1. Nachrichten
  2. Politik

Politischer Papst im Weißen Haus

Politischer Papst im Weißen Haus

Erstmals steht Papst Franziskus neben Präsident Barack Obama im Weißen Haus, Zehntausende verfolgen den Festakt und jubeln. Doch die Botschaft der beiden ist eine ernste.

Es ist alles da: das Sternenbanner, die historischen Uniformen, Dreispitz eingeschlossen, die Flötenklänge aus den Kriegen amerikanischer Rebellen gegen die britische Kolonialmacht. Das Weiße Haus hat alle protokollarischen Register gezogen. Vor 15 000 Gästen bekommt der Papst einen umjubelten Empfang. Umso schöner wirkt die kleine Geste der Bescheidenheit, die Franziskus dem Pomp entgegensetzt. Der Fiat 500, in dem er vorfährt, dürfte eines der schlichtesten Autos gewesen sein, das jemals von einer Blaulichtkolonne aus mächtigen Geländewagen und blankgewienerten Motorrädern zum Weißen Haus eskortiert wurde.

Alles Nebensache. Ohne Umschweife widmet sich der Papst dem inhaltlichen Kern, nämlich zwei Themen, die hierzulande gerade die Debatte bestimmen: Einwanderung und Klimawandel. Als Sohn einer Immigrantenfamilie sei er froh, in einem Land zu sein, das maßgeblich von ebensolchen Familien aufgebaut wurde, erinnert er die Amerikaner an ihre Geschichte. Dann lobt er Präsident Barack Obama für seinen ehrgeizigen Klimaplan. Für das im August ausgegebene Ziel, die CO{-2}-Emissionen einheimischer Kraftwerke bis 2030 gegenüber dem Stand des Jahres 2005 um 32 Prozent zu senken. Er finde die Initiative ermutigend. "Es scheint mir klar zu sein, dass der Klimawandel ein Problem ist, das man nicht länger einer künftigen Generation überlassen kann", sagt Franziskus und nimmt eine Anleihe bei Martin Luther King.

Der Bürgerrechtler hatte sich 1963, in seiner legendären "I-Have-a-Dream"-Rede, der Metapher des nicht eingelösten Schuldscheins bedient, vom gebrochenen Verfassungsversprechen gleicher Rechte für alle, auf dessen Erfüllung die Afroamerikaner der Südstaaten damals noch immer warteten. Franziskus wandelt das Motiv auf den Klimaschutz ab. Man habe die Schuld noch nicht beglichen, nun sei es an der Zeit.

Obama spricht von der moralischen Autorität des Kirchenoberhaupts, dessen bescheidener, schlichter, gütiger Art. "Sie rütteln unser Gewissen wach!", sagt er, spricht vom Dienst an den Schwachen und blendet zurück auf seine eigene Lebensgeschichte. Bevor er in Harvard Jura studierte, war er Sozialarbeiter in den Armenvierteln der South Side, im afroamerikanischen Süden Chicagos, und zwar in Diensten einer katholischen Organisation. In dem Moment wirkt es, als habe er einen Bruder im Geist eingeladen. Und genauso soll es auch wirken. Themen, bei denen Welten zwischen dem Vatikan und dem Oval Office liegen - Abtreibung, die Schwulenehe - werden nur am Rande gestreift.

Obama sieht in dem Pontifex aus Argentinien, dem ersten aus der westlichen Hemisphäre, wie er betont, einen Verbündeten, der ihm kraft seiner moralischen Macht helfen kann, auf der Zielgeraden der Präsidentschaft noch ein paar Nägel mit Köpfen zu machen. Vielleicht Klimagesetze, die er bereits im Jubel des Wahljahres 2008 anpeilte, ehe sie am Widerstand der Republikaner im Kongress scheiterten. Vielleicht eine Reform des Einwanderungsrechts. Beides läuft auf einen Kraftakt hinaus, allein schon angesichts der stabilen konservativen Mehrheit im Parlament. Egal. An diesem Tag geht es allein ums große Bild, um die kühne Vision, mit dem Papst als amerikanischem Hoffnungsträger.