Kinder – ausgebeutet in Textilfabriken

Kinder – ausgebeutet in Textilfabriken

Eigentlich sollten sie die Schulbank drücken, doch viele syrische Flüchtlingskinder sitzen in der Türkei an Nähmaschinen – nicht nur in illegalen Kleinbetrieben, sondern auch in Fabriken, die für bekannte Mode-Labels arbeiten.

Als die Polizei im westtürkischen Izmir in den ersten Tagen des Jahres eine illegale Werkstatt stürmte, stießen die Beamten auf mehr als tausend Billig-Rettungswesten, die an Flüchtlinge verkauft werden sollten. An den Nähmaschinen der Werkstatt saßen zwei minderjährige syrische Mädchen und arbeiteten. Inzwischen wird deutlich, dass nicht nur illegale Kleinbetriebe syrische Flüchtlingskinder als billige Arbeitskräfte ausbeuten. Auch in türkischen Fabriken , die für große westliche Modemarken produzieren, arbeiten minderjährige Syrer.

Viele der rund 2,5 Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei müssen sich mit illegalen Jobs durchschlagen, bettelnde syrische Kinder gehören in Istanbul längst zum Straßenbild. Ankara will nun zwar bald Arbeitsgenehmigungen für Syrer ausgeben, doch bis dahin bleibt vielen nichts anderes übrig, als sich als Tagelöhner auf dem Bau oder auf den Feldern zu verdingen - oder ihre Kinder als Fabrikarbeiter schuften zu lassen. Auf rund 400 000 wird die Zahl der illegal beschäftigten Flüchtlinge in der Türkei geschätzt.

Die Textilindustrie der Türkei, des drittgrößten Bekleidungslieferanten der Welt nach China und Bangladesch, ist eine jener Branchen, in der Flüchtlinge arbeiten. Eine Umfrage der britischen Menschenrechtsorganisation BHRRC, die sich vor allem um menschenwürdige Arbeitsbedingungen kümmert, ergab jetzt, dass auch bekannte westliche Modemarken syrische Flüchtlingskinder in der Türkei beschäftigt haben.

H&M sowie Next berichteten in der Umfrage, dass sie in einzelnen Fabriken von Zulieferern in der Türkei die Beschäftigung von syrischen Flüchtlingskindern festgestellt hätten. Die beiden Firmen kündigten an, den Kindern in Zusammenarbeit mit türkischen Fürsorge-Organisationen zu helfen und eine angemessene Schulbildung zu sichern. Während H&M und Next damit vorbildlich reagierten, wollten viele der anderen befragten Unternehmen nur sehr vage oder überhaupt keine Auskunft geben. Die Otto Group gab an, sie habe in drei Fabriken in der Türkei die Beschäftigung syrischer Flüchtlinge festgestellt, doch es seien keine Fälle von Kinderarbeit registriert worden. Esprit und s.Oliver waren laut BHRRC unter den Firmen, die nicht auf die Fragen antworteten.

Unterdessen weist die türkische Textilindustrie die Vorwürfe der illegalen Beschäftigung von Flüchtlingen und Flüchtlingskindern zurück. Es könne sich nur um Einzelfälle handeln, die aber nicht dazu dienen dürften, eine ganze Branche anzuschwärzen, erklärte Seref Fayat, Vorsitzender des türkischen Verbandes der Bekleidungshersteller. Syrische Flüchtlinge berichten jedoch immer wieder, dass ihre Lage eiskalt ausgenutzt wird. Häufig erhalten sie weniger als den staatlichen Mindestlohn von rund 400 Euro im Monat - wenn sie überhaupt Geld sehen.

Lange Zeit betrachtete Ankara die Syrer lediglich als "Gäste", von denen erwartet wurde, dass sie die Türkei irgendwann einmal wieder verlassen. Erst seit kurzem hat ein Umdenken eingesetzt. So erklärte Familienministerin Sema Ramazanoglu, 85 Prozent der Syrer im Land würden nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Die Lösung liege deshalb in der Integration der Menschen, sagte sie. Zur Eingliederung in die Gesellschaft gehören die angekündigten Arbeitsgenehmigungen für die Syrer ebenso wie Anstrengungen, syrischen Kinder von der Straße zu holen. Aber nicht nur syrische Kinder müssen in der Türkei arbeiten, statt in die Schule zu gehen: Experten schätzen die Zahl der arbeitenden türkischen Kinder auf knapp eine Million.