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Abenteurer mit eingebautem Fernweh

Abenteurer mit eingebautem Fernweh

Jahrzehntelang erklärte Peter Scholl-Latour den Deutschen die Welt. Er war der wohl berühmteste Kriegsreporter der Republik. Am Samstag ist der Journalist und Publizist mit 90 Jahren in Rhöndorf gestorben.

 Scholl-Latour in den 50er Jahren als Kriegsberichterstatter in Indochina. Foto: SZ-Archiv
Scholl-Latour in den 50er Jahren als Kriegsberichterstatter in Indochina. Foto: SZ-Archiv Foto: SZ-Archiv

Er nuschelte oft, war kaum zu verstehen. Und wurde trotzdem der wohl bekannteste Auslandsreporter des deutschen Fernsehens. Er schrieb zackig und emotionslos wie er sprach, und wurde dennoch zum meistgelesenen Sachbuch-Autor Deutschlands. Peter Scholl-Latour, den seine journalistischen Kollegen "Welterklärer" nannten, war ein publizistisches Gesamtkunstwerk, das sich jeder Normierung entzog. Sein Tod am Samstag in Bonn-Rhöndorf, einem seiner vier Wohnorte seit Jahrzehnten, wird eine große Lücke reißen. Denn einen wie ihn wird es so schnell nicht wieder geben.

Was für ein Leben! Geboren 1924 in Bochum als Sohn einer elsässischen Mutter und eines saarländischen Vaters, wuchs er in Lothringen auf, ging in der Schweiz zur Schule und machte 1943 mitten im Krieg in Kassel Abitur. Bevor er in Mainz und Paris und später in Beirut politische Wissenschaften und Arabistik studieren konnte, landete er in Gestapo-Haft - nachdem er zuvor vergeblich versucht hatte, französischer Fallschirmjäger und sogar Kämpfer bei Titos Partisanen auf dem Balkan zu werden.

Seine Lehrzeit als Journalist absolvierte er bei der "Saarbrücker Zeitung", Mitte der 50er Jahre ließ er sich überreden, Regierungssprecher im Saarland unter Johannes Hoffmann zu werden. Doch diese zweijährige Episode in der Verwaltung machte ihm selbst sonnenklar, dass er es an einem einzigen Ort niemals aushalten würde: Scholl-Latour, der Einzelgänger und notorisch Neugierige, wollte hinaus in die große weite Welt. Das sollte ihm auf spektakuläre Weise gelingen.

Um das Phänomen Scholl-Latour zu erfassen, muss man ein paar seiner Sätze Revue passieren lassen, dann bekommt man eine Ahnung von seinem Naturell: "Ein so genanntes normales Leben zu führen, mit festem Job, Frau und Kindern, kam für mich nie in Frage." Warum es ihn schon Anfang der 50er Jahre nach Indochina zog? "Dort war es doch viel interessanter! Was sollte ich denn in dem zerbombten Deutschland?" Warum seine politischen Analysen immer so apodiktisch sind? "Mit Gutmenschentum kommt man nicht weiter. Was man braucht, sind Sachkenntnis und Härte!"

Sachkenntnis und Härte. Beides ist ihm wahrlich nicht abzusprechen. Er war gnadenlos zu sich selbst und zu anderen, Larmoyanz war seine Sache nicht. Scholl-Latour hat nahezu die gesamte Welt bereist, er ist zwischen die Fronten im Vietnamkrieg geraten und durch Minenfelder getappt, er ist in klapprigen Fliegern, zockelnden Zügen und schrottreifen Autos durch alle Krisengebiete dieser Welt getourt. Die Entbehrungen in Steppen und Wüsten, Gebirgen und Sümpfen in Afrika, Asien oder Amerika schienen im keine Belastung, sondern Erquickung. Seinen größten Coup landete Scholl-Latour am 1. Februar 1979, als er es mit Glück und guten Beziehungen schaffte, an Bord der Air-France-Maschine zu kommen, die Ayatollah Chomeini aus dem Pariser Exil zurück nach Teheran brachte. Dieser Trip adelte ihn als Journalist, der näher als jeder andere dran war am Weltgeschehen.

Unermüdlich bereiste er die Kontinente, sprach mit Königen und Diplomaten, Offizieren und Soldaten, Flüchtlingen und Gotteskriegern. Er wollte sich selbst ein Bild machen, und aus seinen exotischen Erfahrungen vor Ort entstanden dann die authentischen Berichte für ARD und ZDF , später auch Bücher und Zeitungsartikel, mit denen er einer ganzen Nation die ferne Welt ins Wohnzimmer brachte. Und so verstand er auch seinen Job: "Ich wollte nur informieren."

Das stimmt nicht ganz, er wollte auch belehren. Sein politisches Urteil war unerbittlich. In den Talk-Shows, zu deren Inventar er in den letzten Jahren geworden war, nuschelte er zornigen Klartext und nannte jede abweichende Meinung "Unfug" oder "ausgemachten Blödsinn, nichtwahr". Er hatte eine rationalistische Weltsicht, wusste um den Egoismus und Narzissmus der Mächtigen, um archaische Bräuche und Rituale der Völker, über religiöse und kulturelle Unvereinbarkeiten. Scholl-Latour hatte keine Illusionen, deshalb fuhr er auch die harte Linie ("Wir brauchen die Atombombe"). Für die Naivität von Politikern, die glaubten, mit humanitären Gesten und guten Worten die Welt verbessern zu können, hatte er nur Spott übrig. Das Versagen des Westens im Irak und Afghanistan hat er vorausgesagt, und über das deutsch-französische Verhältnis, das dem halben Franzosen so am Herzen lag, sagte er bitter: "Mon Dieu, wenn man bedenkt, dass Frankreich von de Gaulle auf Hollande heruntergekommen ist, dann kommen mir die Tränen."

Peter Scholl-Latour, der seine Bücher in seinem Haus an der Côte d'Azur in Tourrettes sur Loup schrieb, nachdem er erst mal im Café du Midi beim Frühstück vier Tageszeitungen gelesen hatte, ist sich ein Leben lang selbst treu geblieben. Er war von Natur aus ein Abenteurer, der "mit zehn Jahren schon alle Karls Mays gelesen hatte", ein unruhiger Geist mit eingebautem Fernweh, der von seinem Verlag (Propyläen) als "geglückte Mischung aus Marco Polo und Ernest Hemingway " gewürdigt wurde. Und der sich in den Lagern irgendwelcher Partisanen wohler fühlte als auf den Partys der Eliten in Berlin, wo er in der Nähe des Ku'damms eine Wohnung besaß. Scholl-Latour, der es mit nie erlahmender Energie zu Ruhm und Wohlstand gebracht hatte, fühlte sich gleichwohl als "einsamer Rufer in der Wüste". Sein letztes Buch ("Der Fluch der bösen Tat - das Scheitern des Westens im Orient") soll im September erscheinen. 1948: Volontariat bei der "Saarbrücker Zeitung". 1954/55 war er Sprecher der Regierung des Saarlandes. 1960 ging er zum Fernsehen. Bis 1963 war er ständiger Afrika-Korrespondent der ARD . 1963 gründete Scholl-Latour das ARD-Studio in Paris , das er bis 1969 leitete. 1969 bis 1971 war er Programmdirektor beim WDR-Fernsehen. 1971 wechselte Scholl-Latour als Chefkorrespondent zum ZDF , wo er von 1975 bis 1983 zudem das Pariser ZDF-Studio leitete. Für den Sender reiste er unter anderem nach Vietnam, Kambodscha, China, Afghanistan und in den Iran . 1973 gegen Ende des Vietnamkrieges wurde er mit seinem Kamerateam von den kommunistischen Vietcong gefangen genommen. 1979 gehörte Scholl-Latour zu den Journalisten , die Ayatollah Chomeini im Flugzeug bei seiner Rückkehr aus dem Pariser Exil in den Iran begleiteten. 1983 wurde er Chefredakteur des Magazins "Stern", das wegen der Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher stark angeschlagen war. Seit 1988 arbeitete er vor allem als freier Autor und produzierte bis 2010 gelegentlich Reportagen für das ZDF . 2011 interviewte Scholl-Latour Syriens Staatschef Baschar al-Assad. Auch deshalb war er für die Medien ein gefragter Ansprechpartner für die Themenbereiche Islam und Naher Osten, er kam in vielen Fernsehdiskussionen zu Wort. 2005 erhielt Peter Scholl-Latour für seine journalistische Arbeit den Henri-Nannen-Preis , einen von zahlreichen Auszeichnungen. Sein wohl bekanntestes Buch "Der Tod im Reisfeld" (1979) gehört mit 1,3 Millionen verkauften Exemplaren bis heute zu den am meisten verkauften Sachbüchern in Deutschland.