Krieg in den Straßen von Kiew

Krieg in den Straßen von Kiew

Noch am Montag hatte die Opposition in der Ukraine Zugeständnisse gemacht und besetzte Gebäude freigegeben. Gestern eskalierte die Situation in Kiew erneut. Bei Straßenschlachten gab es mehrere Tote.

Der Machtkampf in der Ukraine ist nach Wochen angespannter Ruhe blutig eskaliert. Mindestens 13 Menschen wurden bei Ausschreitungen zwischen Opposition und Polizeieinheiten in der Hauptstadt Kiew gestern nach Angaben der Polizei getötet, 400 wurden verletzt. Die Lage spitzte sich am Nachmittag dramatisch zu, als Sicherheitskräfte auf den Unabhängigkeitsplatz Maidan vorrückten. Dort befanden sich schätzungsweise 20 000 Menschen. Am Abend hatten laut Berichten von örtlichen Medien bewaffnete Sicherheitskräfte begonnen, den Platz mit Wasserwerfern zu stürmen. Die Demonstranten griffen demnach die Polizisten mit Brandsätzen an. Teile des Zeltcamps der Regierungsgegner gingen in Flammen auf. Zudem kam es zu Explosionen.

Angesichts der massiven Gewalt traf sich Präsident Viktor Janukowitsch noch am späten Abend mit Oppositionsführern, darunter Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko. Der seit Monaten andauernde Machtkampf hatte sich an der prorussischen Politik des Präsidenten entzündet. Die Opposition verlangt unter anderem eine Stärkung der parlamentarischen Rechte in der früheren Sowjetrepublik.

Nach jüngsten Angaben der Behörden wurden bei den Krawallen sechs Polizisten und fünf Zivilisten getötet. Die getöteten Demonstranten sollen mit Schüssen in Herz und Kopf aufgefunden worden sein. Die Opposition machte Mitglieder der Polizei-Spezialeinheit Berkut (Steinadler) verantwortlich. Zudem wurden zwei weitere Leichen entdeckt, die keine Zeichen von Gewaltanwendung aufwiesen.

Bei der Erstürmung eines Büros der regierenden Partei der Regionen in Kiew durch Regierungsgegner wurde nach Angaben der Rettungskräfte mindestens ein Mann getötet. Die U-Bahn Kiews wurde am Nachmittag gesperrt. Damit drohte der Nahverkehr in der Metropole mit etwa 2,8 Millionen Einwohnern zusammenzubrechen. Sicherheitskräfte rückten gegen die Barrikaden der Regierungsgegner auf dem Maidan vor. Sie setzten Rauchgranaten ein, berichteten Medien. Demonstranten warfen Brandsätze. Radikale Regierungsgegner besetzten nach Polizeiangaben erneut das Gebäude der Stadtverwaltung in Kiew. Die Oppositionelle hatten das Gebäude erst am Montag nach monatelanger Besetzung verlassen. Im Gegenzug hatte die Justiz mehr als 240 festgenommene Protestierer begnadigt. Gestern drangen Regierungsgegner auch in den Sitz der Regionalregierung und in das Polizeirevier in Lwiw ein.

Die ukrainische Führung forderte die internationale Gemeinschaft auf, die Gewalt von Regierungsgegnern zu verurteilen. "Radikale Kräfte haben in Kiew und anderen Städten der Ukraine einen neuen, durch nichts zu rechtfertigenden Ausbruch von Gewalt und Gesetzlosigkeit initiiert", zitierten Medien Außenminister Leonid Koschara.

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