Reizfigur mit ausgeprägtem Machtinstinkt

Stuttgart · Gerhard Mayer-Vorfelder ist immer seinen Weg gegangen. Der langjährige Spitzenfunktionär war ein kampflustiger Machtmensch. Er sagte einmal über sich selbst: „Ich bin ein Stück stolz darauf, dass ich mich in all den Jahren nicht habe verbiegen lassen.“

Zuletzt sah man "MV" beim Landespresseball Stuttgart , den er so gut wie nie ausließ. Mit seiner markant geschminkten Frau Margit, mit der er vier Kinder hat, erschien er jedes Jahr zuverlässig auf diesem Großereignis - auch dann noch, als Grün-Rot regierte. So viel Souveränität vermochte nicht jeder Christdemokrat aufzubringen. Doch Gerhard Mayer-Vorfelder war in der Endkurve seines Lebens von einer umarmenden Versöhnlichkeit. Das war nicht immer so. Mayer-Vorfelder hat gerne polarisiert. "Ich bin fast täglich im Schützengraben gestanden, um mich herum sind die Giftpfeile geschwirrt", sagte der Machtmensch und Multifunktionär einmal über seine tagtäglichen Kämpfe. Am Montag starb er im Alter von 82 Jahren.

Egal ob als Präsident des Bundesligisten VfB Stuttgart und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) oder als CDU-Minister im Ländle - Mayer-Vorfelder kannte sich mit extremem Gegenwind aus. Und der Jongleur der Macht verstand es blendend, sich jahrelang in den diversen Spitzenpositionen zu halten. Taktisches Gespür, glänzende Vernetzung, immenses Stehvermögen - das waren nur drei Zutaten, die der knallharte und auch kompromisslose Konservative einsetzte. "Ich war immer der, der ich war - mit allen guten und weniger guten Seiten", beschrieb der Mann mit dem knackigen Markenkürzel "MV" sich selbst. "Ich bin ein Stück stolz darauf, dass ich mich in all den Jahren nicht habe verbiegen lassen."

Aufsteigerwillen zeigte er schon früh. Mayer-Vorfelder wurde am 3. März 1933 in Mannheim geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg und Heidelberg verschlug es ihn zunächst 1959 als Regierungsrat nach Nürtingen. Nach seinem Wechsel ins baden-württembergische Innenministerium startete der ehrgeizige und intelligente Jurist als persönlicher Referent des damaligen Ressortchefs und späteren Ministerpräsidenten Hans Filbinger seine politische Laufbahn. Mehrere Spitzenpositionen in der Politik folgten. Als Bildungsminister verlangte er von den Schülern alte Tugenden wie Fleiß, Disziplin und Ordnung und empfahl den Lehrern, den Kin dern alle drei Strophen des Deutschlandliedes beizubringen.

Nicht selten musste sich "MV" mit dem Vorwurf auseinandersetzen, seine Geschäfte nach Gutsherrenart zu führen. 1975 putschte sich der frühere Mittelläufer (eine frühere Spielposition im defensiven Mittelfeld) vom SV Waldshut an die Spitze des VfB Stuttgart - und blieb ein Vierteljahrhundert ein schillernder und bisweilen auch selbstverliebter Boss bei den Schwaben.

"Ohne ihn würde es den Verein gar nicht mehr geben", sagte der ehemalige VfB-Trainer Jürgen Sundermann einmal über den Workaholic, der sich in den vergangenen Jahren jedoch merklich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte.

Ein feines Essen, ein edler Tropfen - dem Gaumenkitzel war der langjährige DFB-Boss nie abgeneigt. "Von ‚MV' kann man einiges lernen", erzählte Bundestrainer Joachim Löw dem "Kicker" einmal. "Er hat alles aus Überzeugung getan und konsequent danach gehandelt", sagte Löw. Sein "Lebensziel" hatte "MV" nach eigenen Angaben mit der Ausrichtung der WM 2006 im eigenen Land erreicht. Das Spiel um Platz drei gewann die DFB-Auswahl damals gegen Portugal ausgerechnet in Stuttgart . "Das war das Highlight in meinem Leben", sagte Mayer-Vorfelder über dieses WM-Sommermärchen.

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