Nachwehen von Sturm "Sandy" zwingen zur Improvisation

Nachwehen von Sturm "Sandy" zwingen zur Improvisation

Washington. Der Wahltag in den USA begann gestern mit einer Nachricht, die Symbolkraft haben könnte: Dixville Notch (Bundesstaat New Hampshire) wählte unentschieden, es gab fünf Stimmen für Präsident Barack Obama und fünf Stimmen für Mitt Romney. 2008 war es Obama noch gelungen, die 40-jährige republikanische Vorherrschaft in dem Dorf zu brechen

Washington. Der Wahltag in den USA begann gestern mit einer Nachricht, die Symbolkraft haben könnte: Dixville Notch (Bundesstaat New Hampshire) wählte unentschieden, es gab fünf Stimmen für Präsident Barack Obama und fünf Stimmen für Mitt Romney. 2008 war es Obama noch gelungen, die 40-jährige republikanische Vorherrschaft in dem Dorf zu brechen. Seit 1960 ist Dixville Notch nahe der Grenze zu Kanada der erste Ort der USA, in dem der Präsident gewählt wird.Das Ergebnis aus Dixville Notch stand stellvertretend für einen vielfach prognostizierten knappen Wahlausgang, über den es heute morgen erste Gewissheit geben sollte - und damit auch für die Möglichkeit, dass dann um den Sieger der Nacht noch wochenlang weiter vor Gerichten gerungen wird. Im Jahr 2000 gab es eine solche Konstellation mit dem Nachzähl-Drama im "Swing State" Florida, wo George W. Bush mit nur 537 Stimmen Vorsprung und der Rückendeckung des Obersten Gerichtshofs Al Gore besiegte. Beide Parteien hatten deshalb jede Menge Beobachter und Anwälte in jenen Staaten in Stellung gebracht, wo ein "Fotofinish" möglich erschien - vor allem in Ohio und Florida.

Obamas Hoffnung auf Wandel

In Ohio hat ein Gerichtsverfahren begonnen, in dem es um die Berücksichtigung von vorläufigen Stimmzetteln geht, deren Auszählung erst vom 17. November an möglich sein könnte. Sollte es in Ohio einen Sieger mit nur wenigen tausend Stimmen gegen, müsste bis zu diesem Datum mit einem offiziellen Ergebnis für Ohio gewartet werden. In dem Bundesstaat wurde gestern die Wahlbeteiligung als "spektakulär" bezeichnet.

"Wir sind in einer starken Position, zu gewinnen. Aber das ist alles nur Theorie, bis die Leute ihre Stimme abgegeben haben", zeigte sich Obama-Berater David Axelrod gestern noch einmal vorsichtig optimistisch. Viele Prognosen sagten einen Sieg Obamas vorher, der vor allem in den meisten für die Wahlmänner-Vergabe wichtigen Bundesstaaten zuletzt knapp vorn lag. Bei seinem letzten Auftritt vor Anhängern in Des Moines (Bundesstaat Iowa) war dem Präsidenten die emotionale Belastung deutlich anzusehen. Als er darüber redete, mit wie viel Hoffnung auf Wandel seine Bewerbung vor vier Jahren begleitet wurde, hatte er Mühe, die Fassung zu bewahren - und Beobachter sahen auch eine Träne. Obama verbrachte den Wahltag wie 2008 in Chicago, besuchte Wahlhelfer und telefonierte mit Unterstützern. Mitt Romney warb unterdessen weiter in Ohio und Pennsylvania um Stimmen. Mancherorts nahmen Bürger stundenlange Wartezeiten in Kauf, um wählen zu können. Ebenfalls wurden Probleme mit den elektronischen Wahlmaschinen gemeldet.

Erschwerte Bedingungen

In einigen von Hurrikan "Sandy" in Mitleidenschaft gezogenen Gebieten war gestern die Stimmabgabe zudem nur unter extrem erschwerten Bedingungen möglich. Auf Staten Island in New York wurde, weil es noch keinen Strom gab, der Eingang zu einer Schule von Polizisten mit Fackeln beleuchtet. Die Ordnungshüter besorgten auch Sprit für einen Notstromgenerator. Die Temperatur im Wahllokal betrug ein Grad über Null. In den Bundesstaaten New York und New Jersey wurde aufgrund der Benzin-Knappheit ein Fahrservice organisiert, der Wähler von Notunterkünften zu Wahllokalen brachte. New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo erließ eine Anordnung, der zufolge ein Wähler seine Stimmabgabe an jedem Wahllokal abgeben konnte - eine Maßnahme, die auch New Jersey übernahm. Dort wurde gestern allerdings ein Bezirk nach einer neuen Wintersturm-Warnung erneut evakuiert. Viele Bürger zeigten sich entschlossen, sich durch die Folgen der Naturkatastrophe nicht von der Wahl abhalten zu lassen. "Nichts ist wichtiger, als seine Stimme abzugeben", sagte Alex Shamis, als er Reportern auf Staten Island sein mit Schlamm gefülltes Haus zeigte.

Warten auf Strom

Eine Ansicht, die auch Annette DeBona aus dem schwer beschädigten Ort Point Pleasant Beach in New Jersey teilte. Sie wartet seit acht Tagen auf Strom, doch das schien gestern für einen Augenblick vergessen. "Das ist die glücklichste Stimmabgabe meines Lebens", sagte sie der "New York Post". Die 73-Jährige war so besorgt angesichts der Hurrikan-Folgen, dass sie mehrere Tage vor der Wahl Feuerwehr und Polizei anrief, um sicherzustellen, wo sich ihr Wahllokal befand. Es war in einem Nachbarort - und Annette DeBona stimmte gestern für Mitt Romney.

Am Rande

Der Kandidat der Republikaner für das Amt des US-Vizepräsidenten, Paul Ryan, ist mit seinen Kindern zur Wahl erschienen. Der 42-Jährige zeigte zweien seiner drei Sprösslinge, wie die Stimmabgabe genau funktioniert. Ryan wählte am Dienstagmorgen (Ortszeit) zusammen mit seiner Frau Janna in Janesville im Bundesstaat Wisconsin. Zuvor hatten bereits der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney und der demokratische Vizepräsident Joe Biden ihre Stimmen abgegeben. dpa Auch im Dorf Kogelo im Westen Kenias werden die Präsidentschaftswahlen interessiert verfolgt. "Ich bete für ihn, dafür, dass ihm Gott zur Seite steht", sagte gestern in Kogelo die 90-jährige Sarah Obama, die Großmutter von US-Präsident Barack Obama. Die alte Dame ist die dritte Frau von Obamas Großvater väterlicherseits. Auch ohne Blutsverwandtschaft sprach der Amtsinhaber stets liebevoll von seiner "Mama Sarah", die in der Grenzregion zu Uganda wohnt. afp