Abes Gang nach Pearl Harbor

US-Präsident Barack Obama hat 75 Jahre nach dem verheerenden Luftangriff auf Pearl Harbor an historischer Stätte den japanischen Regierungschef Shinzo Abe empfangen. Das Treffen wird als weiterer Schritt der Versöhnung der beiden Staaten angesehen.

Der stramme Patriot Shinzo Abe ist der erste japanische Premier, der die Schuld für den Angriff seines Landes auf Pearl Harbor zumindest zum Teil akzeptiert. Abe hat am Montag kurz nach seiner Ankunft auf Hawaii einen Kranz an der Kriegsgräberstätte für die Opfer des Angriffs auf den US-Marinestützpunkt im Jahr 1941 abgelegt. Gestern nahm er zusammen mit US-Präsident Barack Obama an einer Zeremonie zum Gedenken an die Toten teil. Abe verbessert damit das Verhältnis seines Landes zu den USA - doch klar ist auch: Er macht das nur aus außenpolitischem Kalkül.

Dem 62-jährige Abe fallen Gesten der Versöhnung einerseits besonders schwer, andererseits ist er genau der richtige Mann dafür. Er will die japanische Bevölkerung nicht zu sehr durch das Herumreiten auf Kriegsschuld irritieren: Die Jugend soll ebenso stolz auf das Land sein wie er selbst, damit sie optimistisch in die Zukunft blickt und hilft, die Wirtschaft wieder nach vorn zu bringen. Doch nun ist ausgerechnet Abe der erste amtierende Premier, der bei einem hochoffiziellen Auftritt in Pearl Harbor der Toten gedenkt, die sein Land zu verschulden hat.

Abes Großvater war ein schillernder Politiker namens Nobusuke Kishi, der Teile von China beherrscht und brutal ausgebeutet hat. Japan hatte das Gebiet bereits 1931 besetzt. Das war der Beginn eines Eroberungsfeldzugs des hochgerüsteten und technischen fortschrittlichen Japan in ganz Ostasien, der schließlich auch zu dem Angriff in Pearl Harbor geführt hat. Ein größenwahnsinniges Kaiserreich Japan strebte damals die uneingeschränkte Seeherrschaft im Pazifik an, die USA standen ihm im Weg. Es war übrigens Kishi, der in den 50er Jahren als Premier einen der ersten Besuche in Pearl Harbor gewagt hat - wenn auch tief unter dem Radar der Öffentlichkeit.

Abe ist in Japan populär. Der mehrfach wiedergewählte Premier ist eine starke Führungspersönlichkeit, und er zieht sein wirtschaftspolitisches Programm einer Wiederbelebung der japanischen Industrie konsequent durch. Gesellschaftspolitisch gilt er als modern.

Außenpolitisch versucht Abe, die Supermacht USA enger an Japan zu binden. Der neue Präsident Donald Trump wird ab Januar einen härteren Kurs gegen den Rivalen China fahren. Dass Trump gegen China ist, heißt aber noch nicht, dass er für Japan sein wird.

Mit dem großen Auftritt in Pearl Harbor will Abe nun positive Stimmung für Japan schaffen. Doch der Schuss droht nach hinten loszugehen. US-Veteranenverbände beklagen, dass Abe sich für den Überfall nicht ausdrücklich entschuldigt. Stattdessen gedenkt er mit Obama bloß der Toten beider Seiten. Echte Reue sieht anders aus.