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Schnäppchen als Rettungsanker

Kampf gegen sinkende Umsätze : Schnäppchen als Rettungsanker

Was tun, wenn die Läden in den Innenstädten leerer werden und der Online-Handel boomt? Viele Städte besinnen sich auf den Bau von Outlets.

Das Outlet als Ausweg: Im Kampf gegen sinkende Umsätze in stationären Geschäften durch den Online-Handel gelten die Schnäppchenparadiese als Trumpfkarte. "Wir sehen da einen Boom", sagt Marco Atzberger, Geschäftsführer des Handelsforschungsinstituts EHI.

Denn angesichts zurückgehender Einnahmen in vielen Innenstädten wecken Fabrikverkaufszentren Hoffnungen auf neue Arbeitsplätze und Umsätze auch über die Stadtgrenzen hinaus - und damit auf steigende Steuereinnahmen. Die noch bis vor Jahren vorherrschenden Sorgen um die Innenstädte gehörten in den Kommunen mittlerweile der Vergangenheit an, sagt Atzberger. "Negative Konsequenzen werden in Kauf genommen."

Die Stadt Saarlouis befürchtet, dass das Outlet in Wadgassen dem Einzelhandel zu viel Kaufkraft abzieht. Foto: Ruppenthal

"Outlets sollen zum Rettungsanker werden, wenn der eigene Einzelhandel nicht mehr läuft", sagt auch Experte Joachim Stumpf von der Handelsberatung BBE. Neben dem Versprechen auf billige Preise können die neuen Outlet-Center nach Einschätzung der Fachleute vor allem als touristische Ausflugsziele punkten.

Das Designer-Outlet sorgte anfangs für Streit zwischen Zweibrücken und Homburg um Größe und Sortiment. Foto: Neinver/pma

"Die Leute müssen in ein Urlaubsgefühl versetzt werden", meint Joachim Will vom Wiesbadener Planungsbüro Ecostra. Will hat im Auftrag des Berliner Grundstückseigentümers Krieger die Planungen für Deutschlands größtes Outlet-Center auf einem ehemaligen Güterbahngelände in Duisburg begutachtet. Bei einer Sitzung gestern hat der Rat der Stadt grünes Licht für das Großprojekt mit einer geplanten Verkaufsfläche von bis zu 30 000 Quadratmetern gegeben. Betreiber des Outlets soll die spanische Neinver-Gruppe werden, der bis vor kurzem auch das Zweibrücker Outlet gehörte. Zwischen 140 und 175 Läden sollen in einer Bebauung im "Village Stil" mit kleinen Plätzen und nachempfundenen Gassen vor allem Mode, Sportartikel und Schuhe anbieten.

Ähnliche Planungen für Outlet-Center wie derzeit in Duisburg gibt es auch in mehreren umliegenden Städten. "Wir sehen in Nordrhein-Westfalen derzeit einen hektischen Wettlauf der Kommunen", sagt Atzberger. Neidisch blicken viele Politiker etwa auf den Erfolg des Outlet-Centers im niederländischen Roermond, das wegen seiner grenznahen Lage nach Einschätzung von Beobachtern von vielen deutschen Kunden besucht wird.

Doch in einigen Fällen werden die Outlets nicht als Neidfaktor, sondern als Bedrohung gesehen. Das in Wadgassen erbaute Factory Outlet Center (FOC) sorgt seit mittlerweile zehn Jahren für ein erbittertes Tauziehen: Die Stadt Saarlouis befürchtet, gestützt von einem Gutachten, dass das FOC dem Einzelhandel zu viel Kaufkraft abziehen könnte. Deswegen versucht die Stadt, rechtlich die Verkaufsfläche und die Sortimente des Outlets zu beschränken. Zurzeit ruht das Verfahren, zu einer Einigung sei es seines Wissens nach noch nicht gekommen, sagte Wadgassens Bürgermeister Sebastian Greiber auf SZ-Anfrage. Das Designer-Outlet in Zweibrücken sorgte ebenfalls für Ärger. Die Kommunen Homburg und Zweibrücken stritten um Größe und Sortiment. Doch nach mehreren Jahren juristischer Auseinandersetzung konnte Ende des Jahres 2003 ein Kompromiss gefunden werden - damit war die Anklage vom Tisch.

Auch das Duisburger Projekt spaltet schon heute Gegner und Befürworter in der Revierstadt. "Das Einwohner-und Kaufkraftpotenzial ist sensationell", sagt Will angesichts der Lage des geplanten Centers in einem der größten Ballungsräume Europas. Hinzu komme die fußläufige Entfernung zum Hauptbahnhof und die direkte Anbindung an eine stark befahrene Autobahn.

Wilhelm Bommann vom Einzelhandelsverband Niederrhein sieht dagegen die Duisburger Innenstadt bei einer Verwirklichung der Pläne in akuter Gefahr. Ob die Kunden des neuen Outlet-Centers den rund 2,5 Kilometer langen Weg in die Duisburger City in Kauf nehmen würden, sei durchaus zweifelhaft, meint er. "Einkaufen, Einpacken, Davonbrausen", beschreibt er ein mögliches Szenario. Das Nachsehen hätte der lokale Einzelhandel.

Auch Handelsexperte Stumpf macht den örtlichen Einzelhändlern nur wenig Hoffnung. "Jeder Cent, der dort ausgegeben wird, fehlt anderswo", sagt er. Für die nächsten Jahre sieht Stumpf indes auch in Deutschland noch Potenzial für neue Outlets - auch wenn der Online-Handel weiter wachsen dürfte.