Prozess gegen Chirac droht zu platzen

Paris. Wie tatterig ist Frankreichs Altpräsident Jacques Chirac (78) wirklich? Ist es schlimm genug, dass er sich nicht mehr vor Gericht verantworten kann? Es sieht jedenfalls so aus. Seine Frau Bernadette hat einen bekannten Neurologen um ein Gutachten gebeten. Sein Urteil lautet: Chirac ist nicht mehr in der Lage, an dem Prozess gegen ihn teilzunehmen

Paris. Wie tatterig ist Frankreichs Altpräsident Jacques Chirac (78) wirklich? Ist es schlimm genug, dass er sich nicht mehr vor Gericht verantworten kann? Es sieht jedenfalls so aus. Seine Frau Bernadette hat einen bekannten Neurologen um ein Gutachten gebeten. Sein Urteil lautet: Chirac ist nicht mehr in der Lage, an dem Prozess gegen ihn teilzunehmen. Heute soll das Verfahren nach mehrmonatiger Unterbrechung fortgesetzt werden. Es geht um Veruntreuung während seiner Zeit als Bürgermeister von Paris in den 90er Jahren. Laut Gesetz könnte ihm eine mehrjährige Haftstrafe drohen.Das Gutachten sei von einem Brief begleitet gewesen, in dem Chirac einmal mehr betont, dass er sich wie jeder gewöhnliche Bürger der Justiz stellen wolle. Er bitte lediglich, dass seine Anwälte ihn vertreten mögen, berichteten französische Medien übereinstimmend am Wochenende.

Es könnte ein geschickter Schachzug sein, um den Eindruck zu vermeiden, dass Chirac sich dem Prozess entziehen wollte. Nun liegt der Ball beim Richter. Er muss entscheiden, ob er ein weiteres Gutachten in Auftrag gibt oder den Prozess faktisch beendet, indem er ihn auf ein unbestimmtes Datum verschiebt.

Wenn Chirac nicht mehr auf Fragen nach seiner Vergangenheit antworten kann, dann lohnt es sich auch nicht, den Prozess in seiner Abwesenheit fortzusetzen, so könnte sein Argument lauten.

Überraschend kam die Nachricht nicht. Bei seinen jüngsten Auftritten wirkte der Ex-Staatschef (1995-2007) müde und angeschlagen. Unter Berufung auf enge Vertraute hatten französische Medien Anfang des Jahres über eine mögliche Demenzerkrankung spekuliert. Chiracs Frau Bernadette dementierte, dass er an Alzheimer leide, betonte aber, dass ihr Mann Erinnerungslücken habe, schwerhörig sei und schlecht zu Fuß sei.

Chirac ist angeklagt, in seiner Zeit als Bürgermeister von Paris (1977-1995) Parteifreunden Gefälligkeitsjobs zugeschustert zu haben. 28 Männer und Frauen sollen auf der Gehaltsliste des Rathauses gestanden haben, in Wirklichkeit aber vor allem für seine Partei, die UMP-Vorgängerpartei RPR, gearbeitet haben. Im Fall eines Schuldspruchs drohen dem Ex-Präsidenten bis zu zehn Jahre Haft und 150 000 Euro Strafe. Allerdings haben seine Anwälte einen Deal mit dem Pariser Rathaus eingefädelt, um zu verhindern, dass die Stadt als Nebenklägerin auftritt. Insgesamt 2,2 Millionen Euro erhielt die Stadt als Entschädigung, eine halbe Million davon sollte Chirac selber zahlen, den Rest wollte die Partei übernehmen. dpa

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