Zum Tod des saarländischen Schriftstellers Ludwig Harig: Abschied vom Liebhaber der Abschweifungen

Zum Tod des saarländischen Schriftstellers Ludwig Harig : Abschied vom Liebhaber der Abschweifungen

Knapp zwei Monate vor seinem 91. Geburtstag ist Ludwig Harig, der bedeutendste saarländische Schriftsteller, am Samstag in seiner Heimat Sulzbach gestorben. Ein Nachruf.

„Nichts ist wahrer als das selbst Empfundene“, hat Ludwig Harig einmal gesagt. Um aber sichtbar und dem Vergessen entrissen zu werden, so sein in unzähligen Varianten immer wieder formuliertes literarisches Credo, muss das Em­pfundene erzählt werden. Das tat er, immer dicht am eigenen Leben entlang – und wurde damit zum bedeutendsten (und besten) saarländischen Schriftsteller. Harig war ein leidenschaftlicher Fabulierer, der das Wundersame und Märchenhafte genauso beschworen hat wie das Lebenslustige, aber auch, doch seltener, das Schwerwiegende. Nun ist er, der seit einigen Jahren an Demenz litt und von seiner Frau Brigitte betreut wurde, im Alter von fast 91 Jahren in seiner Heimatstadt Sulzbach gestorben.

In seinem legendären Buch „Die saarländische Freude“ hatte „Lukkel“, wie ihn Freunde nannten, die harmonieselige saarländische Lebensart bereits in den Siebzigern augenzwinkernd zum Weltmodell erhoben. Bei aller reiselustigen Weltzugewandtheit selbst Saarländer durch und durch, prägte das von Harig erkannte Prinzip der „Harmonie der nicht ausgetragenen Widersprüche“, das er im Zuge des saarländischen Hin- und Hergeworfenseins zwischen Deutschland und Frankreich als eine Art historische Notwendigkeit betrachtete, naturgemäß auch sein eigenes Schreiben. Als er sich 1974 als Lehrer beurlauben ließ, um ganz von der Schriftstellerei zu leben, war das ein Wagnis, das indes bald belohnt wurde. Damals war der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch eine Goldgrube, an der Harig mit zahllosen Hörspielen zu partizipieren wusste. Sein erfolgreichstes – seine die Verlogenheit der Politik demaskierende Hör-Collage „Staatsbegräbnis“ anlässlich von Adenauers Beerdigung – hatte ihm schon 1969 Tür und Tor bei vielen ARD-Sendern geöffnet.

Mit seiner großen Familien-Romantrilogie, deren erster und bester Band „Ordnung ist das ganze Leben“ 1986 erschien („Weh’ dem, der aus der Reihe tanzt“ und „Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf“, folgten 1990 und 1996) gelang ihm dann auch überregional der Durchbruch. Längst ist sein literarisches Werk kanonisiert, fand nicht nur Eingang in saarländische Lehrpläne, sondern steht auch in jeder halbwegs ernstzunehmenden hiesigen Wohnzimmerbibliothek. Im renommierten Münchner Hanser Verlag wurde nach der Jahrtausendwende eine vielbändige Harig-Werkausgabe auf den Weg gebracht, die nachdrücklich zeigt, dass der „Sulzbacher Luftkutscher“, so sein liebstes Bonmot in eigener Sache, in der modernen deutschen Literatur einen festen Platz einimmt.

„Wenn man alle Schlüsse meiner Bücher liest, wo ja oft von einer schöneren Zukunft die Rede ist, obschon selbst da die Wölfe nicht bei den Lämmern liegen werden, dann wird man merken, dass diese schönere Zukunft das Akzeptieren der Widersprüche ist – der Weltanschauungen und der Religionen“, brachte er sein Werk im Gespräch mit dieser Zeitung  2002 auf den Punkt. „Lukkel“ war ein Philanthrop wie aus dem Bilderbuch, der nicht nur ein großes, ihn Toleranz lehrendes Herz hatte, sondern bei allen unter Seinesgleichen ausgemachten Defiziten immer davon beseelt blieb, dass der Mensch am Ende ein besserer werden kann. Mit so viel Lebens- und Fabulierlust gesegnet, verkörperte er einen mit den Händen zu greifenden Optimismus.

Literarisch handelte er sich damit bisweilen den Vorwurf ein, lieber zu besänftigen als zu demaskieren. In der ihm eigenen spielerischen Dialektik konterte Harig dies mit dem Satz, er sehe nicht, „warum das Abschleifen von Kanten negativ sein soll. Das ist harte Arbeit.“ In seinen Romanen und Reden, Reiseskizzen und Erzählungen ging es dem Sulzbacher Vielschreiber (und Mehrfachverwerter) bei allem grundsätzlichen Wohlwollen darum, den Riss zwischen dem wirklichen und dem möglichen, besseren Leben nicht ganz zuzuschütten. „Im Angesicht dieses Risses nicht zu weinen, sondern zu lachen, das ist das Komische“, bekannte er einmal. Seine Komik lieferte ihre Widerhaken oft gleich mit. Zugute kam ihm dabei, dass er zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere Max Benses sprachexperimentelle „Stuttgarter Schule“ (und die der französischen Oulipo-Gruppe) durchlaufen hatte – womit ihm das beständige Zerlegen und Neukombinieren von Sätzen und Gedanken in die literarische Wiege gelegt war.

In seinen vielleicht besten Büchern – seinem 1986 (nicht nur von Marcel Reich-Ranicki) überschwänglich gefeierten Vaterroman „Ordnung ist das ganze Leben“und seiner Novelle „Die Hortensien der Frau von Roselius“ von 1992 – löste der selbsternannte „Liebhaber der Abschweifungen“ seine Poetologie am Versiertesten ein. Im Vaterroman, einer luziden Familienchronik, perfektionierte Harig sein Prinzip des beständigen Umkreisens seines Themas im Auffinden immer neuer, klärender Umwege und Rückkopplungen. Er erzählte darin nicht nur, wie sein Vater als klassischer Mitläufer den Ersten Weltkrieg und das spätere Aufkommen der Nazis erlebte, Harig setzte sich darin (und vor allem im Folgeband „Weh’ dem, der aus der Reihe tanzt“ von 1990) auch mit seinem eigenen jugendlichen Verführtwerden kritisch auseinander. In seiner Roselius-Novelle hingegen zähmte er seinen Hang zum Literarisieren des eigenen Lebens zugunsten einer ebenso schlanken wie konsequent erzählten, weitgehend fiktiven Geschichte.

Wenn man so will, ist Harig, der sich in Wahlkampfzeiten wiederholt für die SPD engagierte und mit Oskar Lafontaine befreundet war, mit alledem zum Inbegriff des saarländischen Autors geworden. Keiner wurde mehr geachtet und mehr zitiert. Kein anderer aber zeigte auch so viel kreative Vielfalt – die Spanne reicht von seinen „Sprechstunden für die deutsch-französische Verständigung und die Mitglieder des gemeinsamen Marktes“ (1971) über seinen Rousseau-Roman (1978) bis hin zum Erzählband „Pelés Knie“ (1999) oder Harigs legendären Fußball-Sonetten. Im geistigen Rest der Republik wurde der vielfach Ausgezeichnete (schon 1966 mit dem Kunstpreis des Saarlandes bedacht, folgten später etwa die Zuckmayer-Medaille, der Böll- und der Hölderlin-Preis) so zum Saarland-Missionar par excellence.

Politische Einmischung betrachtete Harig als Teil seiner gesellschaftlichen Verantwortung: Das Foto zeigt ihn in den 90ern mit Oskar Lafontaine, Ex-SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz und Reinhard Klimmt (v.l.). Foto: Uwe Merkel

Ludwig Harig ist nun von uns gegangen, seine Werke aber bleiben uns. Und ein nach ihm benannter Planet: der auf Betreiben eines Harig-Verehrers 2007 von der Internationalen Astronomischen Union eingetragene Stern „10955 Harig“. Als einer von 14 000 benannten Kleinplaneten umkreist er irgendwo zwischen Mars und Jupiter die Sonne.

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