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Paradies Deutschland"Das ist keine Panikmache"Die "ungebetenen Gäste" vom Balkan

Paradies Deutschland"Das ist keine Panikmache"Die "ungebetenen Gäste" vom Balkan

Belgrad. Es sind die Ärmsten der Armen, die zur Zeit regelrecht nach Deutschland strömen. Von den knapp 7000 Asylbewerbern in Deutschland kamen im September gut ein Drittel aus Serbien und Mazedonien. Doch die Anerkennungsquote beträgt bei dieser Gruppe nach serbischen Angaben gerade einmal ein Prozent

Belgrad. Es sind die Ärmsten der Armen, die zur Zeit regelrecht nach Deutschland strömen. Von den knapp 7000 Asylbewerbern in Deutschland kamen im September gut ein Drittel aus Serbien und Mazedonien. Doch die Anerkennungsquote beträgt bei dieser Gruppe nach serbischen Angaben gerade einmal ein Prozent. Und dennoch: Deutschland, aber auch Schweden und Frankreich, gelten nach wie vor als Länder, in denen Milch und Honig fließt. Daher lohnt sich ein Asylantrag allemal.Elmez Kadric aus der Nähe der südserbischen Stadt Leskovac, der gerade mit seiner Frau und zwei Kindern aus Deutschland abgeschoben wurde, erzählt der Belgrader Zeitung "Press" am Freitag Märchenhaftes. Während seine Familie in der Heimat in einem Zimmer ohne Bad hause, habe er sofort nach seinem Asylantrag in Deutschland eine Wohnung bekommen. Während er zu Hause seit 20 Jahren arbeitslos sei, habe er in Baden-Württemberg schon nach ein paar Tagen als Gerüstbauer Arbeit gefunden.

Antrag abgelehnt

Sieben Euro Stundenlohn habe er auf die Hand bekommen. Ein Traum verglichen mit den mehr als mageren Durchschnittslöhnen in Serbien von 400 Euro im Monat. 346 Euro betragen daneben die staatlichen Leistungen für einen erwachsenen Asylbewerber plus Wohnung. Die Kadric-Familie hat 14 Monate in Deutschland verbracht, bis ihr Antrag endgültig abgelehnt wurde.

Das in die Personalpapiere gestempelte achtjährige Einreiseverbot nach Deutschland dürfte dem Großteil der Abgeschobenen wenig Kopfzerbrechen bereiten. In den meisten Balkanländern kann man sich neue Personalpapiere auf dem Schwarzmarkt beschaffen und es dann noch einmal versuchen. Noch zu Zeiten der Visapflicht berichteten deutsche Konsulatsbeamte von Visumbewerbern, die mit vier oder fünf immer neuen Pässen Anträge gestellt hatten.

Das stärkste Argument für einen Asylantrag sehen Serben und Mazedonier aber nicht in den Löhnen, sondern in der gesundheitlichen Versorgung. Von den in der vergangenen Woche aus Westeuropa nach Belgrad abgeschobenen 90 Personen waren wenigstens 13 schwer krank ausgereist und jetzt in einem stabilen Zustand wieder zurückgekommen. Sie wurden nicht nur soweit wie möglich kuriert, sondern vor allem auch mit medizinischen Hilfsmitteln wie Stöcken oder Rollstühlen versorgt. In den Balkanländern ist das Gesundheitswesen hoffnungslos marode.

"Die Behandlung der Kranken wird ein immer wichtigeres Motiv", hat auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beobachtet. In Mazedonien und Serbien werben inzwischen skrupellose "Vermittlungsagenturen" mehr und mehr mit diesen Heilungschancen.

Jedenfalls boomt für die Agenturen das Geschäft. Es gibt nicht nur jeden Tag viele Sonderfahrten von Bussen mit Asylbewerbern aus den Balkanländern nach Deutschland und Skandinavien. Auch die Flugzeuge von Belgrad nach Dortmund und Memmingen sind mit Roma und Sinti gut besetzt.Berlin. Kein Job, keine Wohnung, keine Arztversorgung, keine Schule: Das Leben für die Roma in Serbien und Mazedonien ist schwer. Viele versuchen, nach Deutschland zu gelangen. Insbesondere Unions-Politiker - allen voran Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) - laufen nun Sturm gegen die "ungebetenen Gäste" vom Balkan. Menschenrechtler halten das für Hysterie, Panikmache - und erste Wahlkampfmanöver.

In den 90er Jahren erlebte Deutschland einen Flüchtlings-ansturm. Im Rekordjahr 1992 wurden mehr als 400 000 Asylsuchende gezählt. Seitdem ist die Zahl drastisch geschrumpft. Im laufenden Jahr - von Anfang Januar bis Ende September - baten gerade mal rund 40 000 Menschen um Asyl. Ihre Unterkünfte sind in vielen Kommunen trotzdem überfüllt. Bei Friedrich und anderen schrillen die Alarmglocken: Schuld ist ein deutlicher Anstieg der Zahlen aus Serbien und Mazedonien.

Von den Asylbewerbern im September kam ein gutes Drittel aus den beiden Balkanländern - etwa 2400 Menschen. Im August waren es noch weniger als die Hälfte. Kein Vergleich zu den Dimensionen der 90er Jahre, aber doch zu viel aus Sicht einiger Politiker.

Friedrich will nun sogar Bundespolizisten einsetzen, die beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge helfen, die Anträge im Eiltempo zu bewältigen, damit die Asylbewerber wieder verschwinden. Und: Er will die Barzahlungen an Asylsuchende aus beiden Staaten kürzen. Das Minus beim Geld soll ihnen die Lust an Deutschland nehmen.

Günter Burkhardt ärgert die Diskussion. "Es wird der Eindruck vermittelt, es gehe um eine riesige Bedrohung, die auf uns zukommt", sagt er. "Das ist absurd." Burkhardt ist Geschäftsführer und Mitbegründer der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl. Es gehe um einige hundert Menschen, betont er. "Das ist keine horrende Zahl." Wenn Friedrich von massenhaftem Asylmissbrauch spreche, schüre er Vorurteile. Hysterisch sei das - und Stimmungsmache, kritisiert Burkhardt. "Man spielt mit ausländerfeindlichen Ressentiments." Seiner Meinung nach werfen die anstehenden Wahlen - in Niedersachsen, Bayern und dem Bund - ihre Schatten voraus.

Pro Asyl vermutet, dass die Asylsuchenden aus Serbien und Mazedonien vor allem Roma sind, die vor schlechten Lebensbedingungen und dem nahenden Winter in ihrer Heimat fliehen. "Die Situation der Roma auf dem Balkan ist besorgniserregend", sagt Burkhardt. Die Volksgruppe lebe dort am Rande der Gesellschaft und werde massiv diskriminiert.

Roma sind mit bis zu zwölf Millionen Menschen in den 27 EU-Ländern die größte ethnische Minderheit Europas. Sie gehören zu den am meisten von Armut, Arbeitslosigkeit und Analphabetismus betroffenen Gruppen auf dem Kontinent. Foto: dpa