25 Glockenschläge für die Opfer

Moskau. Mitino ist eine typische Moskauer Schlafstätte. Mehrgeschossige Plattenbauten, verrostete Spielplätze, Einkaufszentren, die mit bunten Werbeplakaten für Flachbildfernseher und Reisen in die Sonne werben. Mitino ist kein Ort zum Verweilen. Kein Platz zum Stehenbleiben, Innehalten. Nun aber stehen die Menschen hier, 25 Kilometer vom Moskauer Zentrum entfernt

Moskau. Mitino ist eine typische Moskauer Schlafstätte. Mehrgeschossige Plattenbauten, verrostete Spielplätze, Einkaufszentren, die mit bunten Werbeplakaten für Flachbildfernseher und Reisen in die Sonne werben. Mitino ist kein Ort zum Verweilen. Kein Platz zum Stehenbleiben, Innehalten. Nun aber stehen die Menschen hier, 25 Kilometer vom Moskauer Zentrum entfernt. Es sind Hunderte, sie halten Kerzen, Blumen. Die Frauen in Kopftüchern, gesenkt sind die Köpfe, die Männer in schwarzen Anzügen. Sie murmeln Worte vor sich hin, leise, unverständlich. Sie erwähnen Namen, sprechen von Zahlen. 4000 Todesopfer, 28 Feuerwehrleute.28 Söhne und Väter und Ehemänner, die hinausgingen, das Feuer löschten und als Erste starben. Nach diesem 26. April 1986, nach dieser verheerenden Katastrophe in Tschernobyl, als mitten in der Nacht nach einem Kontrolltest der Reaktor 4 explodierte und eine radioaktive Wolke noch Tage später bei mehr als 2000 Grad Celsius unter freiem Himmel glühte. Ihre toten Körper liegen hier, in Mitino, mit einem Denkmal aus Metall werden ihre Taten geehrt. Jedes Jahr kommen Angehörige und Freunde der "Helden von Tschernobyl" auf den Friedhof von Mitino, gestern gesellten sich Dutzende Politiker und Menschenrechtler dazu.

Weltweit gedachten Millionen Menschen zum 25. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Die bewegenden Trauerfeiern standen auch im Zeichen des Reaktorunglücks im japanischen Fukushima. Vor allem in der Ukraine, Weißrussland und Russland, den am meisten betroffenen Ländern, zogen Gottesdienste und Gedenkveranstaltungen Tausende von Menschen an.

Die Tschernobyl-Glocke in Kiew schlägt 25 Mal. An einem roten Faden hängt sie, unter ihr sind Gedenktafeln angebracht. Der russische Patriarch Kirill, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, bekreuzigt sich. Die meisten Ukrainer erkennen ihn nicht als ihren Oberhirten an. An einem Tag wie diesem aber spielen religiöse Spitzfindigkeiten keine Rolle. Es ist ein stiller Moment, mitten in der Nacht. Kirill betet auf Altkirchenslawisch, sagt später auf Russisch: "Bis zu diesem Zeitpunkt kannte die Menschheit keine solche Katastrophe wie Tschernobyl." Zum ersten Mal reist Kirill später in die Sperrzone. Auch der russische Präsident Dmitri Medwedew und sein ukrainischer Amtskollege Viktor Janukowitsch legen an der Unglücksstelle Blumen nieder.

Noch am Tag vor seiner Reise nach Tschernobyl hatte Medwedew Ehrenorden verteilt, an 16 Liquidatoren, die unmittelbar nach der Katastrophe vor Ort im Einsatz waren. An der Atomenergie hält Russland nach wie vor fest, Kernkraft soll zum stabilen Bestandteil der russischen Wirtschaft werden. "Die friedliche Atomnutzung gilt als die billigste und alles in allem ökologisch sauberste Energieform", sagte Medwedew bei der Medaillenverleihung. Er forderte jedoch auch stärkere Vorschriften für die Sicherheit von Atomkraftwerken. Die Welt müsse über eine neue internationale Konvention zur Nuklearsicherheit nachdenken, damit sich Unglücke wie in Tschernobyl und in Fukushima nicht wiederholten, sagte Medwedew gestern. Der Kreml teilte mit, Medwedew werde auf dem G-8-Gipfel im Mai "konkrete Initiativen" zu schärferen Sicherheitsstandards für AKW vorstellen.

Von derzeit rund 16 Prozent am Energiemix soll die Atomkraft in Russland bis zum Jahr 2030 rund 25 Prozent ausmachen. Bis dahin sollen 26 neue Anlagen gebaut werden. Weißrussland will bis 2017 den ersten Kernreaktor bauen lassen.

"Klar, Atomkraft ist billig, aber sicher ist sie nie", sagt Konstantin Wassiljew. Er ist nur wenige Straßen von seinem Haus zum Friedhof in Mitino gekommen, steht ganz am Rande, der Menge. "Ich hoffe, dass die Erinnerung und die Lehren aus diesem Unglück vor 25 Jahren über den Gedenktag hinausgehen."

Meinung

Keine Lehren gezogen

Von SZ-MitarbeiterinInna Hartwich

Als im japanischen Fukushima die Erde bebte - ausgerechnet in dem Jahr, da sich die Katastrophe von Tschernobyl zum 25. Mal jährt - erschütterte sie nicht nur das Atomkraftwerk, sondern auch die Menschen. Plötzlich hielten alle inne. Alle? Nein. Denn vor allem Russland, Weißrussland und die Ukraine setzen weiter auf die Atomenergie. Sie haben keine erkennbaren Lehren aus dem schwersten Unfall in der zivilen Nutzung der Kernenergie gezogen.

Im September will das russische Staatsunternehmen "Rosatom" mit dem Bau eines neuen Kernkraftwerks in Weißrussland beginnen. Die russische Führung hat die Kernenergie für sicher erklärt, auch weil die Nuklearkraft ein Exportschlager der Russen bleiben soll. Der Glaube an die Kernenergie ist offenbar unerschütterlich. Das hat gewiss auch mit der "gelenkten Demokratie" zu tun, bei der im Kreml entschieden wird, was richtig und falsch ist.

Hintergrund

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hat zum 25. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor den Gefahren der Atomenergie gewarnt. "Fehler, Fahrlässigkeiten oder gar Vorsatz sind nie völlig auszuschließen, wo Menschen tätig sind", erklärte Röttgen gestern in Berlin. Der Faktor Mensch sei "Bestandteil des Restrisikos" und müsse daher ebenso in die gegenwärtige Neubewertung der Atomenergie einbezogen werden wie etwa Erdbeben, Hochwasser, Stromausfall oder Flugzeugabstürze. afp

Nach den Demonstrationen vom Ostermontag an zwölf Atomstandorten mit Zehntausenden Teilnehmern bereitet die Anti-Atomkraft-Bewegung weitere Proteste gegen die Nutzung der Kernenergie vor. Wie die Organisation "ausgestrahlt" gestern mitteilte, sind am 28. Mai in 20 deutschen Städten große Demonstrationen geplant. dapd

Bei Anti-Atom-Protesten zum Jahrestag der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl sind in Weißrussland mehrere Deutsche festgenommen worden. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin bestätigte gestern, dass "sechs deutsche Staatsangehörige inhaftiert wurden". Die deutsche Botschaft in Minsk versuche, den Sachverhalt aufzuklären. afp

Die Atomunfälle von Fukushima und Tschernobyl sind nach Ansicht der japanischen Regierung nicht miteinander vergleichbar. "Es ist eindeutig, dass beide Fälle unterschiedlicher Natur sind", sagte Regierungssprecher Yukio Edano gestern. Die in Fukushima freigesetzte Radioaktivität stelle nur ein Zehntel der Menge dar, die am 26. April 1986 in Tschernobyl ausgetreten sei. Zudem sei in Japan eine Explosion von Reaktoren verhindert worden. afp

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