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Kramp-Karrenbauer stellt Weltraumkommando der Bundeswehr in Dienst

Weltraumkommando der Bundeswehr : Wie die Truppe das Weltall inspiziert

Neuland im Internet war gestern; heute betritt die Bundeswehr eine für sie neue Dimension: das All. Im niederrheinischen Uedem hat Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer am Dienstag das Weltraumkommando in Dienst gestellt.

Dichte Regenwolken bedecken den Himmel, doch elf Sterne leuchten trotzdem golden an diesem Dienstag im Bundeswehr- und Nato-Standort auf dem Paulsberg im niederrheinischen Uedem. Es ist ein Stelldichein der Ein-, Drei- und Viersterne-Generäle, denn es wird deutsche Militärgeschichte geschrieben. Mit dem schwungvollen Wegziehen eines Tuches über dem Eingang eines neuen Gebäudes stellt Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer das „Weltraumkommando der Bundeswehr“ in Dienst.

Es scheint so etwas wie ihr persönliches Mondfahrtprojekt zu sein. Denn bei ihrer Ansprache greift die CDU-Politikerin die Worte von Neil Armstrong auf, die er sprach, als er als erster Mensch den Mond betrat – für ihn ein kleiner Schritt, aber ein großer Sprung für die Menschheit. Auch für die Ministerin ist das Enthüllen des Schriftzuges ein kleines Ding, aber für die Bundeswehr ein großer Schritt. Greift die Truppe vom Niederrhein nun nach den Sternen? Orientiert sie sich nun an den legendären Weltraumhelden der „Raumschiff-Orion“- und „Star-Wars“-Kämpfe, die die Ministerin sogleich erwähnt?

Die offizielle Sprachregelung geht ins Gegenteil. „Defensiv“ sei die Bundeswehr im All unterwegs, betont Kramp-Karrenbauer. Und Generalinspekteur Eberhard Zorn argumentiert, dass Deutschland kein Wettrüsten im Weltraum wolle und deshalb natürlich auch selbst nicht dazu beitragen werde.

Doch die Bedrohung ist da, auch deutsche Satelliten hätten schon Annäherungen von mutmaßlichen Spionage-Satelliten erlebt, berichtet General Burkhard Pototky, Kommandeur der neuen 80-köpfigen Weltraum-Truppe, die auf 250 Dienstposten aufwachsen soll. Auf Nachfrage nach der Herkunft der Angreifer verweist er darauf, dass Russland und China über Offensivpotenzial im All verfügten. Die Antwort der Bundeswehr auf Attacken im Weltraum ist eine doppelte: Die eigenen Satelliten sind elektromagnetisch gegen Laser- und andere Angriffe geschützt und können sich wegdrehen. Zum anderen setzt Deutschland auf die internationale Kooperation und gemeinsame Antworten von Partnern. Die USA, Australien, Neuseeland, Kanada, Großbritannien und Frankreich sind verknüpft und tauschen sich aus.

Bundeswehr und das ebenfalls engagierte zivile Zentrum für Luft und Raumfahrt bringen Daten zur Lage im Weltraum ein, deren Qualität alle beeindrucken. Dazu schaltet sich das Weltraumlagezentrum beim Besuch der Ministerin von Uedem nach Koblenz. Auf der dortigen Schmidtenhöhe steht das erste Gestra-System. Noch ist der hochauflösende Weltraumabtaster ein Prototyp, nächstes Jahr soll Gestra in Serie gehen und das Lagebild mit Standorten in anderen Ländern komplettieren. Von Uedem aus steuern die Weltraum-Soldaten mit ihren zivilen Kollegen den Radar-Sender und den -Empfänger in Koblenz. Mit ihm können sie 36 000 Kilometer ins All schauen und modernste Technik und gefährlichen Schrott identifizieren und die jeweiligen Bahnen berechnen. Das ermöglicht den Überwachern vom Niederrhein, Alarm auszulösen, wenn sich gefährliche Kollisionen abzeichnen oder ein Rücksturz zur Erde naht. Schon jetzt sind fast 30 000 Objekte gelistet. In den nächsten Jahren sollen Zehntausende weitere dazukommen.

Feldwebel Pascal Rink hat deshalb auf seinem Bildschirm auch ein ganz anderes Bild von der Erde, als man es gewöhnlich kennt. Jedes Objekt, das die Erde umkreist, ist mit einem roten Punkt markiert. Das ist kein blauer Planet mehr. Das ist einer, der feuerrot glüht, wie die Sonne. Es zeigt sich darin auch die Gefährdung des modernen Lebens. Wenn die Satelliten ausfallen oder ausgeschaltet werden, läuft auch in Deutschland nichts mehr. Keine Kommunikation, keine Geld­überweisungen, keine Ortung. Nur Chaos. Für die Bundeswehr ist das Grund genug, dem Beispiel anderer Länder zu folgen und die Fähigkeiten zu bündeln – seit Dienstag also in Uedem, von wo aus die Nato bereits die Luftraumüberwachung für ganz Nordeuropa steuert.

Die nächste Live-Schalte geht nach Rheinbach, zum dortigen CIR, dem Operationsbereich für den Cyber- und Informationsraum. Hier meldet sich das BITS, das Betriebszentrum IT-Systeme, denn natürlich sind die sechs bundeswehreigenen Satelliten auch angebunden. Sie kreisen in einer erdnahen Umlaufbahn, liefern Lagebilder aus den Einsatzgebieten und begleiten etwa Schiffe der Marine auf ihren Fahrten.

Es ist eine komplexe Materie, in die sich die Bundeswehr hier zu bewegen beginnt. Sie ist gekennzeichnet von Umlaufbahnen in 500 bis 800 Kilometern Entfernung, von geostationären Satelliten in 36 800 Kilometern Entfernung, von Satelliten-„Friedhöfen“ und eigenen Parzellen. Und von ganz viel Physik: Wer das Tempo eines Satelliten verändert, wechselt zugleich seine Höhe, und wenn zwei Objekte aufeinander zurasen, entwickeln sie eine Aufprallgeschwindigkeit von 15 Kilometern in der Sekunde – das ist zehn Mal mehr als eine Panzergranate drauf hat.

Alle Weltraumobjekte befinden sich in einem rechtlichen Graubereich. Der Weltraum, so beschwört es Kramp-Karrenbauer, dürfe nicht „zum Wilden Westen werden“, und deshalb gehöre es zum deutschen Engagement im All, sich für ein „robustes Regelwerk“ einzusetzen mit klaren Vorgaben, was im All erlaubt ist. Und vor allem: was nicht. Damit schwenkt die Verteidigungsministerin dann doch von der Defensive in die Offensive, indem sie umgehend auf den „ersten Katastrophenfall“ im Landkreis Anhalt-Bitterfeld verweist. Ein Cyberangriff habe die gesamten öffentlichen Dienstleistungen in einem ganzen Landkreis für eine Woche lahmgelegt. Dem stellt sie die ausgebauten CIR-Fähigkeiten entgegen und führt das Prinzip der Abschreckung für die Bundeswehr ins Internet ein. Erst wenn der Gegner befürchten müsse, selbst schwer getroffen zu werden, werde er von seinen Angriffen ablassen.