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Lindner auf Lambsdorffs Spuren

Lindner auf Lambsdorffs Spuren

Nüchtern betrachtet fällt die Bilanz von FDP-Chef Lindner nach einem Jahr an der Spitze desaströs aus. Doch der 35-Jährige will die Wende schaffen – und beschwört quasi den Geist des „Marktgrafen“.

Christian Lindner hält seine rechte Handfläche hoch: "Ganz trocken." Gerade ist der FDP-Chef gefragt worden, ob er feuchte Hände bekommt, wenn er an die mickrigen Umfragewerte von zwei bis drei Prozent denkt. Über 15 Monate seit dem historischen Rauswurf aus dem Bundestag will Lindner den trüben Ist-Zustand seiner Partei am liebsten einfach wegwischen. An seinem Horizont ist nur ein Ziel wichtig: Allein 2017 zählt, das Jahr der nächsten Bundestagswahl. Das erklärte der 35-Jährige gestern den 200 Liberalen, die zum "Freiheitskonvent" gekommen sind. Auch Ex-Gesundheitsminister Daniel Bahr zeigt sich.

Lindner redet seinen Leuten ins Gewissen. Das hier sei keine "Versammlung von Trauerklößen", ruft er in den Saal. "Niemals", antwortet ein junger Mann. Er und alle anderen Parteimitglieder, die in ein paar Monaten in Hamburg (Februar) und Bremen (Mai) der Häme trotzend im kalten Wind der Fußgängerzonen stehen werden, um die Bürger von der neuen FDP zu überzeugen, sollen den Menschen das "FDP-Lebensgefühl" näher bringen. Also: Sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Nicht auf den Staat zu warten. Das zielt auf die große Koalition. Lindner wirft Union und SPD vor, bräsig und selbstverliebt Deutschlands Stärken zu verspielen - etwa mit dem sündhaft teuren Rentenpaket.

Weniger Staatsgläubigkeit, mehr Marktwirtschaft und klare Ansagen: Klingelt da was? Lindner scheint sich immer deutlicher in der Spur von Otto Graf Lambsdorff zu bewegen. Der 2009 verstorbene "Marktgraf" ist nicht nur in der FDP eine Legende. Mit seinem "Wendepapier" von 1982 für eine marktwirtschaftliche Erneuerung Deutschlands schrieb der damalige Wirtschaftsminister Geschichte. Davon sind Lambsdorffs liberale Erben derzeit meilenweit entfernt. Dennoch könnte der lange Selbstfindungsprozess unter Lindner nun in eine klare strategische Ausrichtung münden.

Auf diesem Feld dürfte Lindner, der vom mitfühlenden "Säuselliberalismus" seines Vorgängers Philipp Rösler rein gar nichts mehr wissen will, noch am ehesten Erfolgschancen sehen, weil die Wirtschaft sich durch schwarz-rote Projekte (Mindestlohn , Frauenquote) gegängelt fühlt. So überrascht es nicht, dass Lindner scharf gegen die Fortführung des Steuer-"Soli" Front macht oder das Mindestlohn-Ja im Bundestag (bei nur fünf Nein-Stimmen) mit Abstimmungsergebnissen in der DDR vergleicht.

Aber wo bleibt die Machtperspektive? Lindner muss es schaffen, dass in drei Jahren neben Schwarz-Grün, einer Fortsetzung der großen Koalition oder Rot-Rot-Grün auch die Option Schwarz-Gelb wieder im Schaufenster liegt. Das wird hart: Denn die politische Konkurrenz versucht längst, liberale Werte und Wähler aufzusaugen.