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Späte Ehre für Hildegard von Bingen

Späte Ehre für Hildegard von Bingen

Rom. Am Ende ging der offizielle Aufstieg der Hildegard von Bingen in der katholischen Kirche ganz rasch. Erst im Mai hatte Papst Benedikt XVI. die Mystikerin, Äbtissin und Autorin (um 1098 bis 1179) in den Heiligenkalender der Weltkirche aufgenommen. Am Sonntag wurde sie in Rom feierlich auch zur Kirchenlehrerin erhoben

Rom. Am Ende ging der offizielle Aufstieg der Hildegard von Bingen in der katholischen Kirche ganz rasch. Erst im Mai hatte Papst Benedikt XVI. die Mystikerin, Äbtissin und Autorin (um 1098 bis 1179) in den Heiligenkalender der Weltkirche aufgenommen. Am Sonntag wurde sie in Rom feierlich auch zur Kirchenlehrerin erhoben. Diese Ehre, zu den wichtigen und einflussreichen Theologen der christlichen Kirche zu gehören, teilt Hildegard von Bingen mit 34 anderen Kirchenlehrern.

Nach Katharina von Siena, Teresa von Avila und Therese von Lisieux ist die zweifellos populärste Deutsche des Mittelalters die vierte Frau in dieser illustren Runde. "Von herausragender Bedeutung und Aktualität" sei sie, meinte Benedikt, als er im Mai bekanntgab, die Theologin und Mystikerin zusammen mit dem Spanier Johannes von Avila in die Runde der Kirchenlehrer aufnehmen zu wollen: "Hildegard, die Benediktinernonne, war eine wahre Meisterin der Theologie, darüber hinaus eine Gelehrte der Naturwissenschaften und der Musik."

Mehr als 800 Jahre hatte Hildegard von Bingen auf ihre offizielle Erhebung zur Heiligen und Kirchenlehrerin der römisch-katholischen Weltkirche warten müssen. Stets muss ein späterer Heiliger durch die oft langwierige Prozedur der vatikanischen Mühlen, an der Spitze die Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen. Ein "heroischer Tugendgrad" muss diesem Kandidaten vom Papst zuerkannt, ein Wunder bestätigt werden. Bei manchen geht es schnell, andere brauchen recht lange auf dem Weg in den Kreis der Heiligen.

Auch der Aufstieg der in deutschen Bistümern und dem Benediktinerorden verehrten Mystikerin zur Heiligen der Weltkirche brauchte also das päpstliche Siegel. Doch das Verfahren für sie war im Mittelalter zu den Akten gelegt worden, da die Schwestern ihres Klosters in Eibingen Nachfragen kirchlicher Behörden einfach nicht beantworteten. Aber der deutsche Papst hatte noch diesen Umweg der Aufnahme in den Heiligenkalender der Weltkirche, um die von ihm besonders geschätzte Frau zu würdigen - und gleichzeitig etwas für das katholische Glaubensleben in seinem Deutschland zu tun.

Seit langem bekannt ist die Wertschätzung Joseph Ratzingers für diese "große Frau und "Prophetin". In Generalaudienzen eröffnete Benedikt im September 2010 eine Reihe über bedeutende Frauen in der Kirche mit Hildegard von Bingen. Sie spreche "mit großer Aktualität auch zu uns heute, mit ihrer mutigen Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu erkennen, mit ihrer Liebe zur Schöpfung, ihrer Medizin, ihrer Dichtung, ihrer Musik, die heute rekonstruiert wird". Mehr Lob und Anerkennung geht kaum. Hildegard von Bingen ist für den Papst ein leuchtendes Beispiel "durch die Heiligkeit ihrer Lebens und den Reichtum ihrer Lehre". Und das im ansonsten als finster geltenden Mittelalter.

Apropos "Zeichen der Zeit": Hildegard von Bingen hatte aus Sicht des konservativen Benedikt eine kirchenpolitische Botschaft, "die wir nicht vergessen sollten". Gemeint ist ihr forsches Eintreten gegen die Bewegung der Katharer, die eine radikale Reform der Kirche wollte. "Sie warf ihnen mit harten Worten vor, das Wesen der Kirche verändern zu wollen", lobte Benedikt, der eine wahre Erneuerung auch heute nicht in veränderten Kirchenstrukturen sieht. Also ist sie, die der Papst schon damals eine Heilige nannte, noch immer "Prophetin". Immer neue Bücher erscheinen über die Frau des Hochmittelalters. Vor drei Jahren brachte die Regisseurin Margarethe von Trotta sie dann auch auf die Kinoleinwand. Mal ist sie die geniale Heilerin, dann wieder die frühe Feministin oder die abgehobene Mystikerin.

Emanzipiert gab sie dem Kaiser wie dem Papst Ratschläge und berief sich dabei darauf, dass Gott durch sie spreche. Benedikt nennt das den "intelligenten Dialog mit der Welt". Er setzt darauf, dass sie bei dem von ihm ausgerufenen Jahr des Glaubens hilft. Sie soll also dazu beitragen, die Botschaft der Kirche neu in die westliche, stark säkularisierte Welt zu tragen.

Auf einen Blick

Der Papst verleiht den Titel Kirchenlehrer (doctor ecclesiae) für herausragende Leistungen in Theologie und Glaubensweitergabe. Vier Merkmale sind dafür erforderlich: Rechtgläubigkeit der Lehre (doctrina orthodoxa), Heiligkeit des Lebens (sanctitas vitae), herausragende Lehre (doctrina eminens) und die offizielle Ernennung durch den Papst oder die zuständige Vatikanische Kongregation für die Heiligsprechungen (expressa ecclesiae declaratio).

Bislang gibt es 33 Kirchenlehrer, darunter erst drei Frauen: die italienische Mystikerin Katharina von Siena (1347-1380), die spanische Karmelitin Teresa von Ávila (1515-1582) und die französische Karmelitin Thérèse von Lisieux (1873-1897). dpa