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Tauziehen um Hilfslieferung

Tauziehen um Hilfslieferung

2000 Tonnen Hilfsgüter in weißen Lastwagen sendet Moskau in das ostukrainische Kriegsgebiet Lugansk. Aber die Ukraine tut sich schwer mit der Hilfe aus dem Nachbarland .

Im Streit um einen russischen Hilfskonvoi für die Ost ukraine hat nun erstmals auch die Regierung in Kiew breite Unterstützung für die notleidenden Menschen angekündigt. An diesem Donnerstag solle ein eigener Transport mit Hilfsgütern auf den Weg gebracht werden, sagte die Ost ukraine-Beauftragte Irina Geraschtschenko. Der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk sagte, Kiew stelle zehn Millionen Griwna (etwa 580 000 Euro) für den Kauf notwendiger Waren bereit.

Jazenjuk kritisierte die russische Hilfsaktion als "grenzenlosen Zynismus". "Erst schicken sie Panzer und Banditen in die Ukraine, dann Wasser und Salz", sagte er. Präsidentensprecher Swjatoslaw Zegolko äußerte sich diplomatischer. "Kein zivilisiertes Land lehnt humanitäre Hilfe ab", sagte er. Wo und wann der Konvoi aus 280 Lastwagen die Grenze überschreiten wird, blieb bis zum späten Mittwochabend jedoch unklar. Die Kolonne soll 2000 Tonnen Hilfsgüter transportieren, darunter sind Medikamente, Lebensmittel und Stromgeneratoren. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz kündigte an, die Fracht zu übernehmen und zu verteilen.

Im Konfliktgebiet Lugansk, wo es seit mehr als zehn Tagen keinen Strom und kein Wasser gibt, warteten die Menschen dringend auf Hilfe. In der Großstadt leben rund 250 000 Menschen. Die russischen Lastwagen sollten zum Grenzübergang Schebekino bei der Großstadt Charkow nördlich des Krisengebiets fahren. Der ukrainische Innenminister Arsen Awakow teilte jedoch mit, dass der russische Konvoi nicht das Gebiet Charkow durchqueren dürfe. Einen Grund für den Kurswechsel nannte Awakow nicht. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hatte betont, dass alle Einzelheiten mit der ukrainischen Regierung besprochen seien und der Konvoi nach Schebekino fahre, obwohl das ein Umweg sei. Russland stimmte überdies zu, dass an der Grenze ukrainische Kennzeichen an den Fahrzeugen montiert würden.

Moskau hatte Vorwürfe, prorussische Separatisten mit Waffen oder Kämpfern zu unterstützen, stets zurückgewiesen. Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete Befürchtungen als "absurd", im russischen Konvoi könnten Waffen versteckt sein.

Unterdessen verschärfte sich die Lage im Konfliktgebiet weiter. Regierungstruppen und prorussische Separatisten lieferten sich im Krisengebiet Donbass erneut heftige Gefechte. Die Armee griff mehrere Stellungen der Aufständischen in der Region Donezk an, wie die Agentur Interfax meldete. Unter anderem versuchte die Armee, die Städte Gorlowka und Jenakiewo einzukreisen.

Der Stadtrat von Donezk teilte mit, die ganze Nacht seien Explosionen zu hören gewesen. Mindestens fünf Zivilisten seien getötet worden. Damit sei die Zahl der Toten seit Wochenbeginn auf etwa 60 gestiegen, sagte ein Sprecher der Aufständischen. Andrej Lyssenko vom ukrainischen Sicherheitsrat sagte, dass seit Dienstag elf Soldaten ums Leben gekommen und 41 verletzt worden seien.

Nach UN-Informationen stieg die Zahl der Getöteten insgesamt inzwischen auf 2086. Die neue Schätzung - etwa doppelt so hoch wie eine Ende Juli veröffentlichte Zahl - beinhalte zuvor noch nicht gemeldete Opfer. Es ist eine für alle Seiten beschämende Situation: Mit dem Leid der in Lugansk eingeschlossenen Menschen wird Politik gemacht. Die Tatsache, dass nicht einmal eine humanitäre Mission außerhalb des Verdachts der militärischen Einmischung steht, offenbart, wie tief der Riss ist, der sich inzwischen durch Europa zieht. Das Misstrauen Kiews gegenüber der Führung in Moskau ist nicht unbegründet. Andererseits ist unklar, woher Hilfe für die Menschen in Lugansk kommen sollte, wenn nicht aus Russland . "Reißt euch zusammen", möchte man Putin wie Poroschenko zurufen.

Ein schneller Ausweg aus der militärischen Krise mitten in Europa ist nicht in Sicht. Aber eine geglückte Hilfsaktion könnte zumindest eine erste vertrauensbildende Maßnahme sein. Ein Scheitern wäre eine Schande für den ganzen europäischen Kontinent, Russland eingeschlossen.