Mursi spaltet Ägypten

Millionen Ägypter haben Machthaber Mursi am Jahrestag seines Amtsantritts zum Rücktritt aufgefordert. Bei den Demonstrationen kam es zu Gewaltausbrüchen. Mindestens zwei Menschen starben.

Mit wehenden Fahnen und lautstarken Sprechchören haben laut Militärangaben "mehrere Millionen" Ägypter gegen ihren Präsidenten Mohammed Mursi protestiert. Am ersten Jahrestag seines Amtsantritts riefen die Menschen in Kairo und anderen Städten dem Staatschef "Verschwinde!" entgegen. Ähnliche Szenen hatten sich im Arabischen Frühling 2011 bei den Protesten gegen den damaligen Machthaber Husni Mubarak abgespielt.

Mehrere Demonstrationszüge zogen am Abend zum Präsidentenpalast in Kairo. Oppositionsaktivisten kündigten an, dortbleiben zu wollen, bis Mursi zurücktrete. Wenige Kilometer von den Protestierenden entfernt versammelten sich im Kairoer Vorort Nasr-City Zehntausende Anhänger der islamistischen Parteien, um ihre Solidarität mit Mursi zu bekunden. Einige von ihnen trugen Stöcke und Helme bei sich.

Aus mehreren Städten wurden Zusammenstöße von Befürwortern und Gegnern Mursis gemeldet. Laut lokalen Medien wurden mehrere Büros der Muslimbruderschaft mit Brandsätzen angegriffen, unter anderem im Kairoer Stadtteil Mokattam sowie in den Provinzen im Nil-Delta Scharkija und Dakahlija. In der Stadt Beni Sueif eskalierte die Gewalt vor dem Büro der Muslimbrüder. Dabei gab es nach Angaben der Sicherheitskräfte einen Toten. In der Provinz Assiut feuerten Unbekannte von einem Motorrad ebenfalls vor dem Büro der Muslimbrüder auf Demonstranten - auch dort starb ein Mensch. In Alexandria, in Port Said und in der Tempelstadt Luxor gingen ebenfalls tausende Menschen auf die Straßen. In Alexandria klagten mehrere Demonstranten über Vergiftungserscheinungen, nachdem sie von Unbekannten am Straßenrand umsonst Flaschen mit Wasser und Limonade erhalten hatten. Medien berichteten zudem, bei Gewalt zwischen Islamisten und Regierungsgegnern in der Stadt Al-Mansura seien 17 Menschen verletzt worden.

In einem südlichen Kairoer Stadtteil explodierte ein selbst gebauter Sprengsatz. Das Innenministerium erklärte, es seien zuletzt zahlreiche Gewehre beschlagnahmt worden.

Die Massenproteste markieren das Ende einer Unterschriftenkampagne, mit der die Protestbewegung den Staatschef zum Rücktritt zwingen will. Seit Anfang Mai sammelten die Initiatoren von "Tamarud" (Rebellion) nach eigenen Angaben mehr als 22 Millionen Unterschriften gegen den Präsidenten. Die Opposition wirft Mursi vor, er handele nicht wie ein Präsident für alle Ägypter, sondern sei vor allem daran interessiert, die Macht der Muslimbruderschaft auszubauen. Die massiven wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes habe er nicht gelöst. Deshalb habe er seine Legitimität verloren und müsse abtreten.

Für die Muslimbrüder, als deren Kandidat Mursi angetreten war, kommen Neuwahlen nicht infrage. Ein Sprecher des Staatsoberhaupts rief die Protestbewegung zum Dialog auf. Der Berater der Muslimbruderschaft, Gehad al-Haddad, forderte die Opposition auf, zu akzeptieren, dass Mursi durch faire und freie Wahlen ins Amt gekommen sei. Er betonte, die Anhänger Mursis würden nichts tun, solange die Demonstrationen friedlich blieben. Allerdings fügte er hinzu: "Die Mauern des Präsidentenpalasts sind eine rote Linie."

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HintergrundDie islamistische Muslimbruderschaft war über Jahrzehnte in Ägypten verboten. Nach dem Sturz des Langzeitpräsidenten Husni Mubarak 2011 gewann Mohammed Mursi die Präsidentenwahl im Juni 2012 als Kandidat der Muslimbruderschaft. Bei seinem Amtsantritt legte er formell seine Mitgliedschaft nieder. Gegründet wurde die Bewegung 1928 vom ägyptischen Volksschullehrer Hassan al-Banna. Damals verstand sie sich als Bewegung zur Wiederbelebung des "wahren Islams". Den Westen mit seinen "verderblichen Einflüssen" nahm sie als existenzielle Bedrohung wahr. dpa