Nach der Halbzeit der SPD-Regionalkonferenzen zeichnet sich noch immer kein Favorit ab.

Zwischenbilanz SPD-Regionalkonferenzen : Genossen-Wechsel im Minutentakt

Auf der Suche nach einer neuen Spitze gehen die Regionalkonferenzen der SPD weiter. Bisher geben sie wenig Aufschluss über die Chancen der Bewerber.

Die Kandidatenkür der SPD für ihre neuen Parteivorsitzenden steuert auf die Halbzeit zu. Zehn von insgesamt 23 Regionalkonferenzen sind absolviert, auf denen sich jetzt noch sieben Kandidatenpaare und ein Einzelbewerber der Basis vorstellen. Wie ist es bisher gelaufen?

Die Veranstaltungen: Im Durchschnitt kamen etwa 700 Interessierte. Jeweils rund 250 schauten im Internet zu. Das Format ist immer gleich: Erst stellen sich die Paare fünf Minuten lang vor, dann bekommen sie ziemlich gleiche inhaltliche Fragen gestellt, für deren Beantwortung jedes Paar nur eine Minute Zeit hat. Anschließend richtet das Publikum Fragen an ein Paar oder den Einzelbewerber, die Antworten dürfen maximal eine Minute dauern. Es wird darauf geachtet, dass alle gleich oft drankommen. Das Ganze wirkt zwar flott, Kontroversen entstehen so freilich nicht. Alle Kandidaten haben inzwischen gelernt, sich ihren Beifall zu holen. Einige wiederholen dafür die immer gleichen Sprüche. Der Eindruck: Hat man eine Veranstaltung gesehen, hat man alle gesehen.

Die Kandidaten: Ein echtes Favoritenpaar ist nicht erkennbar. Auffällig ist, dass das Paar Hilde Mattheis und Dierk Hirschel die wenigsten Fragen gestellt bekommt. Alle Paare bemühen sich sehr um harmonisches Auftreten. Ralf Stegner und Gesine Schwan sind die einzigen, die sich schon auf offener Bühne widersprachen. Und zwar in Bremen, als Stegner vehement für einen Austritt aus der großen Koalition warb und Schwan entgegnete, dazu müsse man wissen, was hinterher komme. Stegner ist der beste Saalredner für sozialdemokratisches Publikum. Das Paar Michael Roth und Christina Kampmann zelebriert, dass sie die jüngsten Bewerber sind. Einmal traten die beiden in modischen Europa-Kapuzenpullis auf. Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken haben seit neuestem die offizielle Unterstützung der Jungsozialisten. Sie und das Duo Boris Pistorius und Petra Köpping geben sich als bodenständig-ehrliche Basisvertreter. Beide Paare kommen sehr sympathisch rüber. Das Paar Olaf Scholz und Klara Geywitz steht dem allerdings kaum nach. Scholz, dem mitunter eine kritische Stimmung entgegenschlägt, betont oft seine Herkunft aus kleinem Hause und seine sozialen Leistungen. Karl Lauterbach und Nina Scheer fallen in der Wirkung etwas auseinander. Scheer redet fast nur über Klimaschutz. Lauterbach ist thematisch breiter aufgestellt und versteht es, mit einfachen Sätzen Saalpunkte zu gewinnen. Der Einzelbewerber Karl-Heinz Brunner wird wenig gefragt.

Die Themen: Es gibt nicht das eine Thema. Die Fragen reichen von grundsätzlichen Einstellungen bis zu Spezialfragen. Was er denn tun wolle, um mehr Aufladestationen für elektrische Behindertenrollstühle zu schaffen, musste Scholz zum Beispiel einmal beantworten. Auffällig ist, dass Distanz zur Groko häufig beklatscht wird. Lauterbach/Scheer setzen darauf am stärksten, indem sie den sofortigen Ausstieg als ihr Kernanliegen präsentieren. Die anderen sind da mit Ausnahme von Mattheis/Hirschel weniger eindeutig. Roth verspricht immerhin, dass er als SPD-Vorsitzender nicht mehr der Regierung angehören will. Zweites Generalthema: Gerechtigkeit, allen voran Verteilungs- und Steuergerechtigkeit, etwa die Vermögenssteuer. Walter-Borjans, der als ehemaliger Finanzminister in NRW die Schweizer Steuer-CDs aufkaufte, macht hier etwas mehr Punkte. Klimaschutz haben alle im Programm. Ebenso Frauenrechte und Kampf gegen rechts.

Der weitere Plan: Noch 13 Regionalkonferenzen bis zum 12. Oktober; dann findet die letzte im Truderinger Festsaal bei München statt. Anschließend dürfen die 430 000 SPD-Mitglieder abstimmen, wer sie künftig führen soll. Rund 400 000 von ihnen werden die Kandidaten trotz des Marathons bis dahin nicht live gesehen haben. Sie werden wohl nach Flügelzugehörigkeit (Vorteil Walter-Borjans) und Prominenz der Bewerber (Vorteil Scholz) entscheiden. Und nach Gefühl. Egal, was auf den Regionalkonferenzen gesagt wurde.