„Nicht alles ist inszeniert“

Eine historische Umarmung oder ein Satz, der in die Geschichte einging: Jedem von uns fällt hierzu spontan ein Beispiel ein. SZ-Redaktionsmitglied Fatima Abbas sprach mit Dietmar Hüser, Zeithistoriker an der Saar-Uni, darüber, wie Symbole das Weltgeschehen prägen.

Wie wichtig sind Gesten und Symbole in der Politik?

Hüser: Man kommt immer weniger ohne sie aus. Sie sind Teil der praktischen Politik geworden. Die Inszenierung von Politik wird auch durch die Massenmedien immer wichtiger.

Wie viel davon ist denn inszeniert und wie viel spontan?

Hüser: Obamas Japan-Besuch war lange geplant. In den Auswärtigen Ämtern wird sehr genau überlegt, wie weit eine Geste gehen soll. Doch im Falle von Kohl und Mitterrand im Jahr 1984 in Verdun deutet vieles darauf hin, dass es sich bei dem Händedruck um eine spontane Geste handelte. Das war auch bei Bundespräsident Gauck der Fall, als er das französische Oradour-sur-Glane besuchte. Dort hatte die SS-Division 1944 ein ganzes Dorf umgebracht. Als er Hollande umarmte, geschah das aus dem klaren Bewusstsein und der Verantwortung für die eigene Geschichte heraus. Es ist also nicht alles inszeniert.

Sind Gesten ein Gradmesser für die Verarbeitung der eigenen Geschichte ?

Hüser: Das kann man so sagen. Die Japaner sind zurückhaltend, was Gesten angeht, weil die Bereitschaft, sich kritisch mit der eigenen Geschichte zu befassen dort eher gering ist. Auch Staaten wie Ungarn tun sich damit schwer, weil die eigene Vergangenheit zu weiten Teilen nicht kritisch beleuchtet wird. Gesten sind ein Gradmesser für Zivilisiertheit, für die Bereitschaft bei Konflikten auf Gewalt zu verzichten.

Hätte sich Obama in Japan entschuldigen müssen?

Hüser: Ich hätte mir durchaus eine Entschuldigung dafür vorstellen können, dass es unverhältnismäßig war, kurz vor Kriegsende die Atombombe abzuwerfen. Andererseits hätte er dann auch sagen müssen, dass Japan aus Sicht der Amerikaner der Aggressor war, der mit seinem Angriff auf Pearl Harbor Ende 1941 den Eintritt der Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg heraufbeschwor. Das macht eine Entschuldigung in diesem Fall schwierig. Gesten sind interpretierbarer als klare Sätze.