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Pendlerin zwischen den Welten

Pendlerin zwischen den Welten

Geschockt von den Bildern des Vietnam-Kriegs begann die St. Ingberterin Ursula Zimmer vietnamesisch zu lernen. Heute heißt sie Nguyen und hat ihr Leben ganz in den Dienst der Vietnam-Hilfe gestellt.

Es ist heiß in Viet nam. Die hohen Temperaturen machen schnelle Bewegungen schier unmöglich. Doch im Innern der Städte pulsiert das Leben. Ein nicht enden wollender Strom hupender Mopeds zwängt sich durch die Straßen und macht den vielen Fußgängern das Wechseln von der einen Seite zur andern zum Abenteuer. Doch das stört die in St. Ingbert geborene Ursula Nguyen, vormals Zimmer, nicht. Sie kennt dieses laute, bunte Getümmel und bahnt sich furchtlos den Weg zu ihrem Ziel: das Provinzkrankenhaus in Nha Trang , wo die philippinische Sängerin Mary mit ihrer zwölfjährigen Tochter Lara auf sie wartet.

Mit einer herzlichen Umarmung begrüßt die flotte 66-Jährige die beiden. "Seit gestern kann Lara nicht mehr mit dem linken Fuß auftreten", klagt Mary. Sie ist froh, dass Ursula Nguyen sie in die Notaufnahme begleitet, weil sie dort so viele Ärzte kennt und "das eine bevorzugte Behandlung verspricht". Im Innern herrscht wie immer rege Betriebsamkeit und Ventilatoren verwirbeln die feucht-heiße Luft. Lara wird gleich aufgenommen und im Rollstuhl zur Kinderstation gefahren, wo Chefärztin Nguyen T. Phuong Mai zur Stelle ist. Freundlich begrüßt sie die Saarländerin, die hier seit vielen Jahren ein- und ausgeht. Von den fünftausend Krankenhausbetten, die sie im Laufe der Jahre aus Deutschland in die vietnamesische Provinz Khan Hoa transportieren ließ, befinden sich allein 1500 in diesem Krankenhaus, in dem Lara alsbald neurologisch untersucht wird.

Bleibt ein wenig Zeit zum Plaudern mit der nimmermüden Frau, die für ihre Arbeit gerade das Bundesverdienstkreuz an ihrer vietnamesischen Wohn- und Wirkungsstätte Nha Trang erhalten hat. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass Ursula Nguyen ihr Leben der humanitären Hilfe verschrieben hat? "Prägend war sicherlich meine Zeit im Internat bei den dominikanischen Schulschwestern in Landstuhl. Dort machte ich die Mittlere Reife und anschließend eine Ausbildung zur Kindergärtnerin und Hortnerin", erinnert sie sich und fügt augenzwinkernd hinzu: "Nur meine politisch linksgerichtete Gesinnung habe ich wohl nicht von dort."

Nach der Ausbildung war sie erst Leiterin des staatlichen Kindergartens in Sulzbach-Schnappach und dann am Aufbau einer der ersten Vorschulen in Ormesheim beteiligt, als sie 1972 den inzwischen promovierten Chemiker Nguyen The Phiet heiratete. Im Saarland hatte sie den smarten Studenten als ihren Vietnamesisch-Lehrer kennen und lieben gelernt. "Ich war wie so viele schockiert über die Bilder des Vietnamkrieges, die Anfang der siebziger Jahre um die Welt gingen", erzählt sie und dass sie damals beschloss, vietnamesisch zu lernen, um sich helfend in dem fernen Land einzubringen. Schon bald ging sie mir ihrem Mann nach Berlin, wo sie ihr Abitur nachmachte und einem ersten Studium der Sozialpädagogik ein zweites der Medizinsoziologie folgen ließ. Ihre Diplomarbeit schrieb sie über die "Folgen des chemischen Krieges der USA in Viet Nam".

"Noch im gleichen Jahr 1985 gründeten wir gemeinsam mit ein paar Berliner Freunden den gemeinnützigen Verein ,Medizinische Hilfe für Vietnam e.V.', der an die 50 Mitglieder und zahlreiche Unterstützer in ganz Deutschland hat", erzählt Nguyen. Auch wenn sie vorher schon in verschiedenen Organisationen ehrenamtlich tätig war, so war sie doch nun die Vorsitzende eines Vereins, der rasant seine Arbeit aufnahm und unendlich viel bewegte.

Seither ist Ursula Nguyen eine Pendlerin zwischen den Welten, die alljährlich etwa ein halbes Jahr in Deutschland mit der Organisation, dem Verpacken und Verschiffen ausrangierter Krankenhausbetten und anderem Krankenhausinventar verbringt. Ruhelos und voller Tatendrang ist sie stets unterwegs, wohnt mal in ihrem Haus in St.Ingbert, mal in ihrer kleinen Berliner Wohnung. "Da ich ehrenamtlich arbeite, übernimmt mein Mann die Kosten für meinen Lebensunterhalt", erklärt die Frau, die zwar keine eigenen Kinder hat, dafür aber ganz viele junge Helfer und Schützlinge. Etwa die inzwischen 25 Jahre alte Thailänderin Sunny, die sie als sechsjähriges Kind in Berlin kennenlernte und unter ihre Fittiche nahm. "Sie war bei fast jedem meiner alljährlich im Herbst stattfindenden Berliner Trödelmärkte als ,kleine Vietnamesin' dabei."

Vier Wochen lang baut Ursula Ngyuen tagtäglich ihre Stände vor dem Rathaus Zehlendorf auf, um gesammelte Trödelware und gespendete Antiquitäten zu verkaufen. Auch auf dem dortigen Öko-Markt ist sie vertreten, um grünen Tee, Kaffee, Gewürze, Ingwer, Kokosstreifen und andere Leckereien aus Vietnam anzubieten. Ähnliche Dinge wie auf den Weihnachtsmärkten im Saarland und in der Pfalz - "nur dass dort noch vietnamesisches Kunsthandwerk hinzukommt, weil das gut angenommen wird". Zudem besucht sie politische Veranstaltungen, um Literatur über Vietnam, gespendeten Kuchen, Tee und Kaffee anzubieten, denn die Containertransporte sind teuer.

"Doch ohne die ehrenamtliche Hilfe von freiwilligen Helfern, von THW und Feuerwehr wäre das alles gar nicht möglich", beteuert sie und erzählt, wie sich ihre Arbeit in Vietnam fortsetzt. Dort ist sie meist von März bis September vollauf damit beschäftigt, die Container durch den Zoll zu bringen, sie auszupacken und den Inhalt an die entsprechenden Stellen zu verteilen. Dazu zählen mittlerweile nicht nur das Provinzkrankenhaus mit seinen verschiedenen Fachkliniken, sondern auch zwei Waisenhäuser, die sie unterstützt. Probleme mit den vietnamesischen Behörden gibt es keine, denn ihre Arbeit wird geschätzt und anerkannt. "Die Ämter, mit denen ich seit Jahren arbeite, sind stets freundlich, höflich, hilfsbereit. Da die Bevölkerung über Zeitung und Fernsehen informiert ist, sprechen mich öfter auch mal Leute auf der Straße an und bedanken sich für die humanitäre Hilfe." Obwohl sich die Situation in dem Land nach der wirtschaftlichen Öffnung kontinuierlich verbessert hat, Schulen, Krankenhäuser und Straßen bis in die Dörfer gebaut wurden, für Elektrizität und sauberes Trinkwasser gesorgt wurde, ist Vietnam für sie "trotz allem noch ein armes Land, das Hilfe benötigt".

Normalerweise seien es ja die Deutschen, die in Nha Trang eine neue Heimat gefunden haben und mit ihren Problemen zu ihr kommen. "Doch wer in Not ist, kann immer auf mich zählen, unabhängig von seiner Nationalität und seiner Gesinnung", sagt sie noch und wendet sich wieder dem philippinischen Mädchen zu, das nun auch die Blutentnahme hinter sich hat und auf die Ergebnisse warten muss.