SPD streitet über Umgang mit Sarrazin

Berlin. Angesichts heftiger interner Kritik hat die SPD-Führung ihre Entscheidung verteidigt, den früheren Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin nicht aus der Partei zu werfen. Generalsekretärin Andrea Nahles sagte gestern, Sarrazin habe "seine sozialdarwinistischen Äußerungen relativiert, Missverständnisse klargestellt und sich auch von diskriminierenden Äußerungen distanziert"

 In der SPD wächst der Unmut über die Entscheidung, Thilo Sarrazin in der Partei zu behalten. Foto: dpa

In der SPD wächst der Unmut über die Entscheidung, Thilo Sarrazin in der Partei zu behalten. Foto: dpa

Berlin. Angesichts heftiger interner Kritik hat die SPD-Führung ihre Entscheidung verteidigt, den früheren Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin nicht aus der Partei zu werfen. Generalsekretärin Andrea Nahles sagte gestern, Sarrazin habe "seine sozialdarwinistischen Äußerungen relativiert, Missverständnisse klargestellt und sich auch von diskriminierenden Äußerungen distanziert". Doch Teile der Parteibasis laufen Sturm gegen einen Verbleib des ehemaligen Berliner Finanzsenators in der SPD. Erste Parteiaustritte wurden bekannt. Am Abend beriet der Vorstand von Sarrazins Berliner Landesverband über das Thema.Sarrazin hatte mit umstrittenen Thesen zur Integrationsfähigkeit von Zuwanderern das Ausschlussverfahren provoziert. Nach seiner Erklärung, er sei vor allem fehlinterpretiert worden, hatten die Betreiber des Verfahrens vor Ostern überraschend ihre Ausschlussanträge zurückgezogen.

Nahles, die die Bundespartei vor der Schiedskommission vertreten hatte, sagte im Deutschlandfunk, mit der gütlichen Einigung ohne Ausschluss Sarrazins sei ein "kluger Weg" beschritten worden. Sarrazin habe sich "wieder auf den Boden der Meinungsfreiheit begeben, den man wohl aushalten muss in einer demokratischen Partei". Auch der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) schlug versöhnliche Worte an. "Jemand, der sich einsichtig zeigt, dem sollte man auch die Chance geben", sagte der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende der Ludwigshafener "Rheinpfalz".

Der stellvertretende Parteichef Olaf Scholz befand den Verzicht auf weitere Verfahren in höheren Instanzen ebenfalls für "vernünftig". Sarrazin habe vor der Berliner Schiedskommission die Forderung des SPD-Vorstandes nach Klarstellung erfüllt, sagte der Hamburger Bürgermeister der "Süddeutschen Zeitung".

Doch nicht nur durch die Basis geht ein Riss, auch durch die Parteiprominenz. Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel kritisierte die Entscheidung, die Ausschlussanträge zurückzuziehen. "Ich hätte mir ein anderes Ergebnis des Verfahrens gewünscht, weil die sozialdarwinistischen Thesen von Thilo Sarrazin mit den Grundwerten der SPD unvereinbar sind", sagte er der "tageszeitung". Aus Sicht des Innenexperten der Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, hat die Parteiführung kein gutes Bild abgegeben. "Das Denken Sarrazins hat in der SPD nichts zu suchen. Es liefert kein überzeugendes Bild ab, wenn der Parteivorstand sich anfangs so auf seinen Rausschmiss festgelegt hat und das jetzt alles zurücknimmt", sagte er. "Dabei haben natürlich taktische Erwägungen eine Rolle gespielt." Der Parteivorstand wisse, dass in der SPD das Denken Sarrazins weiter verbreitet sei, als es der Spitze lieb wäre.

In einer im Internet veröffentlichten "Berliner Erklärung", die bis gestern Mittag von einigen hundert Menschen unterzeichnet wurde, heißt es: "Nicht nachvollziehbar erscheint vor allem der Zickzackkurs der Partei."

 In der SPD wächst der Unmut über die Entscheidung, Thilo Sarrazin in der Partei zu behalten. Foto: dpa

In der SPD wächst der Unmut über die Entscheidung, Thilo Sarrazin in der Partei zu behalten. Foto: dpa

Der Gründer des "Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokraten", Sergey Lagodinsky, und der Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände (BAGIV), Mehmet Tanridverdi, kündigten ihren Parteiaustritt an, wie die "Süddeutsche Zeitung" und die "Berliner Zeitung" berichteten. Sarrazin selbst sprach von einem "Sieg der Vernunft" und der Diskussionskultur innerhalb der SPD. "Ich freue mich, dass wir zu einem einvernehmlichen Ergebnis gefunden haben. Schließlich bin ich seit 37 Jahren Mitglied der SPD und war dies stets mit Überzeugung", sagte er. dpa

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