Tödlicher Polizei-Schuss Jugendlicher (17) beigesetzt – neue Krawalle in Frankreich, Präsident sagt Deutschland-Besuch ab

Paris · Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kommt vorerst nicht nach Deutschland. Er sagte seine Reise mit Blick auf die Ausschreitungen in seinem Land ab. Nach der Beisetzung eines durch die Polizei erschossenen Jugendlichen kam es erneut zur Randale.

Ausschreitungen in Frankreich nach Todesschuss auf Jugendlichen
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Ausschreitungen in Frankreich nach Tod eines Jugendlichen durch einen Polzisten

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Foto: AP/Christophe Ena

Der 17-jährige Nahel, dessen Tod bei einer Polizeikontrolle seit Tagen für Krawalle in Frankreich sorgt, ist am Samstag, 1. Juli, beigesetzt worden. Hunderte standen am Eingang des Friedhofs, um Abschied zu nehmen, als der Sarg hineingetragen wurde.

Mutter des Getöteten fordert harte Strafe gegen Polizisten

Die Mutter des Jungen, Mounia M., wurde von der Trauergemeinde mit Applaus begrüßt. Sie hatte in einem Fernsehinterview eine harte Strafe für jenen Polizisten gefordert, der am Dienstag ihren Sohn erschossen hatte. Icjh

Unruhen in Frankreich – Tausende protestieren gegen Polizeigewalt
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Unruhen in Frankreich – Tausende protestieren gegen Polizeigewalt

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Foto: dpa/Laurent Cipriani

Der Zwischenfall führte die vierte Nacht in Folge zu Ausschreitungen in den Pariser Vororten, aber auch anderswo im Land. Präsident Emmanuel Macron verschob wegen der explosiven Lage einen Staatsbesuch in Deutschland, der eigentlich am Sonntag hätte beginnen sollen.

2400 Festnahmen, 45 000 Polizisten im Einsatz

Das französische Innenministerium teilte am Samstag mit, dass allein in der jüngsten Nacht landesweit 1311 Personen festgenommen worden seien. Seit Beginn der Unruhen waren es damit rund 2400. 45 000 Polizisten waren im Einsatz, schafften es aber nicht die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Rund 2500 Brände wurden gelegt und viele Geschäfte geplündert, wie die Polizei mitteilte. Randalierer lieferten sich Straßenschlachten mit Beamten. Allein in der Nacht auf Samstag wurden 79 Polizisten und Feuerwehrleute verletzt, die Woche über waren es Hunderte. Offizielle Zahlen zu verletzten Demonstranten wurden nicht vorgelegt.

Ermittlungen gegen Polizisten wegen Totschlags

Gegen den Beamten, der den Jugendlichen in Nanterre erschossen haben soll, wird inzwischen wegen Totschlags ermittelt. Nahel war nach Angaben der Staatsanwaltschaft mit einem Mercedes mit polnischen Kennzeichen auf einer Busspur unterwegs und überfuhr eine rote Ampel, als der Beamte und ein Kollege ihn aufhalten wollten. Der Polizist rechtfertigte den Schuss damit, er habe befürchtet, dass er und sein Kollege oder jemand anderes von dem Auto überfahren werden könnten.

Der Leichnam des 17-Jährigen wurde am Samstag aufgebahrt, damit Familie und Freunde Abschied nehmen konnten. Nach Gebeten in einer Moschee wurde der Sarg zum Friedhof gebracht.

Seit Jahren immer wieder Zusammenstöße in Frankreich

Die Krawalle der vergangenen Tage sind die schlimmsten in Frankreich seit Jahren, wo es immer wieder zu Ausschreitungen vor allem junger Menschen aus den Vororten gekommen ist, die über soziale Benachteiligung klagen. „Nahels Geschichte ist das Feuerzeug, das das Gas entzündet hat“, sagte der 39-jährige Samba Seck aus dem Pariser Vorort Clichy-sous-Bois.

„Junge Menschen ohne Hoffnung haben darauf gewartet. Uns fehlen Wohnungen und Jobs und wenn wir welche haben, sind unsere Löhne zu niedrig.“

Auch in französischen Überseegebieten breiten sich Unruhen aus

Von Clichy aus wurde Frankreich im Jahr 2005 von ähnlichen Unruhen erfasst. Anders als damals wurde diesmal noch nicht der Notstand ausgerufen.

Neben Paris, Marseille, Lyon und anderen Städten haben die Unruhen mittlerweile auch französische Überseegebiete erfasst, in Französisch-Guyana in der Karibik gab es einen Toten. Betroffen war auch die kleine Insel La Réunion im Indischen Ozean.