11 für Deutschland

Davon hat die Fußball-Nation geträumt: Deutschland schlägt Spanien mit 8:1! Zuerst zerlegen eiskalte Bayern die Tiki-Taka-Katalanen aus Barcelona mit 4:0. Dann schießen die Ruhrpott-Raketen aus Dortmund die nicht mehr so galaktischen Madrilenen mit 4:1 ab.

"Die Bundesliga blendet den Planeten", titelte die renommierte spanische Zeitung "El País" angesichts einer solchen Macht-Demonstration: "Gegen diesen Glanz gibt es kein Gegengift." Das erste rein deutsche Champions-League-Finale ist jetzt zum Greifen nah. Doch wo liegen eigentlich die Gründe für die sagenhafte Dominanz? Versuch einer Annäherung.



Erich Ribbeck: Der Erfolg begann mit einem Verlierer. Erich Ribbeck schaffte als Nationaltrainer mit zehn Siegen, sechs Unentschieden, acht Niederlagen und einem EM-Vorrunden-Aus im Jahr 2000 etwas Einzigartiges: Das war nicht nur die schlechteste Bilanz aller Bundestrainer bisher, dieses Debakel verleitete den Deutschen Fußball-Bund auch zum Umdenken. Er erarbeitete ein Jugendförderkonzept und richtete bundesweit Leistungszentren ein. Der deutsche Fußball nutzte also die Krise als Chance.



Franz Beckenbauer: Es geschah am 6. Juli 2000. Die katastrophale EM unter Ribbeck ist seit vier Tagen deutsche Fußball-Horrorgeschichte, als die Lichtgestalt dem deutschen Fußball wieder Hoffnung machte: "Kaiser" Franz Beckenbauer hatte es als Chef des deutschen Bewerbungskomitees geschafft, die WM nach Deutschland zu holen. Mitbewerber Südafrika verlor mit elf zu zwölf Stimmen. Der Zuschlag führte dazu, dass Stadtobere WM-taugliche Fußball-Tempel in die Landschaft zimmerten. Deshalb haben wir nicht nur neue Stadien, sie sind auch die schönsten der Welt und voller toller Stimmung - und auch daher meist ausverkauft.

Jürgen Klinsmann: Mit viel Spott wurde Jürgen Klinsmann zu Beginn seiner Amtszeit als Bundestrainer überzogen. Die Spieler mussten im Training mit Gummibändern tanzen, der Trainer weilte im sonnigen Kalifornien und konferierte mit seinem Stab über das Internet. Bei der DFB-Spitze, der Presse und den rund 80 Millionen Bundestrainern kam das zunächst nicht besonders an. Klinsmanns Ziel war es, die verkrusteten Strukturen aufzubrechen und "positive Energie" einströmen zu lassen. Es ist ihm gelungen - und seitdem macht es sogar wieder Spaß, der Nationalmannschaft bei Freundschaftsspielen zuzusehen.



Joachim Löw: Als er 2006 von Jürgen Klinsmann das Amt des Bundestrainers übernahm, war das nur noch ein formeller Akt. Klinsmann leistete als Motivator gute Dienste, aber bereits während seiner Zeit als Co-Trainer unter "Klinsi" war "Jogi" derjenige, der die Mannschaft in Sachen Technik und Taktik formte. Seit er im adretten Zwirn an der Seitenlinie steht, wird die deutsche Elf auch im Ausland mit den Adjektiven leidenschaftlich, herzerfrischend, offensiv und mitreißend beschrieben. Titel kann Löw bisher noch nicht verbuchen. Aber mit den Spielern, die den europäischen Vereinsfußball gerade aufmischen, ist das nur noch eine Frage der Zeit.



Uli Hoeneß: Angesichts der Steuer-Affäre mag man es kaum sagen: Aber wenn es jemanden gibt, der beispielhaft für das solide Wirtschaften der Bundesligavereine steht, dann ist es Uli Hoeneß. Wie ein Eichhörnchen häufte er als Bayern-Manager jahrelang das Geld an und investierte mit Bedacht, während sich die Top-Clubs in Spanien, England und Italien teilweise hoffnungslos verschuldeten. Jetzt zahlt sich die deutsche Sparsamkeit aus.



Jürgen Klopp: Rumpelstilzchen an der Seitenlinie, Medienprofi vor der Kamera. Klopp hat schon bei Mainz 05 ein Team geformt und sogar in die Euro-League geführt. Beim einst finanziell maroden Verein Borussia Dortmund setzt er seit 2008 auf langfristige Entwicklung statt kurzfristigen Erfolg. Junge Talente wie Mario Götze werden nicht "verkloppt", sondern behutsam zu Führungsspielern aufgebaut, die füreinander arbeiten. Seine Spielideen und seine Begeisterung übertragen sich auf die Mannschaft. Das brachte zwei Meistertitel, macht Freude - und zahlt sich nun auch in Europa aus.



Thomas Müller: Titel wird er am Ende seiner Karriere viele gesammelt haben. Aber bitte nicht nur auf nationaler Ebene. Wie es sich anfühlt, ein Finale auf der ganz großen Bühne zu verlieren, weiß Müller genau: die Champions-League-Endspiele 2010 und 2012 hat er mitgemacht - Stachel, die tief sitzen. Aber auch anspornen. Hungrig machen. Auf große Titel. Und das demonstriert Müller momentan mit jeder Geste. Mit Biss und Willen kämpft der Bayern-Star für seinen Traum. Das verbindet ihn mit vielen seiner Kollegen in der Nationalelf und bei Bayern: mit Bastian Schweinsteiger oder Philipp Lahm zum Beispiel.



Mesut Özil: Der Deutsch-Türke steht für Schönheit und Hochgeschwindigkeits-Fußball in Perfektion. Sein Talent ebnete ihm den Weg in die Nationalmannschaft und zum internationalen Top-Verein Real Madrid. Die Zeiten, da in Deutschland Spieler wie der Brasilianer Paolo Rink eingebürgert wurden, um der Nationalmannschaft ein wenig Spielkultur beizubringen, sind längst vorbei. Mal abgesehen davon, dass es mit Rink auch nicht klappte: Das deutsche Spiel wird jetzt von Spielern geprägt, deren Wurzeln international sind, die sich aber entschieden haben, für Deutschland zu kicken, weil sie hier geboren oder aufgewachsen sind. Miroslav Klose, Lukas Podolski (beide Polen) und Mario Gomez (Spanien) haben zusammen schon 133 Tore für Deutschland geschossen, Sami Khedira (Tunesien) und Ilkay Gündogan (Türkei) machen das Mittelfeld für die Gegner unpassierbar. Und die nächsten Talente stehen schon in den Startlöchern.



Javi Martínez: Er ist der 40-Millionen-Euro-Mann, der teuerste Transfer der Bundesliga-Geschichte. Aber vor allem auch eins: jung. Der Weltmeister aus Spanien ist 24 Jahre alt - und damit ein Symbol. Die Bundesliga ist längst nicht mehr nur Alterssitz für internationale Top-Stars, die ihren Zenit überschritten haben und ihre letzten Jahre als Profi in einer halbwegs guten Liga kicken wollen. Spieler wie Frank Ribéry, Arjen Robben, Klaas-Jan Huntelaar und eben Martínez sehen eine Perspektive im deutschen Fußball. Und mit Pep Guardiola hat es jetzt auch einen Weltklasse-Trainer in die Bundesliga gezogen.



Angela Merkel: Die Bundeskanzlerin ist so etwas wie das Maskottchen der deutschen Nationalmannschaft. Ob das Jogis Jungs wirklich hilft, sei mal dahingestellt. Von Merkels Geist profitiert der deutsche Fußball aber durchaus - von dem, der durch Europa weht. Weil nicht zuletzt die Kanzlerin die Südländer in der Euro-Krise drängt, ihre Schuldenhaushalte in Ordnung zu bringen, gerät auch das windige Finanzgebaren der dortigen Fußball-Clubs in den Fokus. So scheiterte in Spanien der Plan, den Vereinen Steuerschulden von rund 700 Millionen Euro einfach zu erlassen. Jetzt müssen die meisten bei Transfers und Spielergehältern sparen. Die Bundesliga ist solider.

Jupp Heynckes: Der Altmeister (in zwei Wochen wird er 68) erlebt gerade seinen fünften Frühling. Dass er im Spätherbst seiner Karriere nochmal die Chance bekommen würde, die besten Bayern aller Zeiten zu trainieren, hätte "Don Jupp" wahrscheinlich selbst nicht für möglich gehalten. Doch dank Altersweisheit und Gelassenheit macht er seit Monaten einfach alles richtig und kann daher völlig zurecht vom Triple träumen.