und brutale Gewalt. Auch lässt die Bruderschaft die eigenen Anhänger gegen das Volk aufmarschieren. Das erinnert an Mursis Vorgänger Husni Mubarak. Ob der Aufruhr jedoch ein so glimpfliches Ende findet wie am 11. Februar 2011, als Mubarak nach nur 18 Tagen Proteste abtreten musste, ist zweifelhaft. Die Islamisten haben zu lange darauf gewartet, an die Macht zu kommen. Aber die Gewalt bei den Protesten in Ägypten ist nicht einseitig. Auch aus dem Reihen der Demonstranten wurde geschossen und Feuer gelegt. Aus einer solchen Gemengelage könnten bürgerkriegsartige Zustände erwachsen. Viele haben sich unter die Demonstranten gemischt, und nicht alle sind Demokraten. Das lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen.